
Trends und Versäumnisse in der Ausbildung für die Entwicklungszusammenarbeit
Gesa Grundmann
Auf der Bühne der Entwicklungszusammenarbeit gibt es viele Akteure:
"Alte Hasen" und "junge Hüpfer", Entwicklungshelfer, Freiwillige, Friedensfachkräfte, Trainees, Experten der unterschiedlichsten Fachrichtungen,
Consultants, Trainer, Projekt-, Programm- und Büroleiter sowie zunehmend auch lokale Fachkräfte. Sie alle spielen eine Rolle in einem immer unübersichtlicher werdenden Berufsfeld. Welchen Veränderungen unterliegt der Sektor?
Man geht davon aus, dass insgesamt ca. 10.000 deutsche Fachkräfte in der bi- und multilateralen Entwicklungszusammenarbeit (EZ) beschäftigt sind. Die Fluktuation ist auf Grund der vielen befristeten Verträge relativ groß, jährlich werden etwa 1.300 Stellen neu ausgeschrieben. Davon sind etwa 100 Stellen explizit für Nachwuchskräfte geeignet. Das Nadelöhr für Einsteiger ist also eng und die Anforderungen sind hoch.
Die Autorin kann auf einen breiten Überblick über das Berufsfeld verweisen, denn als Mitarbeiterin des "Seminar für Ländliche Entwicklung" (SLE) der Humboldt-Universität Berlin hat sie Zugriff auf Verbleibsstatistiken der mittlerweile knapp 800 Absolventen, Umfragen unter Ehemaligen sowie engen Kontakt zu Vertretern von Abnehmerorganisationen. Das SLE bietet seit 1963 im Rahmen eines einjährigen Ergänzungsstudiums eine praxisnahe und interdisziplinäre Ausbildung für Nachwuchskräfte (vgl. Artikel S. 44).
Früher - sprich vor 15 oder mehr Jahren - reichte es für den Berufseinstieg aus, eine gute Ausbildung mitzubringen und hoch motiviert für die Arbeit im Ausland zu sein. Heutzutage wird von den Nachwuchskräften wesentlich mehr verlangt. Neben fachlichen, sprachlichen, methodischen, sozialen und interkulturellen Kompetenzen werden gute Kommunikations- und Teamarbeitsfähigkeiten gefordert, genauso wie Managementpotenzial, das Denken in politischen und wirtschaftlichen Zusammenhängen wie auch eine überdurchschnittlich hohe Stress- und Frustrationstoleranz.
Mehr Budgetfinanzierung, weniger Entsendung
Veränderungen lassen sich nicht nur bei den Anforderungen an die Fachkräfte, sondern auch bei den das Berufsfeld prägenden Rahmenbedingungen und Organisationen beobachten:
• Der politische Trend in der Entwicklungszusammenarbeit geht immer mehr in Richtung Budgetfinanzierungen und weg von der Entsendung internationaler Fachkräfte. Diese werden zunehmend durch einheimische Fachkräfte ersetzt. Das ist sinnvoll, macht sich jedoch auf dem Arbeitsmarkt spürbar bemerkbar. Selbst Experten mit viel Berufserfahrung empfinden es heutzutage als schwierig, einen "guten" Job zu bekommen.
• Die Institutionen sind durchlässiger geworden. Die Mehrheit der EZ-Fachkräfte arbeitet momentan mit befristeten Verträgen. Der Wechsel von einer Institution zur anderen ist heutzutage üblich und durchaus gewollt.
• Consultingfirmen haben bei der Durchführung von EZ-Vorhaben an Bedeutung gewonnen. Die Konkurrenz ist groß und die Arbeitsbedingungen für die Fachkräfte werden eher schwieriger (sinkende Gehälter/Honorare, ungünstigere Vertragsbedingungen, weniger zusätzliche Leistungen etc).
• Immer mehr Auslandsstellen sind nicht mehr familientauglich, da sie sich an "unsicheren" Standorten befinden. Internationale Zusammenarbeit findet zunehmend im Kontext von Nothilfe, Postkonflikt oder Krisenprävention statt, dementsprechend schwierig gestaltet sich die Gewährleistung der persönlichen Sicherheit der Experten.
