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Heimlicher Aufstieg

Afrika bewegt sich - und wir sind schlecht beraten

Armin Osmanovic

Afrikas Wirtschaft expandiert. Dieses Jahr um voraussichtlich 5,8 Prozent und im Jahr 2007 um 5,5 Prozent.1 Befänden sich so wichtige Länder wie die Elfenbeinküste und Simbabwe nicht in der Krise, würde man von einem "afrikanischen Boom" sprechen. In den 1990er Jahren wuchsen die Wirtschaften der Länder südlich der Sahara nur schwach, nun hält die Wachstumsphase schon mehr als fünf Jahre an und das Wachstum hat alle Wirtschaftsbereiche einschließlich der Industrie erfasst.

Wirtschaftswachstum ist kein Garant für eine nachhaltige und gerechte Entwicklung Afrikas, aber mit hohen Wachstumsraten, die Afrika derzeit verzeichnet, sind die Voraussetzungen besser geworden, Armut und Perspektivlosigkeit, die das Leben der Mehrheit der Afrikaner bestimmen, erfolgreicher als bislang zu bekämpfen. Damit sähen sie sich auch nicht mehr genötigt, ihr Heil in der zunehmend gefährlichen Flucht nach Europa zu suchen.

Aufschwung in allen Sektoren
Das hohe Wachstum in Afrika zu Beginn des 21. Jahrhunderts ist im Wesentlichen die Folge der überaus dynamischen Weltwirtschaft. Die afrikanische Exportwirtschaft profitiert von dieser Dynamik. Exportierten die Länder südlich der Sahara im Jahr 2000 Waren und Dienstleistungen im Wert von ca. 108 Milliarden US-Dollar, waren es im Jahr 2004 mit fast 167 Milliarden US-Dollar um 50 Prozent mehr.2
Die zunehmende Integration Afrikas in die Weltwirtschaft lässt sich auch an der wachsenden Bedeutung der ausländischen Direktinvestitionen ablesen. Betrug der Anteil ausländischer Direktinvestitionen in den Ländern des südlichen Afrikas im Jahr 1990 nur 0,4 Prozent am BIP, stieg dieser Anteil im Jahr 2004 auf immerhin 2,2 Prozent. Erfreulich ist ebenfalls, dass Afrika mit dem südafrikanischen Wirtschaftszentrum Johannesburg nun eine Global City aufweist. Global Cities lenken die Weltwirtschaft. Hier werden die weltumspannenden Ströme von Gütern, Kapital und Informationen koordiniert. Johannesburg ist ein wichtiger Knotenpunkt der globalen Automobil-, Telekommunikations- und Medienindustrie sowie der Rohstoffwirtschaft.
Diese weltwirtschaftliche Integration, die nicht länger nur entlang der (neo)kolonialen Strukturen verläuft, sondern die eigenen komparativen Vorteile Afrikas nutzt, zeigt sich auch im Senegal, wo sich, ähnlich wie in Indien, dank gut ausgebildetem und preisgünstigem Personal (Monatsgehalt ca. 200-250 Euro) sowie einem hochleistungsfähigen Tiefseekommunikationskabel, wettbewerbsfähige Call Center entwickeln. Unternehmen wie PCCI (ca. 1300 Angestellte) in Dakar sind so erfolgreich, dass bereits 10.000 der 250.000 Arbeitsplätze in französischen Call Centern in den vergangenen Jahren u.a. in den Senegal verlagert wurden.
Und auch in der Landwirtschaft, deren Produktivitätsfortschritte in der Vergangenheit in Afrika deutlich hinter Asien und Lateinamerika zurückblieben, gibt es positive Veränderungen. Ausgerechnet das heftig kritisierte neue Zuckerregime der Europäischen Union, das eine deutliche Reduzierung des Garantiepreises vorsieht, ist bislang für viele afrikanische Länder von Vorteil. Die ärmsten Länder (LCD-Staaten) werden auch in Zukunft im Rahmen der Everything but arms-Initiative der EU weiterhin über einen freien Zugang zum europäischen Zuckermarkt verfügen. Die südafrikanische Zuckerindustrie investiert daher in den armen Nachbarländern und europäische Zuckerproduzenten kaufen sich in Afrika ein. So will British Sugar 51 Prozent von Illovo, dem größten afrikanischen Zuckerproduzenten, der in Malawi, Mosambik, Sambia, Südafrika, Swaziland und Tansania aktiv ist, übernehmen. Und die gewachsene Nachfrage nach Bio-Treibstoff vor allem in Brasilien versüßt auch den Afrikanern das Zuckergeschäft.
Afrika verdankt sein Wachstum vor allem der neu erstarkten Rohstoffwirtschaft. Rohstoffe müssen für Afrika keineswegs generell ein Fluch sein. Noch immer hängen viele der These nach, wonach die dominante Rohstoffwirtschaft Rentenökonomien begünstige oder die anderen Wirtschaftssektoren behindere3, da sie die Inflation befördere (Dutch Disease). Darüber hinaus wird behauptet, dass die Rohstoffwirtschaft wenige einheimische Arbeitskräfte benötige und die notwendigen Technologien nur importiere. Des Weiteren würden die Einnahmen aus den Rohstoffgeschäften lediglich in die Taschen der Eliten und in unsinnige Prestigeprojekte (White Elephants) fließen. Auch würde der Rohstoffreichtum Konflikte anheizen, da die Gier nach Rohstoffen, die Geld und Macht bedeuten, meist in Gewalt münden würde. Und schließlich wirke Rohstoffreichtum deshalb zumeist entwicklungshemmend, weil die Eliten durch die hohen Einnahmen die Gesellschaft "schmieren" könnten, so dass Forderungen nach mehr Rechten und Beteiligung leicht abgeschmettert werden könnten.

