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Jigme Singye Wangchuck (* 1955)

Bruttosozialglück als Ziel der Entwicklung

Dieter Brauer

Das kleine Himalaya-Königreich Bhutan verfolgt eine Entwicklungspolitik, die statt der Steigerung des Bruttosozialprodukts das Glück und die Zufriedenheit seiner Bürger ("Gross National Happiness") zum Staatsziel erhebt. König Jigme Singye Wangchuck macht so Bhutan zum Modellfall für eine alternative Entwicklung.

I. Leben
Jigme Singye Wangchuck ist der vierte König (Druk Gyalpo) einer Dynastie, die 1907 unter Ugyen Wangchuck eine Erbmonarchie in Bhutan errichtete. Er wurde am 11. November 1955 in der Hauptstadt Thimphu als Sohn von König Jigme Dorji Wangchuck geboren und folgte seinem Vater nach dessen plötzlichem Tod 1972 im Alter von 16 Jahren auf den Thron. Seine schulische Ausbildung blieb unvollständig: Kurzen Studien in Indien und Großbritannien folgte ein Besuch der Ugyen Wangchuck Academy im bhutanischen Paro. Wichtig für seinen Werdegang war, dass ihn sein Vater schon frühzeitig auf seinen Reisen in alle Teile des Königreichs mitnahm und er so Einblick in die Probleme des Landes und seiner Menschen gewann. Nach seiner offiziellen Krönung 1974 setzte daher Jigme Singye Wangchuck die Politik einer vorsichtigen Öffnung des Landes fort, die sein Vater mit einer Reihe von Reformen in den 1950er Jahren begonnen hatte.
Die wichtigsten Reformen des jetzigen Königs sind die Demokratisierung und Dezentralisierung der politischen Strukturen Bhutans und der 2003 eingeleitete Verfassungsprozess, der 2008 zur Einrichtung einer konstitutionellen Monarchie und parlamentarischen Demokratie führen soll. Für diesen Zeitpunkt hat der König bereits jetzt seinen Rückzug aus der Politik und die Amtsübergabe an den Thronfolger angekündigt, seinen ältesten Sohn Jigme Khesar Namgyal Wangchuck.
König Jigme Singye Wangchuck hat in seinen Reden schon bald nach der Thronbesteigung die Vorstellung entwickelt, Ziel der nationalen Politik seien "economic self-reliance, prosperity and happiness for our country and people". Den Begriff "Gross National Happiness" (GNH) scheint er zuerst Ende der 1980er Jahre verwendet zu haben (Priesner 1999: 27 f.). Gedruckte Quellen dafür sind aber offenbar nicht vorhanden - zu Anfang seiner Regierungszeit existierten moderne Medien in Bhutan noch gar nicht. Der König regiert sein kleines Volk bis heute hauptsächlich durch persönliche Ansprache bei Versammlungen in den Distrikten und Kommunen. Auch in der Nationalversammlung ergreift der König regelmäßig das Wort und erläutert seine politischen Vorstellungen. Dagegen ist er äußerst pressescheu, gibt selten Interviews und reist, abgesehen von Indien, wenig ins Ausland.
Die Ausformulierung der Konzeption von Gross National Happiness als Staatsphilosophie ist daher vor allem durch den jetzigen Innen- und Kulturminister, Lyonpo Jigmi Y. Thinley, erfolgt.