• Das Berufsfeld wird eindeutig weiblicher. Die meisten Institutionen haben mittlerweile bei ihrem Personal einen Frauenanteil von über 50 Prozent erreicht, was sicherlich der gezielten Nachwuchsförderung der 90er Jahre zu verdanken ist. Noch sind nur wenige Frauen bis in die Führungspositionen der EZ-Institutionen vorgedrungen, dies dürfte jedoch nur noch eine Frage der Zeit sein.
Wie sieht es nun bei den Nachwuchskräften aus: Welche Strategien helfen beim Berufseinstieg? Spracherwerb, Alter, Praktika und die Frage nach dem "richtigen" Thema und der richtigen Region sind wohl die wichtigsten Einflussfaktoren.
Russisch, Chinesisch, Arabisch
Eindeutig verbessert haben sich die Sprachkenntnisse der am Berufsfeld EZ Interessierten. Mit Hilfe von Auslands-BAföG und speziellen Förderprogrammen gehört es mittlerweile zum Standard für jeden interessierten Studierenden, im Rahmen seines Studiums eine Weile im europäischen Ausland zu verbringen. Gutes Englisch wird von allen einschlägigen Arbeitgebern vorausgesetzt, Spanisch ist sehr beliebt, mit Französisch oder Portugiesisch sieht es schon schwieriger aus. Wesentlich aufwändiger hingegen ist es, Sprachkenntnisse in Russisch, Chinesisch oder Arabisch zu erlangen - und gerade diese Sprachen sind es, die zur Zeit die Chancen für einen schnellen und direkten Berufseinstieg erheblich erhöhen können.
Vor, während und nach dem Studium werden heutzutage Praktika im In- und Ausland absolviert, wobei die Bandbreite von kleinen NROs bis zu UN-Organisationen reicht. Praktika ermöglichen nicht nur einen ersten Einblick in die Berufspraxis, sondern bieten den Nachwuchskräften häufig auch konkrete Ansatzpunkte beim späteren Berufseinstieg.
Weniger Zielgruppenkontakt
Auffällig bei der Wahl der Auslands-Praktika ist jedoch der Trend weg vom richtigen "Zielgruppenkontakt" und hin zu übergeordneten Instanzen. So scheint ein Praktikum in der Industrie- und Handelskammer von Santiago de Chile wesentlich beliebter zu sein als die Mitarbeit bei einer NRO im ländlichen Raum Afrikas oder Zentralasiens.
Dennoch: Wie fühlt es sich an, in marginalisierten Gegenden dieser Welt zu leben? Wie funktioniert die Logik der Armut? Welchen Stellenwert haben Selbsthilfe und Unterstützungsangebote für die Verbesserung der Lebensbedingungen armer Bevölkerungsgruppen?
All dies sind Fragen, mit denen sich junge Leute persönlich auseinander gesetzt haben sollten, bevor sie sich endgültig für die EZ als ihr Berufsfeld entscheiden. Diese Forderung mag sich altmodisch anhören, ist jedoch ein Plädoyer für eine Entwicklungszusammenarbeit, bei der sich die internationalen Experten nicht auf die reine Politikberatung von Ministerien beschränken, sondern die Komplexität von Armut und die realen Lebensbedingungen der Betroffenen berücksichtigen sollten.
Problematischer Fokus auf Lateinamerika
Problematisch ist auch der relativ starke Fokus vieler Studierender auf Lateinamerika als Zielregion für Spracherwerb und Praktika, denn dieser entspricht nicht der Situation auf dem Arbeitsmarkt. Der Rückzug der EZ aus Lateinamerika findet schon seit Jahren statt. Die wenigen noch geförderten Projekte oder Programme werden mittlerweile eher mit lokalen Fachkräften besetzt als mit internationalen Nachwuchskräften.
Ein weiterer Faktor für den Berufseinstieg ist das Alter der Nachwuchskräfte. Im internationalen Vergleich zu anderen Ländern sind die deutschen Uni-Absolventen zu alt. Im Berufsfeld Entwicklungszusammenarbeit macht sich dies hauptsächlich beim Berufseinstieg in die UN-Institutionen oder in das System der Europäischen Union bemerkbar, wo es strenge Altersbegrenzungen gibt und Deutsche gegenüber dem Nachwuchs aus dem anglophonen Raum in der Regel schlecht abschneiden.