Mit Chinas Hilfe sind Rohstoffe kein Fluch
Dass Rohstoffe nicht per se entwicklungshemmend sind, zeigt das überaus stabile Wachstum Botswanas, dessen Diamantenwirtschaft dem Land ein hohes BIP pro Kopf beschert. Was in der Diskussion um den "Fluch der Ressourcen" gerne übersehen wird, ist der neue weltwirtschaftliche Kontext, in dem Afrikas Ressourcen nun genutzt werden können. Mit dem Wirtschaftsboom in China ist Afrika ein neuer Wirtschaftspartner erwachsen. Im Westen mag man nicht gerne sehen, dass sich der Handel zwischen Afrika und China seit 2000 auf nunmehr 40 Milliarden US-Dollar vervierfacht hat und dass die chinesische Delegation auf dem Gipfeltreffen der Afrikanischen Union in Banjul (Gambia) im Juli 2006 jene Delegationen aus Frankreich, Großbritannien und den USA weit in den Schatten stellte. Und Chinas Afrikaengagement ist nicht allein auf den Rohstoffsektor beschränkt, denn China sieht in Afrika einen strategischen Partner, um langfristig seine herausgehobene Stellung in der Welt abzusichern und auszubauen. China hat aus den Fehlern der Sowjetunion offenbar gelernt.4 Neben den Investitionen in den Rohstoffsektor investiert China auch in die afrikanische Textilindustrie, um von dem freien Marktzugang afrikanischer Länder nach Europa und die USA zu profitieren, und in die Landwirtschaft, um die Versorgung mit Nahrungsmitteln langfristig zu sichern. Dies wird auf Grund des wachsenden Flächenverbrauchs in China immer wichtiger. Mit Hilfe dieser chinesischen Investitionen wurden ehemals marode Unternehmen in der Rohstoffwirtschaft und in der Textilindustrie Afrikas international wettbewerbsfähig. Und Arbeitsplätze und Einkommen in Afrika wachsen auch durch die steigende Zahl chinesischer Touristen, die von Afrikas Flora, Fauna und Kultur angezogen werden.
Afrikas globale Verhandlungsmacht ist mit dem Aufstieg Chinas gewachsen und wird mit dem Bedeutungsgewinn anderer Schwellenländer wie Indien und Brasilien weiter zunehmen. War man nach dem Zusammenbruch des Ostblocks auf die "alten Partner" in Europa und Nordamerika und ihre Konditionen angewiesen, kann man heute wieder wählen. Ob dieser Machtzuwachs sinnvoll genutzt wird, ist in Afrika genauso wie in Venezuela und Russland, das den Rohstoffen den Wiederaufstieg zu einer Welt(rohstoff)macht verdankt, offen. Den Souveränitätsgewinn zu nutzen, ist Sache der afrikanischen Politiker, die sich auch darüber im Klaren sind, dass Chinas Engagement in Afrika genauso wie dasjenige Europas nicht uneigennützig ist.5 Und Chinas Haltung im Sudan, wo Hunderttausende von Afrikanern bereits gestorben sind, wird in Afrika genauestens beobachtet und kritisiert.6

