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Was verlieren wir, wenn Sprachen sterben?

Dieter Wunderlich

Gegenwärtig stirbt beinahe jede Woche eine Sprache aus; ein in vielen Generationen gewachsenes und überliefertes eigenes Sprachsystem einer ethnischen Gruppe, in dem ihre Riten, Geschichten, Erinnerungen, ihre gesamte Identität bewahrt sind, verschwindet. Sprachen existieren nur als Software: in den lebendigen Gehirnen von Menschen und den lebendigen Gesprächen zwischen Menschen. Soweit es keine Schrift gibt, bleiben keinerlei Spuren, es gibt keine Hardware.

Es gibt einige große Sprachen mit vielen Sprechern, und es gibt viele kleine Sprachen mit wenigen Sprechern. Mit der Verteilung ist es so wie mit der Verteilung von Reichtum: Wenige haben viel und viele haben wenig. Neun Sprachen haben 100 Millionen oder mehr Sprecher; vornan Mandarin-Chinesisch mit 900 Millionen Sprechern, gefolgt von Spanisch und Englisch (mit 330 bzw. 320 Millionen). 83 Sprachen haben mehr als 10 Millionen Sprecher, 350 Sprachen haben mehr als eine Million Sprecher. 94 Prozent der Weltbevölkerung teilen sich nur 5 Prozent der Sprachen.
Die Hälfte aller Sprachen hat weniger als 7.000 Sprecher; viele dieser Sprachen wird es bald nicht mehr geben. Der Ethnologue-Report von 2005 verzeichnet über 500 fast ausgestorbene Sprachen, von denen nur noch wenige ältere Sprecher (unter 50 Personen) leben: 12 Sprachen in Europa, 46 in Afrika, 78 in Asien, 170 in den beiden Amerikas und 210 im pazifischen Raum1. Auch die UNESCO führt ein rotes Buch gefährdeter Sprachen2.

Beschleunigte Vereinheitlichung
Es sind schon immer Sprachen untergegangen (wie Sumerisch, Etruskisch, Gotisch), aber auch neue entstanden (z.B. die romanischen Sprachen aus Latein). Gegenwärtig verschiebt sich das über Jahrtausende stabile Gleichgewicht von alten und neuen Sprachen; es sterben mehr Sprachen aus als neue hinzukommen. Diese Entwicklung beschleunigt sich durch die globale Wirtschaft und die Medien; es bleibt nur noch ein kleines Zeitfenster von 50 bis 100 Jahren, bevor sich die gegenwärtige Sprachenvielfalt zur Spracheneinfalt vereinheitlicht hat. Der babylonische Turm entwickelt sich zurück. Nach optimistischer Schätzung werden im 21. Jahrhundert mindestens 30 Prozent aller Sprachen aussterben, nach pessimistischer sind es eher 90 Prozent. Vor 10.000 Jahren, kurz bevor zum Ende der Eiszeit in mehreren Gegenden der Welt (vorderer Orient, China, Neuguinea, Sahelzone und Westafrika, Mittel-, Süd- und Nordamerika) unabhängig voneinander Ackerbau entwickelt wurde, sprachen vielleicht 1 Million Menschen 3.000 verschiedene Sprachen; im Durchschnitt waren das 330 Sprecher je Sprache. Viel größere Populationen waren auf Grund der Wirtschaftsweise von Sammlern und Jägern kaum möglich. Heute, nach einer immer rasanteren Wirtschaftsentwicklung, sprechen 6 Milliarden Menschen 6.000 verschiedene Sprachen; im Durchschnitt also 1 Million Sprecher je Sprache. In 100 Jahren werden 12 Milliarden Menschen nur noch 600 verschiedene Sprachen sprechen; im Durchschnitt 20 Millionen Sprecher je Sprache.
So wie die Einzelsprachen sind auch die Sprachfamilien sehr ungleich verteilt. Es macht schon einen Unterschied, ob eine Sprache verschwindet, zu der es viele ähnliche Verwandte gibt (und somit das Potenzial der Sprache erkennbar und rekonstruierbar bleibt), oder ob die Sprache als letzte ihres Stammes eine ganze Sprachfamilie repräsentiert. Zwei Drittel aller Menschen sprechen eine indoeuropäische (von Hindi und Bengali bis hin zu Spanisch und Englisch) oder sinotibetische Sprache (zu der das Mandarin gehört); daneben gibt es 45 weitere Sprachfamilien und 85 kleine Sprachgruppen oder völlig isolierte Sprachen (wie Baskisch); letztere werden als Relikte aus ehemals größeren Sprachfamilien betrachtet. Die gegenwärtige Verteilung von großen und kleinen Sprachen hängt vor allem mit dem neolithischen Übergang zur Landwirtschaft zusammen. Völker in Gegenden der Welt, in denen keine geeigneten Wildpflanzen wuchsen, keine geeigneten domestizierbaren Wildtiere lebten und auch keine Landwirtschaft möglich war, blieben nomadische Jäger und Sammler, darum zahlenmäßig klein und umso leichter das Opfer späterer Kolonisierungen, der Suche nach Bodenschätzen und schließlich der gegenwärtigen Globalisierung.
Dies heißt aber nicht, dass diese Menschen intellektuelle oder sprachliche Defizite haben. Oft gilt das Gegenteil: Ihre Kultur konzentriert sich stärker auf die Sprache als die der großen Völker. Überall in diesen Sprachen finden sich überraschende Differenzierungen und Taxonomien: in den Numeral- und Personalsystemen, im Ausdruck von Zeitstufen und Aspekten, in der räumlichen Klassifikation von Objekten oder räumlichen Beziehungen in Verben, im Ausdruck der Aussagegewähr (auf Grund von direkter Evidenz, Schlussfolgerung, Hörensagen).

