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Hilfe für den Libanon

Wer bekommt was von wem?

Von Andreas Wulf

Selten wohl wurden die Erwartungen an eine Wiederaufbaukonferenz so übertroffen: Der libanesische Ministerpräsident kehrte statt mit erwarteten 500 Mio. Dollar mit über 940 Mio. Dollar zugesagter Hilfe in sein Land zurück.

Viele weitere Hilfszusagen wurden bereits angekündigt: 800 Mio. zusätzlich sind von Saudi-Arabien und Kuwait angekündigt, die syrische Regierung erklärte, drei der am meisten zerstörten Kleinstädte im Südlibanon komplett wieder aufzubauen, und die Hisbollah setzte medienwirksam bereits am zweiten Tag nach dem Ende der Gefechte ihre Mitglieder zur Dokumentation der Schäden und zur Auszahlung einer "Überbrückungshilfe" für betroffene Familien bis zu 15.000 Dollar ein. Der politische Kampf um die "schnelle Hilfe" hat also schon längst begonnen.

Wie kann Hilfe überparteilich und überkonfessionell sein in einem Land, das traditionell von konfessionellen Strukturen geprägt ist, 18 offiziell registrierte Glaubensgemeinschaften nicht nur Kirchen, Moscheen und Gebetsräume betreiben, sondern auch Kindergärten, Schulen, Krankenhäuser, Wohlfahrtseinrichtungen und Ausbildungszentren, ländliche Entwicklungsprogramme durchführen und Mikrokredite vergeben, über proportional verteilte politische Ämter Einfluss und Ressourcen verteilen?

Wer sollte also die Wiederaufbauhilfe bekommen und koordinieren: Staatliche Strukturen wie der Council for Development and Reconstruction (CDR), der seit dem Rückzug der israelischen Armee im Juli 2000 die Aufbauhilfe der ehemals besetzten Gebiete umsetzt? Oder die UN-Organisationen, die seit dem Ende des Bürgerkriegs den Wiederaufbau des Libanon unterstützen? Die lokalen Gemeinderäte, in denen oft die Hisbollah-Vertreter dominieren?

Entscheidend dabei ist der genaue Blick auf die konkreten Verhältnisse ohne die holzschnittartigen Gewissheiten, die in den Konflikten im Nahen Osten schnell zur Hand sind. Natürlich sind die Interessen der Hilfegebenden zu hinterfragen: Wer unterstützt wen, gehört schon seit dem Bürgerkrieg zu den meistgestellten Fragen im Libanon. Genauso wichtig aber auch: Wer genießt das Vertrauen der Betroffenen? Wer hat sich diskreditiert?

Auch bei den Vertretern säkularer, progressiver Organisationen, die wir zwei Wochen nach dem Schweigen der Waffen in Beirut und im Südlibanon treffen konnten, und die die Stärkung der libanesischen Staatlichkeit prinzipiell für notwenig erachten, ist das Vertrauen in die eigenen staatlichen Instanzen gering. Zu oft haben sie diese Strukturen als Sackgassen gesehen, in die das Geld wohl hinein, nicht aber hinaus fließt.

Die Mittel des CDR gelten nach allgemeiner Übereinstimmung als die Pfründe der schiitischen AMAL-Bewegung des Parlamentspräsidenten Nabih Berri, dem Gegenspieler der Hisbollah in der schiitischen Gemeinschaft, mit denen politische Loyalität erkauft wird.

Auch die lokalen Gemeinde- und Stadträte werden von solchen Loyalitäts- und Patronagesystemen beherrscht, gilt auch die Hisbollah dank ihres rigiden moralischen Kodex als weniger korrupt und im Umgang mit den anderen Konfessionen wie auch mit den aktuellen Hilfsaktivisten im Südlibanon als pragmatischer Player.

Die UN wird ihrer bürokratischen Langsamkeit wegen sicher zu recht kritisiert, sie hatte sich auch am Ende der zweiten Woche nach dem Krieg noch nicht zu einer "Assessment Mission" in den Süden auf den Weg gemacht.

Wen also unterstützen? Wichtiger noch als die Entscheidung für welchen Akteur wird vor allem die öffentliche Kontrolle aller Akteure sein, die sich in diesem neuen Milliardengeschäft des Wiederaufbaus tummeln werden - und hier bilden sich erste Ansätze heraus mit neuen NGO-Bündnissen, die in den Jahren seit dem Bürgerkrieg vielfältige Initiativen der "Demokratieförderung" begonnen haben: Wahlbeobachtung und kritischer Dialog der konfessionellen Gruppen, Ökologie-, Geschlechterfragen und Migration als "soft-issues" einer traditionell von Imperialismusdiskursen und nationalistischer Rhetorik geprägten linken Politikdebatte.

In den Wochen der unmittelbaren, ehrenamtlichen Hilfe für die Flüchtlinge in Beiruter Schulen entstanden viele NGO's, von denen doch einige bereits "Profis" der Nothilfe seit den letzten großen israelischen Angriffen auf den Süden 1996 sind. Im direkten Kontakt der grosstädtischen Aktivisten mit den schiitischen Familien aus den Dörfern des Südens waren persönliche Begegnungen möglich, die die scheinbar unüberwindbare Kluft zwischen traditionellem und modernem Leben im Libanon, zwischen Wertepluralität und religiösem Dogmatismus überwunden haben.

Ausgehend von solchen positiven Erfahrungen versuchen diese Bündnisse jetzt auch die zurückgekehrten Bewohner in ihren Dörfern weiter zu unterstützen. Neben immer noch nötigen Nahrungsmittelhilfen und Hygienematerialien in einigen Regionen steht eine sichere Wasserversorgung ganz oben auf der Agenda.
Ebenso der Beginn einer "social relief"-Arbeit, die auch die anderen Bedürfnisse der Menschen ernst nimmt, die Verstörungen durch die Bombenangriffe und fortgesetzte Angst besonders bei Kindern aufzufangen versucht.

Die Pläne gehen aber weit darüber hinaus: Sie wollen Diskussionen anregen um Demokratie und Wahlrecht im Libanon, um lokale Gestaltungsmacht und Klientelismus, um Verantwortung für den Bürgerkrieg und wie der Konfessionalismus zu überwinden wäre, um Transparenz von Auftragsvergaben und die Nutznießer auch dieser Post-Kriegs-Hausse, die schon wieder für 2007 angekündigt wird. Sie wollen diese Diskussionen vor allem aus den Debattenräumen Beiruts in die Städte und Dörfer des Süd-Libanons bringen.

Der Krieg hat bei allem Schrecken und Zerstörung auch den Süden des Landes stärker integriert, erst durch die Flüchtlinge, die nach Norden flohen und jetzt durch die umgekehrte Bewegung von Hilfs-Initiativen aus dem Norden für den Süden. Es könnte daraus ein kleiner Baustein zu einer tatsächlich libanesischen Realität werden, die sich dem konfessionellen Separatismus verweigert.


Andreas Wulf besuchte als Mitarbeiter von medico international Ende August den Libanon.


eins Entwicklungspolitik 18-19-2006