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Religiöser Nationalismus

Huntingtons Streitschrift gegen neue Migranten in den USA

Dieter Oberndörfer

Der Politikwissenschaftler Samuel Huntington beschäftigt sich in "Wer sind
wir - die Krise der amerikanischen Identität" (2004) mit den Gefahren, die die amerikanische Nation in seiner Sicht bedrohen: Dies sind zum einen die massenhafte Einwanderung von Hispanics und zum anderen der "Einfluss von Eliten", die "sich von der Bindung an die Nation gelöst haben". Durch sie werde die bisherige Dominanz des Englischen "als einziger Nationalsprache" und die Vorherrschaft der "anglo-protestantischen Leitkultur" Amerikas gefährdet. Es drohe "eine bilinguale, bikulturelle Gesellschaft", "ein zweigeteiltes Amerika mit zwei Sprachen und zwei Kulturen", das "sich grundlegend von dem Amerika mit einer Sprache und anglo-protestantischen Leitkultur unterscheiden wird, das nun seit über 300 Jahren existiert hat". Diese Gefahren möchte Huntington durch Nationalismus abwenden. Dessen Chancen sind gut: "Die überwältigende Mehrheit des amerikanischen Volkes hält an der nationalen Alternative fest und möchte die amerikanische Identität, wie sie seit Jahrhunderten besteht, bewahren und stärken."


Zunächst zu den von Huntington alarmistisch behaupteten Folgen der Einwanderung der Hispanics für Amerikas aus der Sicht der empirischen Migrationsforschung: Die Wirksamkeit der klassischen Assimilationsmechanismen Amerikas wird in der Tat im Falle der andauernden massenhafte Einwanderung von Mexikanern und anderer Hispanics eingeschränkt. Dazu tragen ihre hohen Geburtenraten, ihre regionale Konzentration und ihre anhaltende Verbindung zum Herkunftsland durch moderne Medien, Verkehrs- und Kommunikationsmittel bei. Es ist daher durchaus möglich, dass der Gebrauch des Spanischen und das politische Gewicht der Hispanics noch zunehmen können. Der ethnische Hintergrund einiger Einzelstaaten und Kommunen kann sich dadurch stark verändern. Es wiederholen sich Wandlungsprozesse, die für die Geschichte der USA charakteristisch sind. In den neuenglischen Gründerstaaten und oft auch in amerikanischen Großstädten (z.B. New York) finden sich heute die Angelsachsen nur noch als Spurenelemente. Regionale Konzentrationen der deutschen, italienischen, irischen oder polnischen Einwanderung haben sich wieder aufgelöst.


Integrationskraft der US-Gesellschaft

Wie weit aber die kulturelle und politische Integration der Hispanics blockiert werden wird, hängt von vielen schwer abschätzbaren Faktoren ab, wie z.B. vom weiteren Nachzug, von der Bildungspolitik, von den wirtschaftlichen Erfolgschancen, der Mobilität und zukünftigen Fertilität der Migranten. So wird nach den bisherigen Erfahrungen der Fertilitätsentwicklung in modernen Gesellschaften vermutet, dass sich auch die Fertilität der Hispanics schnell und stark verringern kann. Umfang und Tempo ihrer Integration werden daher wegen der hier nur angedeuteten Unwägbarkeiten in der Wissenschaft kontrovers thematisiert. Als Defizite der Integration werden geringe sprachliche Kompetenz der nachwachsenden Generationen, Gettoisierung in Parallelgesellschaften und Benachteiligung beim beruflichen Erfolg und sozialen Aufstieg genannt. Sie gleichen in vielen Aspekten den Integrationsproblemen in den Hochburgen türkischer Zuwanderer Deutschlands.
Dennoch stimmen die meisten Beobachter überein, dass Huntingtons Schreckensvision einer bevorstehenden Sezession und Machtübernahme der Hispanics die Sog- und Integrationskraft der amerikanischen Gesellschaft weit unterschätzt. Letztere wirkt nach wie vor und schmilzt die durchaus unterschiedlichen Gesellschaften der Hispanics Amerikas auch heute sukzessiv ab. Dafür spielt auch ihre heterogene Abstammung eine Rolle. Zwar kommen etwa 60 bis 65 Prozent aus Mexiko, die übrigen 35 bis 40 Prozent jedoch aus verschiedenen Staaten Mittel- und Südamerikas. Sie mischen sich nur wenig untereinander und schon gar nicht mit den Migranten aus Mexiko. Sie haben unterschiedliche kollektive Herkunftsidentitäten und bringen ihre wechselseitigen nationalen Vorurteile in das Aufnahmeland mit. US-Amerikaner zu werden ist für sie eine weit attraktivere Alternative als die Verschmelzung mit anderen Nationalitäten Lateinamerikas oder gar erst den von ihnen kulturell und ethnisch meist wenig geschätzten Mexikanern.
Für Huntington sind die Hispanics aber eine kollektive Größe. Für ihn ist dabei schon jetzt das Neben- und Miteinander der Sprache und Kultur von Hispanics und US-Amerikanern per se eine Gefahr für Amerikas Identität. Kulturen sind für ihn - so auch in seinen Thesen über den Clash of Civilizations - klar voneinander abgegrenzte und inhaltlich genau definierbare statische Kollektive. Veränderungen oder Vermischungen mit "fremden" Kulturen sind unzulässig und zerstörerisch. Daher kritisiert er auch engagiert die Zunahme der Zweisprachigkeit in Kalifornien und Florida. Die Vorherrschaft der englischen Sprache und "seiner" anglo-protestantischen Leitkultur Amerikas muss gegen alle Einflüsse kulturell "fremder" Einwanderer geschützt werden. Dass dieses Ziel aber unter Einhaltung demokratischer Normen und Regeln in Gebieten verwirklicht werden kann, in denen "die" Amerikaner sogar schon jetzt zur Minderheit geworden sind oder es bald werden, ist wenig wahrscheinlich. Also Repatriierung der Hispanics, Eliminierung durch ethnische Säuberung oder Zwangsassimilierung mit undemokratischen Mitteln? Das Potenzial der möglichen praktischen politischen Konsequenzen des Nationalismus Huntingtons wird von ihm selbst nicht näher bestimmt. Es lässt sich aber aus seinen Aussagen zum Verhältnis von Nation und Verfassung ableiten.


