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Dimensionen des Weltzorns

Perspektiven des christlich-islamischen Dialogs

Klaus Lefringhausen

Eine Zusammenführung der Integrations- und Entwicklungsdebatte für einen Dialog zur Kooperation und für Selbstorganisation der Migranten anstatt Betreuung fordert der ehemalige Integrationsbeauftragte der Landesregierung von NRW. Redaktion

Schlaglichter

Wir begegnen in Deutschland weniger dem repräsentativen Islam, sondern mehr dem traditionsgebundenen Dorf- oder Volksislam.

Eine vorläufige Gliederung unterscheidet zwischen dem Volksislam mit seinem Gottvertrauen, dem legalistischen Islam mit der Sorge um gute Werke und dem Sufi-Islam mit der spirituellen Frömmigkeit des Herzens.

Zu den Stufen des guten Verhaltens zählt der Islam:

Die Grundstufe der Durchschnittsmenschen, die für die Selbstverteidigung Gleiches mit Gleichem vergelten.

Die höhere Stufe des Verzeihens und der Jenseitsorientierung mit innerweltlicher Bewährung, also ohne Weltflucht.

Der Dialog gerät in eine Schieflage, wenn liberales Christentum mit orthodoxen Muslimen, oder die eigene gute Lehre mit der schlechten Praxis anderer vergleichen werden.

Muslime gehen weniger von der Gebrochenheit des Menschseins aus und kennen deshalb weniger die Tradition der Selbstdistanz, der Selbstkritik und der Bereitschaft, auch den eigenen Schatten in die eigene Identität zu integrieren. Deshalb geraten sie leicht in die Falle der Opfer- und Beleidigtenrolle.

Im interreligiösen Dialog stehen christlichen Theologen kaum muslimischen Theologen gegenüber, sondern mehr den Vertretern von Rechtsschulen.

Religiöse Gegensätze entstehen vor allem aus Spannungen zwischen den Kulturen der Stadt und der ländlichen Gebiete.

Wer die Tradition nicht mehr begründen kann, behauptet gerne, sie sei religiös geboten und deshalb nicht befragbar.

In der Defensive der Diaspora wird versucht, mitgebrachte Heimat mit einem besonders engen Horizont zu schützen.

Die innerislamischen Gegensätze sind so stark, dass sie dramatisierte Feindbilder brauchen, um wieder panislamisch zu fühlen.

Islamische Sozialethik steckt in der Falle der Kasuistik.

Der Islam braucht eine Theologie der Integration, denn bisher standen Muslime vor der Frage, wie sie Minderheiten in muslimische Mehrheiten integrieren sollen, nicht aber, wie sie sich selbst in Mehrheiten oder gar in säkulare Gesellschaften integrieren.

Muslimische Gesprächspartner argumentieren aus der Defensive und kompensieren zivilisatorische Komplexe durch moralische Überlegenheitsansprüche.

In ihrem Bewusstsein sind Kreuzzüge und Kolonialgeschichte aktueller, als der Westen ahnt..

Zur orientalischen Kultur gehört die Tugend, andere zu überlisten. Wenn Muslime also zu der ihnen erlaubten Taktik des sich Verstellens greifen, dann halten sie das für normal und nicht für einen moralischen Defekt.

Es gibt Inseln des Verstehens wie z.B. das Bilderverbot, das davor bewahren will, Gott zur Echowand religiöser Überlegenheitswünsche, kultureller Machtansprüche und geostrategischer Interessen zu erniedrigen und eigene Wunschbilder mit göttlicher Autorität zu versehen, um sie leichter durchzusetzen.

Gott, der ganz Andere, lässt sich nicht in Begriffe und in keiner weltlichen Heilslehre, Ideologie, Lebens- und Gesellschaftsordnung einfangen. Er ist kein Kulturgott, der den Glauben zur Abwehrkultur umformen lässt.

Er ist ferner kein Wohlstandsgott, der die Lebenslagen der Menschen und Nationen so verteilt hat, wie sie sind.

Auch kein Endzeitgott, der aus dem Glauben eine weltverneinende Unheilshoffnung macht.

Er lässt sich auch nicht zu einem religiösen Grenzwächter erniedrigen oder zu einem Gruppengott gegen andere.

Er ist weder Ober- noch Antieuropäer, auch kein kleingerahmter Gebrauchsgott, der sich zum Komplicen unseres Tuns machen ließe.

Er ist kein Kriegsgott, kein Anwalt für zementierte Feindbilder und keine Berufungsinstanz für Rechthaber.

Er ist nicht der oberste Identitätswächter, sondern der Erhabene und Grenzenlose und deshalb wäre der Ruf 'Allah ist groß' befreiend, entkrampfend, entlastend und ein starker Friedensimpuls, wenn er denn ernst genommen würde.

Die Erfahrung lehrt, dass auf dieser Aussageebene interreligiöses Vertrauen entstehen kann.


Problemfelder interkultureller Diakonie

Islamismus

Die Annahme, Entwicklung sei Außen- und Integration sei Innenpolitik, übersieht, dass diese Grenzen verschwimmen, denn einerseits hat unser Lebens- und Wirtschaftsstil mehr Relevanz für die Entwicklungsländer als der Hilfebereich und andererseits hat das weltpolitische Meinungsklima erhebliche Auswirkungen auf die Spannungen zwischen Einheimischen und Zweiheimischen.