II. Das Ziel von Gross National Happiness (GNH)
In einer Grundsatzrede auf der 2. Internationalen Konferenz über GNH in Halifax, Kanada, am 21. 6. 2005 hat Lyonpo Jigmi Y. Thinley die Ideen des Königs wie folgt erläutert (Thinley 2005 a): Das Konzept geht davon aus, dass alle Menschen Glück und Zufriedenheit anstreben. Über die Mittel dazu bestehen aber widersprüchliche Vorstellungen. Die Erkenntnis wächst, dass die konventionellen Entwicklungsmodelle und heutigen Lebensstile nicht aufrechterhalten werden können. Nicht allein wirtschaftliches Wachstum fördert die Zufriedenheit der Menschen, sondern auch immaterielle Werte wie der Zusammenhang der Gesellschaft und die Geborgenheit des Einzelnen in dieser Gesellschaft. Der Staat hat daher die Aufgabe, Bedingungen herzustellen, die es allen ermöglichen, das Ziel eines glücklichen und erfüllten Lebens zu erreichen. Alle Entwicklungsprojekte und -programme müssen daraufhin geprüft werden, ob sie diesem Ziel dienen.
Bhutan, das bis Anfang der 1960er Jahre in selbst gewählter Isolation verharrte, hat die Fehlentwicklungen in anderen Gesellschaften genau beobachtet und daraus Schlüsse für die eigene Politik gezogen. Die enormen Einkommenszuwächse in den hoch entwickelten Industriestaaten in den letzten 50 Jahren hätten nicht zu vergleichbarem Zuwachs an Glück geführt, konstatiert Jigmi Thinley. Über die Sicherung der Grundbedürfnisse hinaus sei keine Korrelation zwischen materiellem Reichtum und innerer Zufriedenheit festzustellen. Die Marktwirtschaft mit ihrem Zwang zu immer höherer Effizienz und Produktivität dehumanisiere die Gesellschaft und untergrabe die Faktoren, die zu mehr Glück beitrügen. Dagegen setze Bhutan auf einen Staat, der weder dem liberalen noch dem sozialistischen Gesellschaftsmodell entspricht, sondern die Rahmenbedingungen für die Erhöhung des kollektiven Glücks herstellt. Die folgenden vier Schlüsselstrategien bilden den Kern einer Politik zur Verwirklichung von GNH:
1. Eine gerechte sozio-ökonomische Entwicklung. Zur Beseitigung der Armut ist wirtschaftliches Wachstum unabdingbar. Die Sicherung von Arbeitsplätzen und des Lebensunterhalts sind daher notwendige Voraussetzungen für das Glück der Menschen. Bei der Messung des Erfolgs einer Wirtschaftspolitik darf aber nicht allein die Steigerung des Bruttosozialprodukts zählen, vielmehr muss der soziale und wirtschaftliche Beitrag von Haushalten sowie der Gewinn an Freizeit einbezogen werden. Wichtig ist ferner die Verteilungsgerechtigkeit, weil sich Unzufriedenheit nicht so sehr aus der absoluten Armut speist, sondern aus dem Gefühl der relativen Benachteiligung. Dass das Grundübel der meisten anderen Entwicklungsländer, die Korruption, in Bhutan wenig verbreitet ist, wird dazu sicher beitragen.
2. Die Erhaltung der Umwelt. Der Schutz der Umwelt hat einen hohen Stellenwert in Bhutan. Das ist nicht nur eine Überlebensfrage in einem extrem labilen Ökosystem inmitten des Himalaya, sondern dient auch dem Erhalt der bäuerlichen Gesellschaft. 26 Prozent der Landfläche sind Naturreservate und 72 Prozent sind bewaldet. Im Entwurf der neuen Verfassung ist Umweltschutz prominent verankert. Der Erhalt der natürlichen Umwelt hat auch eine wichtige Rolle bei der Förderung des Glücks der Menschen. Deshalb wird ihr Vorrang eingeräumt, wenn sie in Konkurrenz zu industriellen oder kommerziellen Zielen wie etwa der Verwertung der Holzressourcen oder der stärkeren Förderung des Tourismus steht.
3. Die Bewahrung und Förderung der Kultur. Hier liegt vielleicht der heikelste Punkt der GNH-Strategie. In der bhutanischen Gesellschaft, in der eine buddhistische Mehrheit um die Bewahrung ihrer Kultur gegen hinduistische Einflüsse von diesseits und jenseits der südlichen Grenze kämpft, könnte die Verwirklichung aller Menschenrechte und der individuellen Freiheit ein Ende der traditionellen Kultur bedeuten. Jigmi Thinley argumentiert daher, dass für die Erreichung eines Zustands des Glücks und der Zufriedenheit die Einbettung in soziale Zusammenhänge wichtiger sei als die individuelle kulturelle Selbstbestimmung.
4. Gute Regierungsführung. König Jigme Singye Wangchuck betreibt seit Jahren den schrittweisen Umbau des Landes in eine liberale parlamentarische Demokratie. Paradoxerweise stößt dies auf starke Widerstände im eigenen Volk, das die Einführung eines Mehrparteiensystems und den Rückzug des Königs von der absoluten Herrschaft mit Verunsicherung betrachtet. Die neue Verfassung, die gegenwärtig im ganzen Volk diskutiert wird und in einem Referendum verabschiedet werden soll, bestimmt in Art.9, Abs. 2: "Der Staat soll sich bemühen, die Bedingungen zu fördern, die ein erfolgreiches Streben nach Bruttosozialglück ermöglichen." Der Pferdefuß liegt allerdings in der Definition der Personen, die die Staatsbürgerschaft in Bhutan genießen werden. Der überwiegenden Zahl der Lhotshampas, der nepalischen Minderheit im Süden des Landes, bleibt auch in der neuen Verfassung die Staatsbürgerschaft verwehrt. Ihr prekärer Status wird sicherlich nicht ihre Zufriedenheit fördern.