Gefährdete Sprachen
Eine Sprache ist in ihrem Bestand gefährdet, wenn sie weder in der Verwaltung noch im Bildungswesen präsent ist und an die jüngere Generation nicht mehr weitergegeben wird. Sie ist zum Sterben verurteilt, wenn es nur noch wenige ältere Menschen als Sprecher gibt. Der Sprachverlust kann innerhalb von zwei Generationen erfolgen; die ältere Generation spricht die Sprache noch fließend, die mittlere Generation versteht sie zwar, aber ist im Familienalltag zu einer anderen Sprache übergegangen - deren Kinder haben dann kaum noch die Chance, die Sprache als Muttersprache zu erwerben. So klaffen ethnische Bevölkerungszahl und Sprecherzahl einer Sprache häufig weit auseinander. Nur besondere Revitalisierungsmaßnahmen können eine solche Sprache noch vor dem Untergang retten.
Die Mitglieder der mittleren Generation in diesem Szenario waren zwischen 1900 und 1970 als Kinder oft von zwangsweisen Internierungen betroffen (USA, Sowjetunion, Australien usw.); sie wurden gehindert, ihre Muttersprache zu praktizieren. Heute, bei manchmal größerer Freizügigkeit, sind es ebenfalls die Kinder, die ihre Muttersprache abwählen; ihr fehlen wirtschaftliches oder kulturelles Ansehen, sie hat nicht das Prestige einer dominanten Sprache. Manches könnte sich ändern, wenn die Schulen Mehrsprachigkeit sowie Schreiben und Lesen in der Muttersprache fördern würden. Aus Gründen kultureller Partizipation können letztlich nur Sprachen mit einer Schrift überleben. Aber bei aller Unterstützung, die von außen gegeben werden könnte (Dokumentation der Sprache, Einführung einer Schrift, Entwicklung von Lehrmaterialien für Kinder, Unterrichtung der Eltern, die die Sprache nur noch schlecht beherrschen, zusammen mit ihren Kindern), letztlich entscheiden die Kinder, ob sie die Sprache ihrer Eltern bewahren wollen, und dazu muss diese genügend positive Identifizierung bieten, eine Aufgabe der ganzen Ethnie.
Dass die Völker oft die kleineren Sprachen zu Gunsten größerer Sprachen aufgeben, ist deutlich in Nordost-Sibirien zu beobachten. Man erkennt hier die schrittweise Einbettung in einen größeren Sprachraum. Die Jukagir (zwei Sprachen), zusammen 50-100 Sprecher (bei einer ethnischen Bevölkerung von 1000), sind nomadische Rentierhirten in Jakutien und Kamtschatka, sie sprechen meistens die Sprachen der benachbarten Völker, die Fischfang betreiben und Ziegen halten. Die fünf Tschukotko-Kamtschatka-Sprachen in diesem Raum haben zusammen 13.700 Sprecher. Alle geben ihre Sprachen zu Gunsten von Jakut, einer Turksprache mit 360.000 Sprechern auf. In der Hauptstadt Jakutsk ist dann aber Russisch die Hauptsprache.
Möglicherweise gelingt das Überleben einer Sprache eher bei autochthoner Lebensweise. Dazu zwei Beispiele:
- Die Maku bilden eine kleine Sprachfamilie im Grenzgebiet Brasilien/Kolumbien, sie leben als nomadische Sammler und Jäger, teilweise auch in Siedlungen an Flüssen des Amazonasgebiets im tropischem Urwald. Sie sind fast zur Hälfte bilingual (sprechen aber nicht Spanisch oder Portugiesisch) und einige können in ihrer Muttersprache schreiben. In den sechs Sprachen dieser Familie gibt es zusammen 2.500 Sprecher.
- Die Familie der Torricelli-Sprachen auf Neuguinea umfasst 53 Sprachen mit einigen 100 bis zu maximal 15.000 Sprechern (durchschnittlich 2.000). Die Menschen leben in vielen kleineren Dörfern auf den Abhängen der Torricelli-Berge im tropischen Urwald, sie kultivieren u. a. Taro, Tabak, Sago und halten Schweine. Fast alle bewahren ihre Sprachen (mit Tok Pisin, der Staatssprache Neuguineas, als Zweitsprache) und zwischen 15 und 50 Prozent können in der Muttersprache schreiben.

