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"Eine Schande für die ganze Welt"

Die Bilanz der Hungerbekämpfung ist mehr als dürftig

Von Johannes Schradi

Die Zahl der Hungernden geht nicht zurück - entgegen allen Absichtserklärungen der Weltgemeinschaft. Kriege und bewaffnete Konflikte machen die Bemühungen, den Hunger zu bekämpfen, zusätzlich zunichte. Politiker und Nichtregierungsorganisationen forderten zum Welternährungstag mehr Investitionen in die Landwirtschaft. Doch ein FAO-Sondergipfel, der zum 10. Jahrestag des Welternährungsgipfels von 1996 angesetzt war, blieb Anfang November ohne greifbares Ergebnis.

Die Welternährungsorganisation FAO beziffert die Zahl der Hungernden in Entwicklungsländern auf derzeit 820 Millionen Menschen. Ein neuer "Welthungerindex", den die Deutsche Welthungerhilfe am 13. Oktober in Berlin vorstellte, kommt zu dem Ergebnis, dass es zwischen 1981 und 2003 in zwei Dritteln der untersuchten Länder Fortschritte bei der Hungerbekämpfung gegeben habe, bei einem Drittel Stagnation oder Verschlechterung. Auf den untersten zehn Plätzen der Skala rangieren durchweg Länder, die unter Konflikten und Kriegsfolgen zu leiden haben; an letzter Stelle steht Burundi. Der vom Washingtoner IFPRI-Institut entwickelte Index vergleicht die Ernährungssituation in 119 Entwicklungs- und Schwellenländern.

An negativen Begleitumständen von Konflikten nennt die Welthungerhilfe: Produktionsausfälle durch Minen, die Zerstörung von Anbauflächen und Märkten, Vertreibungen und horrende Militärausgaben. Der Index zeige zudem, dass Hunger erfolgreich zurückgedrängt werden könne, sobald Frieden herrscht. So seien in Ghana, Äthiopien, Mosambik und Angola erhebliche Fortschritte erzielt worden - wenn auch von sehr niedrigem Niveau aus. Besser stelle sich die Situation in Lateinamerika und Asien dar. Trotz hohen Wirtschaftswachstums bleibt Indien laut Index jedoch weit hinter China zurück, was die Vorsitzende der Welthungerhilfe, Ingeborg Schäuble, auf die Benachteiligung von Frauen in Indien zurückführt.

Der Leiter von IFPRI, Joachim von Braun, erhofft sich, dass das Länderranking den politischen Willen der Länder stärkt, den Hunger zu bekämpfen; oft fehle es an diesem Willen, kritisierte er. Notwendig seien vor allem Investitionen in den ländlichen Raum, eine Konzentration der Hilfe auf die ersten 18 Lebensmonate sowie bessere Bildungseinrichtungen. Wirtschaftliche Entwicklung allein führe nicht automatisch zu weniger Hunger.

Zahl der Hungernden wächst
Entwicklungsministerin Wieczorek-Zeul verwies anlässlich des Welternährungstages am 16. Oktober auf den Zusammenhang zwischen nachhaltigen Investitionen in die ländliche Entwicklung und die Reduzierung des Hungers. Sie beklagte, dass die internationalen Geber mehr Geld für Nahrungsmittelhilfe aufwendeten als sie in die ländliche Entwicklung steckten. Diesen Trend gelte es umzukehren, wenn das Recht auf Nahrung dauerhaft gesichert werden soll.

Nach UN-Angaben ist die Zahl der Hungernden im vergangenen Jahr um insgesamt elf Millionen angewachsen. Auch die Vereinten Nationen forderten mehr Investitionen in die Landwirtschaft. Die letzten beiden Jahrzehnte hätten einen "deutlichen Schwund ausländischer Hilfe für die Landwirtschaft" gezeigt, erklärte UN-Generalsekretär Kofi Annan. Öffentliche, aber auch private Mittel müssten verstärkt in den landwirtschaftlichen Bereich gelenkt werden. Der UN-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung, Jean Ziegler, beschuldigte die Industriestaaten, durch den Export billiger Nahrungsmittel die afrikanische Landwirtschaft zu ruinieren. Er forderte "massive Investitionen" in die Entwicklung der ländlichen Gebiete.

Ohne greifbare Ergebnisse blieb die Sondersitzung der FAO in Rom, die zum 10. Jahrestag des Welternährungsgipfels von 1996 angesetzt worden war. "Die Abschlusserklärung nennt weder Ursachen für die steigenden Hungerzahlen, noch enthält sie neue Impulse zur Umsetzung des Rechts auf Nahrung", kritisierte FIAN-Deutschland. Gerd Lindemann, Staatssekretär im Bundesministerium für Ernährung, hatte sich in Rom für eine bessere Überwachung des Rechts auf Nahrung eingesetzt. Bereits 2004 hatten sich die FAO-Mitgliedsstaaten auf freiwillige Leitlinien zum Recht auf Nahrung geeinigt. Eine Initiative von Ländern des Südens, allen voran Brasilien, bei der FAO ein Programm zur Land- und Agrarreform aufzulegen, scheiterte laut FIAN am Widerstand der EU, der USA, Kanadas und Japans. Alle anderen UN-Weltgipfel wurden nach zehn Jahren auf Sondergipfeln bilanziert. Beim Thema Hunger jedoch blieb es bei der Sondersitzung der UN-Sonderorganisation FAO.

Bereits vor der Sitzung hatte Ministerin Wieczorek-Zeul die Hungersituation eine "Schande für die ganze Welt" genannt. Kritik von Nichtregierungsorganisationen am deutschen Engagement wies sie zurück. Das BMZ fördere die ländliche Entwicklung "in einem breiten Ansatz" mit einem Volumen von insgesamt 350 Millionen Euro jährlich. Alle Programme würden aber nichts ändern, wenn es nicht gelingt, die Strukturen im Welthandel gerechter zu gestalten. Brot für die Welt, FIAN, Germanwatch und Misereor hatten für die unmittelbare ländliche Entwicklung nur einen Aufwand von 80 Millionen Euro genannt und einen Rückzug des BMZ aus der Entwicklung des ländlichen Raumes beklagt.

Die Grünen im Bundestag machten darauf aufmerksam, dass bei zwei Anhörungen des Entwicklungsausschusses AWZ sämtliche Experten dafür plädiert hätten, mehr Geld zur Förderung einer angepassten und nachhaltigen Landwirtschaft in den Entwicklungsländern bereitzustellen. Der Appell sei bei der Bundesregierung allerdings "auf taube Ohren gestoßen".


eins Entwicklungspolitik 22-2006