Vorkonstitutionelle Nation

Eine Integration der Hispanics durch Politik nach den Regeln des amerikanischen "Credos", meint Huntington, müsse scheitern. Die "Prinzipien" des amerikanischen Credos - "Freiheit, Gleichheit, Demokratie, staatsbürgerliche Rechte, keine Diskriminierung, Herrschaft des Gesetzes" - seien zwar "Orientierungspunkte, wie eine Gesellschaft organisiert werden sollte. Sie geben jedoch nicht Umfang, Grenzen und Zusammensetzung der Gesellschaft an". "Liberale Demokraten" übersähen, dass sich "eine Nation, die sich durch eine politische Idee definiert, ein Koloss auf tönernen Füßen" sei. Dies zeige das Scheitern des Kommunismus und dies gelte auch für Amerika. Die "Seele" der amerikanischen Nation, die Seele Amerikas, definiere sich nicht durch die politischen Prinzipien des amerikanischen Credos, sondern "durch gemeinsame Geschichte, gemeinsame Traditionen und gemeinsame Kultur". Damit wird von Huntington eine mystische, vorkonstitutionelle Existenz der Nation konstruiert. Dies hat weit reichende Folgen. Die Nation wird der Verfassung und ihren Prinzipien vor- und übergeordnet. Sie bestimmt den Umfang ihrer Geltung. Die Verfassung und ihre Prinzipien sind nicht mehr wie bisher in der amerikanischen Geschichte der Richtung weisende und die Handlungsspielräume begrenzende Rahmen der Politik.
Der Gegensatz zwischen den menschheitlichen Prinzipien der amerikanischen Verfassung - that all men are created equal - und weniger hehren Aspekten der politischen Praxis hat die Geschichte der US-Amerikaner seit den Anfängen ihrer Republik begleitet. Die unbestrittene Geltung der Verfassung als konstitutive Grundlage und Norm der Nation hat jedoch immer wieder einen Prozess der evolutionären Interpretation und Durchsetzung elementarer Verfassungsprinzipien in Gang gebracht. Durch ihn wurde sukzessiv gerade auch die Diskriminierung und Ausgrenzung großer Bevölkerungs- und Einwanderergruppen (u.a. Schwarze, Katholiken, Juden, Iren, Chinesen, Japaner) abgebaut und ihre politische Integration als gleichberechtigte US-Amerikaner begründet.
Mit Huntingtons Berufung auf die stets vieldeutige Geschichte und Kultur der Nation wird eine Ausklammerung der Prinzipien der Verfassung aus der praktischen Politik intellektuell legitimiert. Die Verfassung und ihre Prinzipien werden jetzt weniger als Norm der Nation, sondern als Beengung ihres legitimen Wollens und ihrer Kräfte gesehen. Daher registriert Huntington auch mit deutlicher Zustimmung, dass in jüngster Zeit "Breschen" in die "Mauer" der verfassungsmäßigen Trennung von Religion und Staat geschlagen worden seien.