Recht auf eine eigene Sprachtradition
Unsere Sorge ist der bevorstehende Verlust einer so großen Zahl von Sprachen. Gibt es ein Menschenrecht auf eigene Sprachtradition, auf universelle kulturelle Partizipation? Der von der UNESCO unterstützte Weltkongress für sprachliche Rechte im Juni 1996 in Barcelona hat dies bejaht. Darin erklärt Art. 3 u.a. "das Recht auf Lehre der eigenen Sprache und Kultur, das Recht auf Zugang zu kulturellen Diensten"3.
Was können wir in dem jetzigen kritischen Zeitfenster tun? Wir haben die technischen Möglichkeiten, um im Prinzip auch die letzten fast noch unbekannten Sprachminoritäten zu erreichen und damit Zugang zu Sprachen zu bekommen, die demnächst aussterben; und wir haben Fortschritte beim dazu nötigen theoretischen und praktischen Werkzeug gemacht. Wenn es noch eines Argumentes für die Notwendigkeit von Linguistik bedarf, hier ist es: Es besteht die einmalige Chance, einen immensen sprachlichen Reichtum der Menschheit zu erfassen, dessen materielle Basis allein in menschlichen Gehirnen besteht.
Aber warum sollten wir uns um sterbende Sprachen kümmern? Zwei der häufigsten Reaktionen beruhen auf sehr naiven Annahmen:
(1) "Lasst doch die primitiven Sprachen untergehen. Was nützlich ist, bleibt bestehen." Tatsächlich sind die sterbenden Sprachen alles andere als primitiv, meistens sogar besonders komplex. Keine der uns bekannten Sprachen ist eine primitive Sprache, primitiv ist allenfalls der ökonomische Standard, in dem die Sprecher leben. Moderne Sprachen, Sprachen mit großer Sprecherzahl, Sprachen, die als lingua franca dienen, solche, die vielfach erst von Erwachsenen erworben werden, werden nicht komplexer mit der Zeit, sondern durch Generalisierung eher einfacher. Morphologische Systeme mit vielen Ausnahmeklassen werden reduziert, Kategorien wie Dual, Konjunktiv, bestimmte Aspekte und Modi gehen verloren.
(2) "Wir brauchen gar nicht so viele Sprachen. Mit weniger Sprachen wäre weltweite Kommunikation viel einfacher." Dieses Argument verkennt, dass Sprachenvielfalt eine Ressource für Sprach- und Kulturentwicklung darstellt. Sprachen entwickeln sich durch den Kontakt mit anderen Sprachen, dadurch, dass bilinguale Sprecher Strukturen beider Sprachen adaptieren; die nachfolgende Generation findet dann Ausdrucksalternativen vor, die eine homogene Sprache so nicht erzeugen könnte. Als Beispiel sei angeführt:
- Imbambura-Quechua im nördlichen Ecuador hat eine Reihe spanischer Wörter so adaptiert, dass ganz neue Anhebungsstrukturen entstanden sind: Argumente eines eingebetteten Satzes werden in den Matrixsatz angehoben, besonders wenn sie topikalisiert werden. Um dieses Verfahren zu optimieren, wurden dann auch Dativ und Passiv aus dem Spanischen entlehnt. Die entstandenen, typologisch gesehen ziemlich einmaligen Strukturen sind weder im Spanischen noch in anderen Quechua-Varietäten möglich, sie stellen eine Innovation auf Grund des Sprachkontakts dar.