III. Umsetzung und Wirkung des GNH-Konzepts
Während einerseits mit diesen vier Schlüsselstrategien eine praktische Umsetzung des Prinzips von GNH angestrebt wird, gibt die bhutanische Führung doch auch zu, dass die Struktur und politische Ökonomie eines GNH-Staates noch nicht klar genug definiert sind. Ausdrücklich bezieht sich die politische Philosophie des Königs auf den Buddhismus. Der Weg aus dem Leiden in der Welt in den Zustand des Nirvana, der höchsten Glückseligkeit, führt über den "Edlen achtfachen Pfad" zur Entsagung und Abkehr von irdischen materiellen Gütern. Da aber eine moderne Entwicklung für ein ganzes Volk sich nicht allein mit jenseitigen mönchischen Glaubensvorstellungen lenken lässt, sucht man nach säkularen Definitionen von Glück.
Die Wissenschaft hat das Thema GNH bereits vor einiger Zeit für sich entdeckt. Schon ein Workshop im März 1999 in Thimphu (Centre for Bhutan Studies 1999) beschäftigte sich mit der Frage, ob sich das Konzept von Gross National Happiness mit dem Human Development Index des UNDP in Einklang bringen lasse, der ebenfalls anstrebt, die von der Weltbank einseitig als Fortschrittsindex betrachtete Höhe des Bruttosozialprodukts durch weitere aussagekräftige Indikatoren zu ergänzen. Es wurde auch diskutiert, ob sich ein Index für das menschliche Glück erstellen lasse. Der Versuch einer Indexierung und Quantifizierung von "Happiness" ist aber bisher gescheitert. Ebenso bleiben die Versuche, menschliches Glück einvernehmlich zu definieren, bisher erfolglos.
Auch ein großes Seminar in Thimphu im Februar 2004, an dem Wissenschaftler aus 18 Ländern teilnahmen, diskutierte zwar ein breites Spektrum von philosophischen und praktischen Fragen, die mit dem Konzept von GNH zusammenhängen, ohne jedoch zu einer einheitlichen Meinung darüber zu kommen, was "gute Entwicklung" darstellt oder wie GNH zu definieren wäre (Hirata 2004). Negativ abgegrenzt wird GNH vom englischen Utilitarismus des 18. Jahrhunderts, der auf das größtmögliche Glück der größtmöglichen Zahl von Menschen durch entsprechende materielle Wohlstandssteigerung abzielte. Dagegen ergeben sich Parallelen zu europäischen Vorstellungen aus der christlichen Soziallehre und neuerdings zu Forderungen nach "qualitativem Wachstum", das dem ungehemmten Verbrauch an Umwelt und natürlichen Ressourcen Grenzen setzt. Auch in den Ideen des indischen Ökonomen und Nobelpreisträger Amartya Sen, der die moralische Dimension der Wirtschaftspolitik betont und wirtschaftliche und soziale Chancengleichheit als Weg zur Freiheit einfordert, finden sich Elemente dessen, was in Bhutan unter GNH firmiert.