Konstruierte "deutsche Leitkultur"

Die Axiome und Konsequenzen von Huntingtons Leitkultur, insbesondere die damit verbundenen Definition der Nation aus fabulierter und interpretierter "gemeinsamer" Geschichte finden sich abbildlich auch in der deutschen Debatte über Leitkultur und der Kritik am Verfassungspatriotismus. Durch die Berufung auf eine konstruierte kollektive "deutsche" Leitkultur können auch hier Einwanderer von der Teilhabe an der Nation ausgegrenzt werden. Die Kritiker des Verfassungspatriotismus meinen ebenfalls, dass die Nation ein vor- und überkonstitutionelles Gebilde sei und stellen sie über die menschenrechtlichen Normen des Grundgesetzes. Sie verstehen nicht oder wollen nicht verstehen, dass die Orientierung an der Verfassung den Patriotismus vor den unheiligen Versuchungen eines kulturell definierten Nationalismus schützt. Der auch im Grundgesetz angelegte Gegensatz zwischen der universalen Geltung der Grundrechte und ihrer Einschränkung durch die so genannten "Deutschenrechte" des politisch ominös verorteten Staatsrechtslehrers Theodor Maunz wird mit der Berufung auf deutsche Geschichte und Kultur als Norm der Verfassungsinterpretation vertieft. Dabei erschreckt bei Huntington und bei den deutschen Leitkulturalisten immer wieder ihre naive vereinfachende Sicht von Geschichte und Kultur. Deren Komplexität und subjektive Interpretierbarkeit wird nicht wahrgenommen. Beide erhalten den Rang objektiver quasi dinglicher Größen, die für die Bestimmung der "richtigen" nationalen Identität zur Verfügung stehen und jederzeit abgerufen werden können.
Nationalisten müssen die Frage beantworten, wer die Subjekte sind, die die Ziele und Inhalte nationaler Politik bestimmen. Huntingtons Bescheid formuliert einen hohen Anspruch: die "überwältigende Mehrheit" der US-Amerikaner. Von deren Religiosität geleitet, wisse das amerikanische Volk genau, "was gut und böse ist". Seine Widersacher - "national entwurzelte kosmopolitische oder imperiale Eliten" - seien aber darauf aus, Amerika für Multikulturalismus, für kulturellen Relativismus und den Import fremder kultureller Werte zu öffnen - oder es in globale Politik und unkontrollierbare Weltläufe zu verstricken. Diese eher in der "politischen Linken" beheimateten Eliten seien zudem weit weniger religiös eingestellt als die Mehrheit der US-Amerikaner. Gerade aber deren Religiosität ist für Huntington die eigentliche Quelle der Führung auf dem Weg Amerikas in die Zukunft.


Nebulöse Religiosität

Für den ausländischen Beobachter hat diese Religiosität oft eine nebulöse Qualität. Ein Profil klassischer theologischer Kontroversen der christlichen Überlieferung gibt es in ihr nur wenig. Die Idolisierung der Nation zum eigentlichen Gott Amerikas erinnert an die biblische Geschichte vom goldenen Kalb. Es fehlen in ihr die menschheitlichen Orientierungen der Gründerväter der Vereinigten Staaten. Religiös begründete Einstellungen, wie etwa die Unterordnung der Frau, die Akzeptanz der Todesstrafe oder die Kriminalisierung von Homosexualität und anderes, werden von Huntington bemerkenswert kritiklos behandelt. Führen sie in das neue Jahrhundert?
Die politischen Probleme Amerikas, wie etwa die wachsende Kluft zwischen Arm und Reich, die Integration der Einwanderer, die gigantischen Haushaltsdefizite und die zunehmende irreversible Abhängigkeit von Konstellationen und Veränderungen der Weltpolitik, werden in Huntingtons Buch nicht angesprochen. Sie alle können nur über Einzelmaßnahmen konkreter Politik aufgearbeitet werden. Der Rückgriff Huntingtons auf Ideologie - auf die Religion des Nationalismus - trägt dazu wenig bei. Er legitimiert kulturellen und politischen Isolationismus. Er wirkt als Opiat für eine nur scheinbare Bewältigung der Komplexität der Innen- und Außenpolitik Amerikas.
Der Nationalismus Huntingtons drückt die Vorstellungen großer Teile der US-amerikanischen Konservativen aus. Er muss daher schon deshalb ernst genommen werden. Darüber hinaus verdeutlicht sein Strickmuster aber auch gefährliche Entwicklungspotenziale der Zuwanderungs- und Integrationsdebatte in Deutschland.

Prof. em. Dr. Dr. hc. (mult.) Dieter Oberndörfer (Jahrgang 1929) war Professor für Politikwissenschaft in Freiburg /Br. und Direktor des Arnold-Bergstraesser-Instituts sowie erster Vorsitzender des Rates für Migration.

eins Entwicklungspolitik 15-16-2006