Wo bleibt das soziale Engagement?
Bei der Altersfrage sieht sich das SLE als EZ-Ausbildungsinstitution in einem gewissen Dilemma: Einerseits hätten wir gerne möglichst junge Nachwuchskräfte, andererseits legen wir Wert auf soziales und politisches Engagement, was nicht immer mit einer möglichst kurzen Studiendauer vereinbar ist. Eine solidarische Grundeinstellung sowie die Bereitschaft, sich neben dem Studium ehrenamtlich zu engagieren, sind unserer Auffassung nach wichtige Faktoren für Menschen, die in der EZ tatsächlich etwas bewegen wollen. Erfreulicherweise gibt es eine ganze Reihe junger Menschen, denen der Spagat zwischen einem zügigen und zielstrebigen Fachstudium und außeruniversitären Erfahrungen von Auslandsaufenthalten und Ehrenamt gelingt.
Auf welche Arbeitsmarktsituation treffen nun die jungen, dynamischen und gut ausgebildeten Nachwuchskräfte, wenn sie mit Ende 20 den Berufseinstieg in Angriff nehmen?
Einigen wenigen gelingt es, ihre Karriere mit einer explizit für Nachwuchs geeigneten Stelle zu beginnen und so im institutionellen Kontext Schritt für Schritt an die besonderen Herausforderungen der EZ herangeführt zu werden. Insbesondere der Einsatz in einem Kooperationsvorhaben von mehreren Durchführungsorganisationen ermöglicht es Berufsanfängern, die Grundzüge der Entwicklungszusammenarbeit kennen zu lernen, sowohl fachlich wie auch methodisch und konzeptionell auf verschiedenen Ebenen zu arbeiten und das alles in engem Austausch mit lokalen Partnerstrukturen.
Ersteinsatz in Afghanistan?
Die weitaus üblichere Variante des Berufseinstieges ist unserer Beobachtung nach jedoch der "Sprung ins kalte Wasser". Erstaunlich schnell finden sich die Nachwuchskräfte dann in schwierigen Regionen mit schwierigen Themen und relativ hoher Verantwortung wieder. Besonders auffällig ist dies im Bereich Nothilfe, wo häufig akute Personalengpässe entstehen und die Entsendeorganisationen auch junge Leute in extrem schwierige Kontexte schicken.
Ein erster Auslandseinsatz nach einer Naturkatastrophe wie dem Tsunami oder dem Erdbeben in Pakistan oder aber nach einem bewaffneten Konflikt wie in Afghanistan mag für einen Berufsanfänger eine reizvolle Herausforderung darstellen, kann die junge Fachkraft aber auch schnell an die Grenzen der Überforderung bringen. Häufig mangelt es nämlich an professionellem "Backstopping" für den Nachwuchs, der unter den dramatischen Umständen und dem hohen Verantwortungs- und Handlungsdruck der Not- oder Wiederaufbauhilfe oft keine Zeit zur Reflexion und Verarbeitung der neuen Eindrücke findet.
Auch außerhalb der Nothilfe werden die Nachwuchskräfte sehr schnell mit den hohen Anforderungen des Berufsfeldes konfrontiert. Die klassische Projektarbeit wird immer seltener, stattdessen gilt es in komplexen Programmen oder Sektorvorhaben möglichst schnell den fachlichen Überblick zu erlangen, sich als kompetenter Berater zu bewähren, gleichzeitig auch ein Kommunikationsspezialist auf allen Ebenen zu werden und dabei keine Scheu vor Budget- oder Personalverantwortung zu haben. Das Arbeitspensum ist in der Regel hoch, insbesondere die Consultingbranche erwartet dabei von den Junioren vollen Einsatz in dem wirtschaftlich hart umkämpften Bereich der Projektakquise.
Mängel in der Nachwuchsförderung
Die "klassische Projektarbeit" lässt sich am ehesten noch bei den kirchlichen Trägern finden. Diese bevorzugen jedoch in der Regel berufserfahrene "alte Hasen", die spezielles fachliches Wissen mit einer ausgeprägten christlich-solidarischen Grundeinstellung verbinden. Explizite Nachwuchsförderung bildet im kirchlichen EZ-Kontext bislang eher die Ausnahme.