Eine zweite große internationale Konferenz über GNH fand im Juni 2005 in Kanada statt (Rethinking Development 2005). Dabei ging es nicht nur um Bhutan, sondern auch um vergleichbare Initiativen in Afrika, Asien, Lateinamerika, den USA und Europa. Wieder war eine wichtige Frage, wie sich Glück der Menschen messen lässt, um den Einfluss von Entwicklungspolitiken auf die "weichen" Faktoren objektiv festmachen zu können. Überraschend hat vor kurzem das Centre for Bhutan Studies (CBS) in Thimphu neun provisorische Indikatoren für einen Index vorgeschlagen, mit dem alle Regierungsaktivitäten in Zukunft gemessen werden sollen, um die Veränderungen des Glücks der Menschen festzustellen (Wangdi 2006). Diese Indikatoren sind Lebensstandard, Gesundheit, Erziehung, Lebendigkeit und Vielfalt der Umwelt, Lebendigkeit und Vielfalt der Kultur, Verwendung und Verteilung von Zeit, gute Regierungsführung, die Vitalität der Gemeinschaft und das emotionale Wohlbefinden. CBS-Direktor Karma Ura bezieht sich bei der Konzeption des geplanten Index ausdrücklich auf Erfahrungen gleichgesinnter Organisationen in Kanada und Großbritannien. Der Index soll nun auf seine Brauchbarkeit getestet werden.
Obwohl die bhutanische Regierung das GNH-Konzept selber als noch nicht ausgereift bezeichnet, hat sie es mehrfach auf Regierungskonferenzen auch in die internationale Politik eingeführt. Schon auf dem Asian-Pacific Millenium Summit in Seoul 1998 stellte sie GNH als bhutanische Entwicklungsphilosophie vor. Im Rahmen der südasiatischen Regionalorganisation SAARC wurde GNH offiziell als eine Strategie zur Armutsbekämpfung akzeptiert. Auch das bhutanische Dokument zur 7. Geberkonferenz in Thimphu im November 2000 trug den Titel "Development Toward Gross National Happiness" (Development 2000). Auch auf der UNDP-Regionalkonferenz in Bangkok im April 2005 kam von Lyonpo Jigmi Y. Thinley der Hauptbeitrag seines Landes zum Thema "Die Philosophie von GNH" (Thinley 2005 b).
Wie tragfähig sich der Paradigmenwechsel von der Fixierung auf das Bruttosozialprodukt zur Förderung des Bruttosozialglücks in Bhutan auf Dauer erweisen wird, bleibt abzuwarten. Trotz aller Vorsicht der bhutanischen Regierung bei der Umwandlung einer noch vor kurzem feudalen, theokratischen und isolationistischen Gesellschaft in einen modernen Staat hat das Tempo der Entwicklung in den letzten Jahren eine Eigendynamik angenommen, die sich immer schwerer kontrollieren lässt. Seit 1999 erst gibt es das Fernsehen, auch über internationale Satellitenkanäle, und schon machen sich neue Lebensstile bemerkbar, die von außen importiert werden. Die imponierenden Fortschritte im Erziehungswesen führen zu Landflucht und drohender Arbeitslosigkeit unter den Jugendlichen. Der Einfluss buddhistischer Traditionen geht zurück. Hinzu kommen Spannungen zwischen den Ethnien und die Diskriminierung von nepalisch-stämmigen Einwanderern, die nicht als bhutanische Staatsbürger anerkannt werden. Lässt sich unter diesen Umständen der Traum vom wachsenden Bruttosozialglück verwirklichen? König Jigme Singye Wangchuck zumindest hat mit seinen Reformen versucht, die Voraussetzungen dafür zu schaffen. Das amerikanische Magazin Time zählte ihn im Mai 2006 zu den 100 wichtigsten "People Who Shape Our World".


Dieter Brauer war von 1976 bis 2002 Chefredakteur der Zeitschrift "Development and Cooperation". Er ist jetzt Herausgeber von Thunlam - Newsletter der Deutschen Bhutan Himalaya Gesellschaft.



eins Entwicklungspolitik 17-2006