Korruptionsbekämpfung in Nigeria
Nigeria benutzt heute, besser als in den vergangenen Jahrzehnten der Militärdiktatur, seine Einnahmen, um langfristig seine ökonomische Basis auszubauen. 2005 betrug das Wachstum 6,2 Prozent und dieses Jahr rechnet das nigerianische Finanzministerium sogar mit einem Wachstum von 10 Prozent und vor allem mit einer restlosen Tilgung der Auslandsschulden. Dass Nigeria dieses Jahr wohl frei von Auslandsschulden sein wird, hat das Land zu einem großen Teil der gestiegenen Staatseinnahmen auf Grund des hohen Ölpreises und zu einem kleineren Teil dem internationalen Schuldenerlass zu verdanken. Die Staatseinnahmen (+38,8 Prozent in 2005) sind aber auch aus anderen Gründen gestiegen. So speist sich das nigerianische Wirtschaftswachstum neben dem Öl auch aus anderen Quellen, wie die nigerianische Zentralbank meldet. Vor allem die Landwirtschaft, der Handel und die Dienstleistungswirtschaft treiben die Ökonomie an (Nicht-Öl-Sektor-Wachstum 7,4 Prozent in 2004 und 8 Prozent in 2005).
Die gezielte Verwendung der gewachsenen Wirtschaftsleistung zum Abbau der Schulden beschränkt sich keineswegs auf Nigeria. Vielen afrikanischen Ländern gelang es in den vergangenen Jahren, ihre Schuldenlast zu stabilisieren oder gar zu verringern. Offenbar haben die Regierungen in Afrika aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt und verwenden nun die Staatseinnahmen verantwortungsvoller. Möglicherweise zeigen auch der gewachsene Einfluss der afrikanischen Zivilgesellschaften auf das Verhalten ihrer Regierungen und der Druck der ausländischen Geber Wirkung. Verschwendung und Korruption gehören weiter zum afrikanischen Alltag. Aber gerade Nigeria, dessen gewaltiges Ausmaß an Korruption bekannt ist, konnte in den vergangenen Jahren einige Fortschritte in der Korruptionsbekämpfung erzielen. Vor allem die Transparenz bei den staatlichen Ein- und Ausgaben wurde verbessert. So veröffentlicht seit 2004 das Finanzministerium regelmäßig in Medien die monatlichen Zuweisungen an die drei Ebenen der nigerianischen Föderation (Bund, Staaten und Lokalverwaltung). Die damit hergestellte Öffentlichkeit beförderte die Debatte über die Rechenschaftspflicht und bedeutete für Nigeria, wo öffentliche Finanzen traditionellerweise als Privatsache der großen und kleinen Amtsinhaber angesehen werden, eine kleine Revolution.7
Das neue Wachstum Afrikas kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Alltag der Menschen in Nigeria und in Südafrika und anderswo auf unseren Nachbarkontinent für die weit überwiegende Mehrheit der Menschen noch auf absehbare Zeit schwierig bleibt. Armut, Arbeitslosigkeit und Gewalt haben den Alltag vieler Menschen im Griff. Der Anteil der Armen, die von weniger als 1 US-Dollar am Tag leben müssen, ist in Afrika südlich der Sahara in den vergangenen Jahren nur wenig zurückgegangen. Und die Zahl der Armen ist weiter angewachsen. Immer noch sind 303 Millionen Afrikaner arm. Damit das neue Wachstum bei noch mehr Menschen ankommt, muss die Armutsbekämpfung im Rahmen der UN-Millenniumsentwicklungsziele noch stärker als bislang die Richtschnur bilden. Doch mit dem neuen Wachstum steigen die Chancen, dass interne Anstrengungen und externe Hilfen nun besser Früchte tragen können. In vielen Ländern Afrikas kann man im Stadtbild bereits das Resultat dieser Entwicklung der vergangenen Jahre sehen. Langsam entwickelt sich in den Städten eine Mittelklasse. Die großen afrikanischen und europäischen Supermarktketten, wie die südafrikanische Supermarktkette Shoprite, Afrikas größte Supermarktkette, haben dieses Kaufkraftpotenzial erkannt. In Kenia existieren mehr als 200 Supermärkte. Sie haben im Lebensmittelbereich bereits einen Umsatzanteil von 30 Prozent. Allerdings wächst angesichts zunehmender Ungleichheit auch das Ausmaß an Gewaltkriminalität, weshalb sich die shopping-malls und Vergnügungsstätten für die Wohlbetuchten in Johannesburg, Durban oder Lagos wie Ritterburgen gegen die zunehmende alltägliche Gewaltkriminalität der Armen und Perspektivlosen zu schützen versuchen.