Warum sollten wir denn die sterbenden Sprachen dokumentieren?
(1) Die Nachkommen einer Ethnie, deren Sprache verschwunden ist, verlieren die Kultur ihrer Ahnen. Das ist ein vielleicht hinzunehmender individueller Verlust, schwerwiegender ist: Die Menschheit verliert einen Teil ihrer kulturellen Vielfalt. Aufschlussreiche Mythen, Überlieferungen und Taxonomien gehen verloren.
(2) Die Menschen verlieren "Anregungen" zur Sprachentwicklung. Die Zahl der durch Sprachkontakt gelieferten grammatischen Alternativen reduziert sich, der durch Vielfalt getriebene Motor der Sprachentwicklung kommt ins Stottern, Innovationen bleiben aus. Und: Die Linguisten verlieren eine Anschauung von der Vielfalt der Sprachen. Ohne Einsicht in die Variationsbreite menschlicher Sprachen gibt es keine angemessene Sprachbeschreibung. Gerade die bedrohten Sprachen geben einzigartige Beispiele für "seltene" oder "extreme" grammatische Ausprägungen, die kaum ein Linguist als sprachmöglich annehmen würde, wenn er ihrer nicht gewahr wird. Für Linguisten gibt es immer noch aufregende Entdeckungen in den Sprachen der Welt.
(3) Die Menschheit verliert Daten zur Rekonstruktion ihrer Geschichte (besonders der Sprachengeschichte). Die bedrohten Sprachen sind oft Reste ehemals verbreiteterer Sprachfamilien. Ihre speziellen Eigenschaften und ihre Existenz an diesem Ort sind aufschlussreiche Indizien für frühere Wanderungsbewegungen und Besiedlungen. Diese Sprachen, die oft in entlegenen Gebieten mit nur wenigen externen Kontakten gesprochen werden, enthalten Spuren, die weiter zurückreichen als die der großen Sprachen, und erlauben deshalb Einsichten in die Zusammenhänge früherer Sprachfamilien. Der Umstand, dass Khoisan-Sprachen nicht nur in Südwestafrika (Namibia, Botswana, Südafrika) gesprochen werden, sondern zwei solcher Sprachen auch in Tansania in der Nähe des Viktoriasees (die nomadischen Hadza und die auch von Fischfang, Ackerbau und Viehzucht lebenden Sandawe), verhilft uns zu der Einsicht, dass das Verbreitungsgebiet dieser Sprachfamilie früher viel weiter reichte als heute.
Die Familie der Khoisan-Sprachen gilt als eine der ältesten der Welt. Die Sprecher sind kleinwüchsig mit bräunlicher Hautfarbe, physiognomisch und genetisch am ähnlichsten den Pygmäen in den Regenwäldern des Kongobeckens. Im Unterschied zu den Pygmäen, die nach dem Vordringen der über Ackerbau, Viehzucht und metallene Werkzeuge verfügenden Bantu-Völker vor 1000 Jahren ihre Sprachen aufgegeben haben und nun die Sprache des Stammes sprechen, mit dem sie im Handel stehen, haben die Khoisan ihre Sprachen bewahrt. Vermutlich wurde früher der gesamte Süden Afrikas von Khoisan-Völkern bewohnt, bis sie dann ab 400 n. Chr. von den Bantus zurückgedrängt wurden. Einige assimilierten sich, andere blieben bei ihrer nomadischen Lebensweise als Jäger und Sammler, in der Kap-Provinz wurden sie zu Schaf- und Rinderhirten. Von den holländischen Siedlern wurden sie ab 1700 stark dezimiert; die Nama flüchteten in größerer Zahl in das heutige Namibia, wo sie nun nach den Bantu-Völkern (Ndongas und Hereros) mit 175.000 die größte Bevölkerungsgruppe stellen. Neben Nama sind gegenwärtig noch etwa 20 lebende Khoisan-Sprachen bekannt (bei denen zum Teil strittig ist, ob sie miteinander verwandt sind), mit zusammen etwa 100.000 Sprechern. Die meisten Sprachen konzentrieren sich im Buschland von Botswana am Rande der Kalahari-Wüste; dort leben die Khoisan, auch "Bushmen" genannt, als nomadische Jäger und Sammler oder als Bewacher von Viehherden der Bantus. Die Khoisansprachen sind einzigartig durch die große Anzahl (bis zu 40) verschiedener Clicks ("Schnalzlaute"), daneben haben sie fast gleich viele normale Konsonanten und eine reiche Anzahl von Vokalen, Diphthongen und lexikalischen Tönen. Insgesamt sind es bis zu 100 und mehr Phoneme. Im Vergleich dazu gibt es im Deutschen 19 Konsonanten, 14 Vokale und 3 Diphthonge. Diese Sprachen haben eine komplexe Morphologie: 9 verschiedene Genus-Numerus-Suffixe am Nomen, bis zu 8 Tonklassen von Verben, bis zu 19 grammatische Derivationsmorpheme am Verb und 15 Tempus-Aspekt-Klassen. Die wohl komplexeste Sprache ist die südliche Khoisansprache !Xóo mit noch rund 4200 verstreut lebenden Sprechern. Alle anderen Sprachen dieser Unterfamilie sind ausgestorben. Sie soll im Silbenanlaut 120 verschiedene Konsonanten, einschließlich Clicks, sowie 40 verschiedene Einzelvokale haben.