Trotz der beschriebenen Schwierigkeiten wird die EZ ein spannendes Berufsfeld für junge Leute bleiben. Und die "alten Hasen" werden mittelfristig auf die "jungen Hüpfer" nicht verzichten können. Es bleibt jedoch aufmerksam zu beobachten, wie die Dynamik des Berufsfeldes EZ sich weiterentwickeln wird, damit interessierte und hoch motivierte junge Menschen sich heute auf die anstehenden Aufgaben in der EZ von morgen gut vorbereiten können. Folgende Aspekte werden wohl auch zukünftig eine Rolle bei der Diskussion um die gezielte Nachwuchsförderung spielen:
• Es gilt, die Schnittstelle zwischen Ausbildung, Wissenschaft und Praxis besser zu nutzen. Die deutschen Universitäten sind in der Regel zu weit entfernt vom Praxisfeld EZ, angewandte Forschung findet zu selten statt, EZ-Praktiker werden kaum in die Lehre eingebunden. Der Austausch zwischen Universität und Projekt/Programm sollte gezielt gefördert werden, um so den Studierenden über aktuelle Themen und Debatten den Direkteinstieg ins Berufsfeld zu erleichtern.
• Die Studierenden sollten entwicklungspolitische Weitsicht und Strategie zeigen, wenn es um die Auswahl von Sprachen, Regionen und Themen für Praktika und Diplomarbeiten geht. Berufseinstiegsmöglichkeiten bieten sich zur Zeit nur selten in Lateinamerika, aber immer häufiger in Zentralasien und Afrika.
• Sehr sinnvoll wäre das Angebot einer speziellen Berufsberatung für das Berufsfeld EZ, damit sich die potenziellen Nachwuchskräfte früher und gezielter auf den Beruf vorbereiten können. Dazu gehört ein guter Überblick über die speziellen Anforderungen einzelner Institutionen und Arbeitsfelder wie auch die Unterstützung bei einer persönlichen Profilbildung bereits während des Studiums. Profil ist hierbei als die Kombination von fachlichen, regionalen, methodischen und sozialen Schwerpunkten und Kompetenzen zu verstehen.
Darüber hinaus wäre es wünschenswert, dass sich die EZ-Durchführungsorganisationen im Zuge ihrer anstehenden institutionellen Neugestaltung wieder mehr Gedanken über ihren Nachwuchs machen. Dazu könnten Traineeprogramme, Tandem-Modelle (eine erfahrene Fachkraft zusammen mit einem Berufsanfänger), ein spezielles Backstopping für junge Fachkräfte, Fortbildungsmöglichkeiten und eine gezielte Karriereplanung gehören. Das Berufsfeld wird hinsichtlich der nachgefragten Fachkräfte vermutlich insgesamt kleiner werden, dennoch sind junge Nachwuchs-Fachkräfte als ein großes Potenzial zu sehen, das nicht zuletzt auch ein "Aushängeschild" für die deutsche Entwicklungspolitik im Ausland darstellt und damit auch als Symbol für ein "Made in Germany".
Abschließend bleibt festzuhalten, dass die internationalen Entwicklungsexperten auch zukünftig eine solide Basis an fachlichen, methodischen, konzeptionellen und sozialen Kernkompetenzen brauchen werden. Darüber hinaus wird aber auch ein regelmäßiger kritischer Blick auf sich selbst als Akteur in Veränderungsprozessen genauso wichtig bleiben wie eine solidarische Grundeinstellung und das Einfühlungsvermögen in schwierige, fremdkulturelle Rahmenbedingungen. Eine Entwicklungszusammenarbeit, die sich nur noch auf Hauptstädte, Ministerien und Büros beschränkt würde der Komplexität der Entwicklungsprobleme dieser Welt sicherlich nicht gerecht werden können.
Gesa Grundmann ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am "Seminar für Ländliche Entwicklung" (SLE) der Humboldt-Universität zu Berlin und dort u.a. für die Bereiche Berufsberatung, Coaching und Kontakte zum Berufsfeld zuständig.
eins Entwicklungspolitik 22-2006