Afrika-Memorandum liegt falsch
Afrika bewegt sich, und es straft damit jene deutschen Afrikawissenschaftler Lügen, die noch vor wenigen Jahren in ihrem Afrika-Memorandum8 drei Viertel der Länder Afrikas keinerlei Entwicklungsperspektive einräumten. Auf Basis ihrer Analyse plädierten die Autoren für eine grundlegende Wende in der deutschen Afrika-Politik. Den meisten Ländern, wie auch Nigeria räumten sie für die kommenden fünfzig Jahre keinerlei Entwicklungschancen ein. Daher forderten sie ein Ende der Entwicklungszusammenarbeit, die durch Nothilfe ersetzt werden sollte. Die zuständige Ministerin Wieczorek-Zeul war gut beraten, diesem Rat nicht zu folgen, und auch die deutsche Wirtschaft muss sich glücklich schätzen, dass die Empfehlungen dieser Berater wenig Gehör fanden. Ein Rückzug des deutschen Engagements in Afrika wäre im härter werdenden Wettbewerb mit chinesischen Firmen von Nachteil gewesen. Chinesische Unternehmen sind heute ob im Senegal oder anderswo in Afrika, beim Bau von Straßen, Brücken und Wassersystemen zu finden.
Dass diese Wissenschaftler mit ihren Prognosen so falsch liegen, ist vor allem dem Umstand geschuldet, dass sie, fixiert auf die "große Politik" der großen und kleinen Staatslenker, den Wandel in den globalen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen mit ihren Auswirkungen bis auf das lokale Niveau afrikanischen Unternehmertums (Glokalisierung) kaum wahrnehmen. Ebenso scheint ihnen die Entstehung von trans-nationalen sozialen Räumen entgangen zu sein, in denen ein reger Austausch von Waren und Wissen zwischen Dakar und Paris und London und Lagos stattfindet, und von denen Veränderungen in den afrikanischen Zivilgesellschaften angestoßen werden. Afrikas Gesellschaften sind differenzierter und damit auch aufmerksamer geworden. Misswirtschaft und Korruption werden von konkurrierenden strategischen Gruppen offen kritisiert. Gute Regierungsführung wird ganz selbstverständlich eingefordert, sind doch Afrikas NROs Teil der globalen Zivilgesellschaften, die sich in Bamako genauso wie in Porto Alegre auf den Sozialforen austauschen.
Guter Rat in Sachen Afrika ist dringend notwendig. Afrika wird immer wichtiger für die deutsche Außenpolitik. Dies zeigen nicht zuletzt das wachsende militärische Engagement Deutschlands auf dem Nachbarkontinent und die menschenunwürdige Situation der afrikanischen Migranten an der Südgrenze der Europäischen Union. Da das außenpolitische und entwicklungspolitische Engagement in Afrika aber immer stärker im Rahmen der EU stattfindet, sollte der Rat an die Politik ebenfalls europäisiert werden. Ein europäisches Forschungs- und Politikberatungsinstitut, in dem sich europäische Forscher gemeinsam und dauerhaft mit den sozio-kulturellen Entwicklungen in Afrika auseinandersetzen, ist daher dringend notwendig. Heute erfährt die Forschung oftmals nur über die Presse vom jeweils anderen nationalen Standpunkt und kann lediglich eingeschränkt eine koordinierte EU-Afrika-Politik mit vorbereiten helfen. Die Bundesregierung ist daher aufgerufen, die Chance zu nutzen und im Rahmen ihrer kommenden EU-Ratspräsidentschaft die Gründung eines europäischen außen- und entwicklungspolitischen Think Tanks anzustoßen. Im Haushaltsplan des BMZ sind für 2007 deutlich mehr Mittel für Forschung veranschlagt. Diese Finanzmittel braucht die deutsche Afrikapolitik auf Dauer, denn guter Rat ist dringend notwendig.

Anmerkungen
1) OECD (2006): African Economic Outlook 2005/2006. Paris.
2) World Bank (2006): World Development Indicators 2006. Washington D.C.
3) Collier, P. u. Gunning, J. W. (1999): Explaining African Economic Performance. In: The Journal of Economic Literature 37 (1999) 1: 64-111.
4) Alden, Ch. (2005): China in Africa. In: Survival. 47/3: 147-164.
5) Mallet, V. (2006): The ugly face of China's presence in Africa In: Financial Times vom 14.9.2006, London.
6) Alden, Ch. (2005): China in Africa. In: Survival. 47/3: 147-164.
7) Siehe hierzu Harneit-Sievers, A. (2006): Nigeria im Transparenzfieber. In: der überblick 2/2006: 58-61.
8) Engel, U. Kappel, Klingebiel, S., R., Mehler, A. Mair, S. (2000): Memorandum zur Neubegründung der deutschen Afrikapolitik




Dr. phil. Armin Osmanovic, geboren 1969, war 2000-2001 Lehrbeauftragter am Institut für Afrikanistik in Leipzig und seitdem an der Universität Hamburg. 2000 bis 2004 war er Wissenschaftler am Institut für Afrika-Kunde in Hamburg. Als entwicklungspolitischer Berater hat er u.a. für die Heinrich-Böll-Stiftung und für die Deutsche Welthungerhilfe gearbeitet. Seit 2006 ist er Referent für Entwicklungspolitik der Fraktion "Die Linke" im Deutschen Bundestag.


eins Entwicklungspolitik 21-2006