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Über den Vertrauensbruch sprechen

Korruption als Problem kirchlicher Entwicklungszusammenarbeit

Von Reinold E. Thiel

Vor 17 Jahren, im November 1990, wurde in der Evangelischen Akademie Bad Boll ein Referat gehalten, das von Korruption in der Entwicklungszusammenarbeit der Kirchen handelte. Joachim Lindau, damals Grundsatzreferent bei "Brot für die Welt", trug es vor - sein Referat war ein erster, mutiger Schritt, um die Tabuisierung des Themas zu überwinden. Das war noch vor der Gründung von Transparency International, der Organisation, die das Korruptionsthema auf die internationale Agenda gebracht hat, und man sollte meinen, dass heute eine öffentliche Diskussion des Themas nicht mehr problematisch sei. Aber eine kleine, engagierte Fachtagung in der Missionsakademie Hamburg Mitte September machte deutlich, dass das in weiten Kirchenkreisen noch längst nicht gilt.

Zehn Jahre hatte es nach der Tagung in Bad Boll gedauert, bis man wieder im Kreis der evangelischen Missionswerke zusammenkam, um das Thema Korruption zu erörtern, zunächst 2001 im bayerischen Neuendettelsau, dann 2002 in Wuppertal. Die Teilnehmer beschlossen, die Probleme gemeinsam weiter zu bearbeiten - in ihren jeweiligen Organisationen "Schwachstellenanalysen" durchzuführen, das Thema in den Partnerdialog einzubringen und sich als Gruppe regelmäßig wieder zu treffen. Aber die geplanten Treffen kamen nicht zu Stande, das Vorhaben, "eine gemeinsame Haltung gegenüber den Herausforderungen zu finden", scheiterte, wie Klaus Schäfer, der Direktor des "Nordelbischen Missionszentrums", in einem Artikel im "Überblick" feststellte.

So berichtete es auf der Hamburger Tagung auch Theodor Ahrens, Emeritus am Missionsinstitut der Universität Hamburg, der zusammen mit Schäfer die Diskussion weiterzutreiben versucht hatte. Ahrens hatte die stockende Entwicklung zum Anlass genommen, einen Fragebogen an leitende Mitarbeiter und Gebietsreferenten von 41 kirchlichen Hilfswerken zu versenden, um deren Erfahrungen kennenzulernen. Das Ergebnis: 95 Prozent der Antwortenden waren in ihrer Arbeit auf Fälle von Korruption gestoßen, in den meisten kirchlichen Werken war das Thema auf der Leitungsebene diskutiert worden, 98 Prozent hielten Maßnahmen gegen Korruption für vordringlich, allerdings nur 54 Prozent auch für aussichtsreich. Die Ergebnisse der Umfrage werden Ende des Jahres im Lembeck-Verlag veröffentlicht.

Woran liegt es, dass trotz dieses Befunds fast nie in der Öffentlichkeit über Korruption in der kirchlichen Entwicklungszusammenarbeit geredet wird (der Artikel von Schäfer im Überblick vom Juni 2006 war eine rare Ausnahme), und dass auch das Gespräch mit den Partnern im Süden nicht in Gang kommt? Der wichtigste Grund scheint zu sein, dass, wer über Korruption sprechen will, immer über einen Vertrauensbruch sprechen muss, und dass dies die Gesprächsbereitschaft hemmt. Vertrauen ist die Grundlage aller Zusammenarbeit, insbesondere der kirchlichen, und vor allem dann, wenn die Südkirchen unter schwierigen politischen oder wirtschaftlichen Umständen arbeiten. Wer aber, wenn es um die Einhaltung von Verträgen geht, auf Vertrauen baut, läuft Gefahr, in die "Vertrauensfalle" zu geraten. Oder in die "Hierarchiefalle", wenn er nicht auch dem Bischof gegenüber auf korrekter Buchführung besteht. Besonders leicht vertraut man denen, mit denen sprachliche Verständigung möglich ist, sei es, weil sie deutsch oder englisch sprechen, oder weil sie den internationalen Entwicklungsjargon beherrschen. Ein Teilnehmer fand dafür die Formel: "Wir brauchen Erziehung zu freundlichem Misstrauen, und wir brauchen Konfliktbereitschaft."

Die Teilnehmer waren sich darüber einig, dass die Stärkung der administrativen Kapazitäten der Partner (aber auch der deutschen Geberorganisationen) als vordringliche Aufgabe betrachtet werden muss. Auf diesem Gebiet ist bisher auch am meisten geschehen. Aber Schwächen in der Verwaltungsstruktur sind nur ein Teil des Problems.

Ein zentrales Thema der Diskussion war die Erkenntnis, dass Korruption immer in ein soziales Feld eingebettet ist und die Schuld nicht einfach auf individuelle Täter abgeladen werden kann. Eine Darstellung der endemischen Korruption in den Bewässerungssystemen Südindiens, vorgetragen von Mira Fels, machte deutlich, dass Korruption das gesamte System durchdringt und nicht am einzelnen Fall, sondern nur systemumfassend bekämpft werden kann. "Wir machen Korruption an einzelnen Skandalen fest, aber in Wirklichkeit handelt es sich um ein ständiges Skandalon", sagte ein Teilnehmer. Andererseits kann die Zweckentfremdung anvertrauter Mittel auch ausgelöst werden durch Beziehungen in sozialen Netzwerken: Jemand, der oben steht, hat Verantwortung für alle, die unter ihm stehen. Diese Gemeinschaft, so Ahrens, ist nicht nur verschwörerisch, sondern auch eucharistisch, und sie entspricht den Verhaltensformen traditionaler Gesellschaft. So kann der, dem fremdes Geld anvertraut ist, in die Verstrickung geraten, es zur Linderung privater Notlagen (die nicht seine eigenen sind) zu verwenden. Schließlich kann er es auch für dienstliche Zwecke, die nicht mit dem Geber abgesprochen sind, verwenden. Ist alles dies Korruption oder ein drittes Phänomen, mit dem wir erst lernen müssen, umzugehen? Zu kurz kamen in der Diskussion Überlegungen von Theodor Ahrens, eine begriffliche Unterscheidung zwischen Gabe in christlicher Tradition und entwicklungspolitischem Mitteltransfer zu treffen.

Interessiert nahmen die Teilnehmer die Anregung auf, dass Projektplanungen und Budgets auch den Nutznießern von Projekten und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden sollten, möglichst in der lokalen Sprache, damit diese selbst die richtige Verwendung überwachen könnten. Durch einen solchen "audit from below" oder "participatory audit" könnte in vielen Fällen Missbrauch von vornherein verhindert werden, Transparenz ist eines der wichtigsten Mittel zu Vermeidung von Korruption. Es wurde darauf hingewiesen, dass es in Peru Ansätze zur Projektevaluierung von unten gebe, an denen auch der EED beteiligt sei, und dass das Instrument des "participatory rural appraisal" (PPA) für diese Zwecke nutzbar gemacht werden könne.

Am Ende der Tagung stand der feste Vorsatz, die Diskussion jetzt nicht wieder abbrechen zu lassen. Das Evangelische Missionswerk in Deutschland (EMD), als Dachorganisation der evangelischen Hilfswerke, wurde aufgefordert, dafür möglichst bald ein Konzept zu entwickeln.