Was verlieren wir, wenn Sprachen sterben?
Sofern es uns nicht gelingt, die sterbenden Sprachen zu dokumentieren, werden wir niemals wieder etwas über diese Sprachen wissen. Sprachen existieren nur als Software: in den lebendigen Gehirnen von Menschen und den lebendigen Gesprächen zwischen Menschen. Soweit es keine Schrift gibt, bleiben keinerlei Spuren, es gibt keine Hardware. Wir verlieren keine primitiven Vorstufen von Sprache, auf die wir vielleicht verzichten könnten. Jede Einzelsprache ist eine für sich vollentwickelte Identität, eine eigenständige, meistens jahrhundertealte menschliche Kultur dessen, wie Menschen miteinander und mit der Natur umgehen. Wir verlieren mehr als nur Kuriositäten. Jede Einzelsprache ist ein vollgültiger Entwurf des Menschseins, mit eigenen intellektuellen Spezialitäten, einer eigenen historisch tradierten Anpassung an menschliche Bedürfnisse nach Kommunikation. Unsere Vorstellungen zum Ausdrucksreichtum der Sprachen sind ziemlich schwach ausgeprägt, weil wir die eigene Sprache als Zentrum aller Dinge erworben haben. Uns gehen Alternativen des Menschseins verloren, die wir uns aus eigener Kraft kaum wieder vorstellen können.
Wir brauchen diese Alternativen, um Sprachen durch Kontakt weiter entwickeln zu können, um Theorien des Sprachmöglichen zu entwerfen und um die prähistorischen Stadien der Menschwerdung besser verstehen zu können.


Anmerkungen
1) www.ethnologue.com/web.asp
2) tooyoo.l.u-tokyo.ac.jp/Redbook/index.html.
3) www.linguistic-declaration.org/index-gb.htm


Dr. Dieter Wunderlich ist emeritierter Professor für Allgemeine Sprachwissenschaft an der Universität Düsseldorf. Er war u.a. Sprecher des Sonderforschungsbereichs "Theorie des Lexikons" und lebt in Berlin.



eins Entwicklungspolitik 18-19-2006