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EKD-Impulspapier "Kirche der Freiheit"

Ökumene und Weltverantwortung werden externalisiert

Von Konrad Raiser

Das vom Rat der EKD veröffentlichte Impulspapier formuliert Perspektiven für die evangelische Kirche im 21. Jahrhundert. Es will als Diskussionsanstoß dienen und soll einen Zukunftskongress im Januar des kommenden Jahres vorbereiten, bei dem Leitlinien für eine Reformdekade bis zum Jubiläumsjahr der Reformation 2017 erarbeitet werden sollen. Das ist ein anspruchsvolles Vorhaben und verdient volle Aufmerksamkeit bei allen, denen die Zukunft unserer Kirche am Herzen liegt.

Das Impulspapier beschreibt nüchtern und realistisch die Herausforderungen, vor denen die evangelische Kirche als Großinstitution mit ihren überkommenen Strukturen steht angesichts von veränderten Einstellungen und Verhaltensweisen unter ihren Mitgliedern, wie sie durch die regelmäßigen Mitgliedschaftsbefragungen deutlich geworden sind. Die absehbare demographische Entwicklung, ihre Folgen für die finanzielle Basis der Kirche, der Rückgang beim Gottesdienstbesuch sowie bei Taufen und Trauungen, der Traditionsabbruch bei der jungen Generation, Verunsicherung bei den Mitarbeitern und offenkundige Mängel im Funktionieren der kirchlichen Selbstverwaltungskörperschaften - dies sind Herausforderungen, die zu einer kritischen Bestandsaufnahme und zum Umdenken nötigen.

Nötiger Mentalitätswandel
Das Impulspapier ist geprägt von der Überzeugung, dass ein Mentalitätswandel nötig und auch möglich ist. Es versteht sich als eine Argumentationsbasis gegen pessimistische Diagnosen ebenso wie gegen die Ängste vor Veränderungen und möchte dazu ermutigen, im Vertrauen auf Gott die notwendigen Veränderungen konstruktiv zu gestalten. Zwölf "Leuchtfeuer" sollen Wege bahnen für einen Aufbruch in den kirchlichen Kernangeboten, bei allen kirchlichen Mitarbeitern, beim kirchlichen Handeln in der Welt und bei der kirchlichen Selbstorganisation.
Viele der in diesem Dokument formulierten Anstöße sind nicht vollkommen neu. Sie nehmen die Ergebnisse vergleichbarer Prozesse, wie sie in einzelnen Landeskirchen oder Regionen stattgefunden haben, auf und stellen sie in den umfassenden Rahmen der Evangelischen Kirche in Deutschland als Ganzer hinein. Das Papier benutzt dabei Kriterien, wie sie in der modernen Unternehmensberatung geläufig geworden sind. Auch wenn dies im kirchlichen Raum noch ein ungewohnter Ansatz ist, so kann nicht geleugnet werden, dass auf diese Weise Schwachstellen im institutionellen Gefüge, in der Führung und Motivierung von Mitarbeitern, sowie in der Handlungsfähigkeit nach innen und nach außen aufgedeckt werden können.

Hauptsächlich Dienstleistungsunternehmen?
Was freilich nachdenklich macht, ist der Eindruck, dass - trotz der bedenkenswerten Erläuterungen zum evangelischen Kirchenverständnis - die evangelische Kirche in erster Linie als ein Dienstleistungsunternehmen im Blick ist, das sich im Wettbewerb behaupten will und muss. Daher die Sorge um Profil und Erkennbarkeit, um Qualitätssicherung und Kompetenznachweis. Gewiss, all dies soll dazu dienen, dass die Kirche die Menschen mit dem Evangelium erreicht und dass sie "insofern" wieder wächst. Aber das Interesse gilt in erster Linie den stabilen Strukturen und den institutionellen Abläufen; dahinter tritt die Kirche als lebendige Gemeinschaft von Menschen zurück.
Die Zweifel an der Tragfähigkeit und Angemessenheit des Ansatzes der Studie verstärken sich angesichts der Tatsache, dass alle Bezüge, die über diesen engen Rahmen hinausweisen könnten, bewusst ausgeklammert sind. Das Papier deutet zwar im Einleitungskapitel den weiteren Rahmen an, in den alle perspektivischen Überlegungen für die evangelische Kirche im 21. Jahrhundert hineingestellt werden müssen. Hier wird verwiesen auf den Prozess der europäischen Einigung, auf die ökumenischen Dialoge und Beziehungen zur römisch-katholischen Kirche, den orthodoxen und altorientalischen Kirchen, sowie den pfingstlichen und charismatischen Kirchen, auf den christlich-jüdischen Dialog und die Beziehungen zu den anderen Religionsgemeinschaften, besonders den Muslimen, und schließlich auf all die bedrängenden Probleme der Weltgesellschaft. Das Dokument versichert, dass die evangelische Kirche sich all diesen Herausforderungen stellen werde, aber sie werden zunächst einmal "externalisiert".

Notwendige Korrektur
Man könnte dies als eine pragmatisch notwendige Beschränkung der Fragestellung interpretieren. Freilich stehen die "internen" und die "externen" Herausforderungen in vielfältigen Wechselwirkungen miteinander und für die Mentalität der Mitglieder und Mitarbeitenden sind diese weiteren Zusammenhänge mitbestimmend für ihre Wahrnehmung von Kirche. Wenn die Studie dann unter dem 12. Leuchtfeuer, das sich mit der Dachorganisation der EKiD beschäftigt, die Einrichtung von zehn "Kompetenzzentren" für die ganze evangelische Kirche in Deutschland vorschlägt, so fällt auf, dass zwar ein derartiges Zentrum für den interreligiösen Dialog genannt wird, aber dass an die Stärkung und Bündelung von Kompetenz für die weltkirchlichen und ökumenischen Beziehungen offenbar nicht gedacht ist. Es bleibt daher zu hoffen, dass diese perspektivische Verengung des Blickwinkels, die der tatsächlichen Situation der Evangelischen Kirche in Deutschland und der von ihr eingegangenen Verpflichtungen nicht gerecht wird, im Zuge der weiteren Diskussion noch korrigiert wird.     

Konrad Raiser ist emeritierter Professor für Theologie der Universität Bochum. Von 1992 bis 2004 war er Generalsekretär des Ökumenischen Rats der Kirchen in Genf.


eins Entwicklungspolitik 17-2006