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Kommentar: Zur vorgeschlagenen Fusion von "eins" und "Der Überblick"

Plädoyer für gebündelte Kräfte

Von Karl Heinrich Rudersdorf

Die entwicklungspolitischen Zeitschriften "eins" und "Der Überblick" vertreten ohne Zweifel jeweils eine beeindruckende Tradition und haben sich beide ein allseits hohes Ansehen erworben. Ich habe diese Publikationen über Jahrzehnte mit Interesse und Sympathie verfolgt und vieles durch sie erfahren und gelernt. Bei beiden war und ist die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) maßgeblich beteiligt. Beide Zeitschriften haben sich in den vergangenen Jahren - trotz gewisser weiter bestehender Unterschiede - in Inhalt und im Auftreten einander angenähert. So ist es verständlich, dass von evangelischer Seiten der Versuch unternommenen wird, beide Periodika zu vereinen.

Das entwicklungspolitische fachliche Umfeld hat sich in den vergangenen Jahrzehnten im deutschsprachigen Bereich inhaltlich immer mehr qualifiziert und differenziert. Gleichzeitig hat das Thema aber in der breiteren Bevölkerung an Interesse und Akzeptanz im Vergleich etwa zu den 70er-Jahren eher verloren. Die entwicklungspolitischen Regierungs- aber auch die größeren Nichtregierungsorganisationen haben in dieser Zeitspanne in der allgemeinen Öffentlichkeit ganz offensichtlich an Ansehen eingebüßt. Gleichzeitig haben one-issue- oder ereignis- oder personenabhängige Einzelinitiativen, wie fragwürdig sie aus fachlicher Sicht auch jeweils sein mögen, in der Öffentlichkeit an Resonanz gewonnen (z.B. viele Tsunami-Initiativen). Nicht selten geben sich diese Initiativen unterschwellig oder offen populistisch als grundsätzlich antiinstitutionell. Ein weiteres Defizit ist, dass die deutschsprachige entwicklungspolitische Diskussion international kaum wahrgenommen wird und auch die deutschsprachige Diskussion die internationale Debatten zu wenig integriert (z.B. die deutschen und internationalen "Nachhaltigkeits"- bzw. "sustainability"-Diskurse).

Was soll nun ein entwicklungspolitisches Periodikum in diesem Umfeld leisten? Soll es schwerpunktmäßig die fachliche Diskussion weiter qualifizieren - und damit die Entfremdung zur interessierten Öffentlichkeit möglicherweise erhöhen? Oder soll es sich bewusst vermittelnd an eine breitere Öffentlichkeit wenden, um dort für eine verantwortliche Entwicklungszusammenarbeit zu werben? Zum allgemeinen Hintergrund gehört auch, dass die Aufnahmekapazität wie Aufnahmebereitschaft sowohl der entwicklungspolitischen Fachkräfte wie der breiten Öffentlichkeit - nicht zuletzt angesichts eines vergrößerten Angebots - in den vergangenen Jahrzehnten quantitativ wohl eher abgenommen hat.

Zum Umfeld gehört ebenso, dass die von deutscher Regierungsseite herausgegebene Zeitschrift "Entwicklung und Zusammenarbeit" (E+Z) in den letzten Jahrzehnten thematisch und formal den beiden zur Diskussion stehenden Publikationen ohne Zweifel angenähert hat. Es wäre daher nicht ganz abwegig, die Diskussion um eine Fusion aller drei Publikationen zu erweitern.

Auf diesen hier selbstverständlich nur angedeuteten Hintergründen plädiere ich für ein Periodikum, das

  • im Hinblick auf die beschriebenen allgemeinen Defizite bei der entwicklungspolitischen Diskussion und ihrer Wahrnehmung die Bemühungen von "eins" und "Der Überblick" vereint und dann gebündelt versucht, diesen Defiziten entgegenzuwirken,

  • von einer breiten deutschsprachigen NRO-Herausgeberschaft getragen wird, möglichst erweitert um Vertreter von Partnern aus der Dritten Welt und aus dem sonstigen internationalen Bereich,

  • 14-tägig oder auch nur alle vier Wochen erscheint und insgesamt und in seinen einzelnen Beiträgen nicht zu umfangreich und in der Aufmachung lesefreundlich ist und z.B. auch Bilder und Grafiken mit informativen textlichen Beschreibungen einschließt,

  • eine überschaubare Leserfreundlichkeit auch dadurch erhöht, dass verstärkt systematisch eine Kombination von kurzen einladenden Papier- und vertiefenden Internet-Informationsangeboten angestrebt wird,

  • thematisch breit angelegt ist und sowohl entwicklungspolitische mehr oder weniger interne Fachdiskussionen wie Kritik aus entwicklungspolitischer Sicht an allgemeinen (kultur-, finanz-, wirtschafts-, wissenschafts-)politischen Vorgängen widerspiegelt,

  • je Ausgabe ein gelungenes Regierungs- oder NRO-Entwicklungsprogramm oder -projekt beschreibt,

  • bei den Zielgruppen den Spagat zwischen Fachpublikum und fachlich interessierter Öffentlichkeit versuchen sollte, um damit zugleich zur weiteren fachlichen Qualifizierung der Entwicklungszusammenarbeit wie zu deren Akzeptanz in der Öffentlichkeit beizutragen (also weder ein vorrangig auf die breite Öffentlichkeit hin zielendes Werbeorgan noch eine reine Fachzeitschrift; diese Aufgaben müssen und können von anderen Veröffentlichungen wahrgenommen werden),

  • bei allem fachlichen und inhaltlichen Anspruch auch einen interessierten Laien zum Lesen einlädt,

  • u.a. versucht, vermehrt die noch immer wachsende Zahl von kirchlichen und nicht-kirchlichen Direktpartnerschaften und Weltladen-Gruppen einzubeziehen,

  • insbesondere NRO-Perspektiven und ihrer Partner widerspiegelt und daher gegebenenfalls aber nicht zwanghaft inhaltlich und politisch ein Gegengewicht zu regierungsabhängigen Periodika wie z.B. "E+Z" darstellt,

  • das Netz seiner ständigen Korrespondenten insbesondere in Afrika, Asien und Lateinamerika ausbaut,

  • einerseits die internationale Fachdiskussion in den deutschsprachigen Bereich trägt und andererseits die deutschsprachige Diskussion international vermittelt (z.B. durch englischsprachige Zusammenfassungen),

  • auf Dauer, wie die Dinge liegen, gesicherte Subventionen von möglichst vielen Unterstützern erhält.



Dr. Karl Heinrich Rudersdorf war 37 Jahre in entwicklungspolitischer Inlands- und Auslandsarbeit tätig.


eins Entwicklungspolitik 21-2006