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Naher Osten

Vom Stellvertreterkrieg zum Großen Krieg

Karin Kneissl

Am 12. Juli 2006 hat ein weiterer Nahostkrieg begonnen. Seit 1948 dauert der Kriegszustand in der Region an. Was als Regionalkrise infolge der Gründung des Staates Israel auf Basis eines UN-Beschlusses begann, ist zu einem internationalen Konflikt mit vielen Dimensionen geworden. Seine Lösung erscheint im Sommer 2006 schlicht ausweglos. Die Rolle des politischen Islam, eine neue Erdölkrise und die Gefahr der Implosion von Staaten vermengen sich vor dem Hintergrund großen Leids der Zivilbevölkerung. Die Wut in der arabischen und islamischen Welt wächst im Quadrat zum Schweigen und Ratlosigkeit der Staatengemeinschaft zu den israelischen Angriffen auf Gaza und den Libanon.

Der aktuelle blutige Schauplatz ist der Libanon, die militärischen Kontrahenten sind vorerst Israel und die schiitische Hisbollah, Miliz und Parlamentspartei mit Regierungsbeteiligung. Die Hisbollah hatte am 11. Juli zwei israelische Soldaten entführt, Israel reagierte mit der Verhängung einer totalen Blockade über den Libanon und der systematischen Zerstörung der Infrastruktur des Landes. Während die Hisbollah ihre Katyusha-Raketen in Richtung Israel feuert, marschiert die israelische Armee im Libanon ein und verstrickt sich in Bodenkämpfe mit der Hisbollah. Deren Arsenal konnte die israelische Luftwaffe nicht ausschalten. Die Motivation der schiitischen Kämpfer ist angesichts des israelischen Vorgehens nur angewachsen. Möglich ist ebenso eine militärische Koalition mit der libanesischen Armee, die Order hat, die israelischen Invasoren aufzuhalten. Zwar sind die Libanesen den Israelis technisch unterlegen, aber die Wut auf Israel ist als Faktor nicht zu unterschätzen.


Das israelische Vietnam

Für Israel könnte die Operation "Angemessener Preis", die infolge ziviler Zerstörungen, des Einsatzes von Phosphorbomben und des Beschusses von Flüchtlingskonvois schwere Verletzungen des humanitären Völkerrechts provoziert, zur fatalen Sackgasse werden. Die Invasion bedeutet eine Rückkehr ins "israelische Vietnam" unter viel gefährlicheren Vorzeichen als 1982. Im Mai 2000 zog sich Israel nach über 20 Jahren der Okkupation infolge des starken öffentlichen Drucks aus dem Libanon zurück, nachdem es im Guerillakrieg gegen die schiitischen Kämpfer unterlegen war. Interessant erscheint, wie rasch die israelische Regierung die Idee einer internationalen Schutztruppe im Südlibanon aufgriff. Denn bislang hat Israel stets kategorisch internationale Truppen abgelehnt. Die Stationierung eine solchen Einheit würde aber nur mit einem soliden Mandat und nach einer Feuerpause Sinn machen. Andernfalls geraten die Soldaten entweder ins Visier der Kontrahenten, wie dies für die UNIFIL zuletzt auf Grund israelischer Angriffe wieder der Fall war. Oder sie werden selbst zur Konfliktpartei, was noch brisanter wäre.

Hinter der Hisbollah, die seit ihrer Gründung 1983 zwischen
einem nationalen libanesischen und einer panislamischen Linie im Sinne der "Umma" schwankt, steht der Iran. Die Hisbollah hat sich finanziell teils von Teheran emanzipiert, ist jedoch für den Iran der verlängerte Arm im israelisch-palästinensischen Konflikt. Die "Befreiung Jerusalems" hat Irans Präsident Mahmud Ahmadinedschad im Gedenken an Ayatollah Khomeini hoch auf seine Agenda gesetzt. Der Iran ist infolge des Irakkriegs erstarkt. Die Beseitigung des Regimes von Saddam Hussein und der Taliban in Afghanistan bereitete dem Iran die Ausdehnung seiner schiitischen Einflusszonen in der Nachbarschaft. Bereits der Schah hatte von einem solchen "schiitischen Gürtel" bis in den Libanon geträumt.


Erstarken der Schiiten

Der gegenwärtige Stellvertreterkrieg könnte rasch in einen großen Krieg ausarten. Politisch geht es für die USA um ein weiteres Kapitel ihres "Krieges gegen den Terrorismus" und dem Iran um den Führungsanspruch in der islamischen Welt. Hassan Nasrallah, Generalsekretär der Hisbollah, seinerseits nützt die Palästinafrage für seine Belange. Mit der jüngsten Entführung wählte Nasrallah einen Zeitpunkt, um der Hamas in Gaza zu Hilfe zu eilen. Infolge der Entführung eines israelischen Soldaten kam es seit Ende Juni zum israelischen Dauerbeschuss auf Gaza ohne Rüge durch die Staatengemeinschaft. Diese politische und militärische Fusion zwischen der schiitischen Hisbollah und der sunnitischen Hamas bereitet nicht nur Israel Sorge.

Sunnitische Staaten wie Saudi-Arabien, Jordanien und Ägypten verurteilten das "politische Abenteuer" der Hisbollah und verfolgen mit Argwohn die wachsende Popularität von Hisbollah-Chef Nasrallah unter ihren Staatsbürgern vor allem aber in der palästinensischen Bevölkerung. Syrien, das bis April 2005 die Protektoratsmacht im Libanon war, duckt sich im Windschatten der Krise und könnte bald wieder als Akteur im Libanon auftreten. Vorerst bietet Syrien Asyl für einen Teil der 700.000 vertriebenen Libanesen.

Selten hat ein Krieg so unerwartet begonnen und ist binnen Stunden derart eskaliert. Das diplomatische Karussell dreht sich immer schneller, doch es fehlen die wesentlichen Akteure. Die USA müssen mit dem Iran und mit Syrien ins Gespräch kommen. Direkte Kontakte zwischen Teheran und Washington liefen bereits hinter den Kulissen. Es geht nicht nur um die Lösung des iranischen Atomprogramms. Die USA benötigen eine Verständigung mit dem Iran im Südirak und sie müssen mit dem Iran die Lage im Libanon lösen. In allen Belangen scheinen der Iran und die Hisbollah am längeren Hebel als die USA und Israel zu sitzen. Ein strategischer Vorteil ist schon das Fehlen einer freien öffentlichen Meinung.

Dr. Karin Kneissl ist Juristin und Arabistin. Sie arbeitet als freie Journalistin und Lehrbeauftragte zwischen Wien und Beirut.

eins Entwicklungspolitik 15-16-2006