So erleben und erleiden wir eine Debatte, die den Muslimen oft und gerne das Terrorproblem anlastet und damit das Eigentliche verharmlost, nämlich den Weltzorn, den es auch ohne Islam gäbe. Die Muslime sind nicht Erfinder des Weltzorns, sondern mehr sein Resonanzboden und sein Sprach- und Denkraum. Der Weltzorn findet im Islam Strukturen und verstärkende Motive für eine antiwestliche Gegenkultur, die auch der Befindlichkeit, wie Bischof Tutu sagt, in Afrika und Südamerika entspricht. Doch dort sind sie schwerer zu artikulieren, zu organisieren und religiös zu legitimieren, wie das Schicksal der schwarzen Theologie, der Befreiungstheologie oder der min jung Theologie in Asien zeigt.

Die Weltgemeinschaft der muslimischen Umma ermöglicht gegenwärtig die einzige geostrategische Antwort auf das militärische, ökonomische und zivilisatorische Dominanzverhalten des Westens. Wir gehören zu den Verursachern des Weltzorns und sind Opfer von uns selbst. Wer den Weltzorn dem Islam anlastet, reagiert mehr auf Symptome als auf die Ursachen.

Deshalb müssen wir dringend die Integrations- und die Entwicklungsdebatte zusammenführen, und zwar bevor die Jugendlichen in den Vorständen im Machtbewusstsein, Mehrheit zu sein, der Parole folgen: Wut tut gut.

‚Tun, was eint' als Therapie gestörter, interreligiöser Beziehungen

Zum Erfolg der Ökumene gehörte einst das Motto: Tun, was eint. Überdimensionierte Aufgaben sind nämlich die Therapie gegen das niedrige Themenniveau kleinkarierter und zänkischer Rechthaberdebatten, die den gegenwärtigen Dialog mit dem zugewanderten Islam prägen.

Die Integration wird scheitern, wenn sie ihr sozialpolitisches Vorzeichen behält, denn die neuen Mitbürger wollen nicht die Sozialfälle der Nation bleiben, sondern erleben, dass sie gewollt sind, weil sie für die Lösung der Zukunftsaufgaben gebraucht werden. Am Rande der Gesellschaft bleiben sie in einer Halbintegration stecken, wenn wir sie nicht in die Mitte holen, indem wir mit ihnen unsere Zukunftsverantwortung teilen und sie erleben lassen, dass sie gebraucht und gewollt sind. Wie in der Weltpolitik so schaukeln sich auch im Stadtteil gegenseitige Verneinungen auf und schaffen ein hoch entzündungsfähiges Klima.

Deshalb ist Dialog angesagt mit dem Ziel interreligiöser Kooperation. Die Kooperation schafft den Erstfall, der die Falle von Kuscheldialog, religiöser Horizontverschmelzung und Synkretismus umgeht und dauerhafte Hörweite herstellt.

Fällig wäre eine Studiengruppe, die unsere Zukunftsaufgaben so umformuliert, dass sich Muslime eingeladen fühlen, sich an ihrer Lösung zu beteiligen und dabei ihr eigenes Profil einzubringen. Vielleicht wäre das ein würdiges Thema für eine gemeinsame Arbeit, zu der auch die Bereiche Umwelt, Entwicklung und Integration gehören.

Demokratie - kein Fertigprodukt

Es ist ein Fehler, den Zugewanderten die Demokratie als Fertigprodukt anzubieten ohne die Chance, sich mit ihr zu identifizieren, indem sie auch Eigenes einbringen.

Wir haben die Zugewanderten noch nicht mitgenommen auf die Suche nach Bindekräften für eine fragmentierte und verinselte Gesellschaft und nach neuen Gleichgewichten

zwischen Macht und Recht,
zwischen Freiheit und Moral,
zwischen Öffentlichkeit und Privatheit,
zwischen Markt und Sozialstaatlichkeit,
zwischen Gleichheit und Diskriminierung,
zwischen Wirtschafts- und Umweltpolitik,
zwischen Religions- und Meinungsfreiheit,
zwischen individuellen und Gruppenrechten,
zwischen öffentlichen und privaten Interessen,
zwischen Volkssouveränität und Vermachtung,
zwischen Ordnungs- und Sinngebungsinstanzen,
zwischen Partizipation und Mehrheitsansprüchen,
zwischen individualistischem Lebensstil und sozialer Verantwortung.

Zugewanderte nicht an der überfälligen Reformdebatte zu beteiligen, verstärkt ihren Verdacht, dass Integration geistige Kolonisierung bedeutet.

So wiederholt sich, was bereits in der Sozialgeschichte verhängnisvoll war, als die Arbeiterfrage als Arbeiterernährungsfrage missverstanden wurde, obwohl sie eine politische Frage war, denn als neuer Stand forderten die Arbeiter gesellschaftspolitische Mitsprache, die die bisherigen Stände bereits unter sich aufgeteilt hatten. Die politische Frage wurde also karitativ beantwortet, statt ihnen zu ermöglichen, sich die Gesellschaftsordnung durch Mitgestaltung anzueignen.

Genau das wiederholt sich, wenn Integration ein Betreuungsthema bleibt, die Partizipation an der gesellschaftspolitischen Willensbildung vorenthalten wird und die Integration als Teil der Sozial- oder Ordnungspolitik und nicht als Teil der Zukunfts- oder gar Modernisierungspolitik verstanden wird.

Betreuung ist süßes Gift vor allem für Menschen, die aus autoritären Strukturen kommen und verinnerlicht haben, dass es gefährlich ist, selbst etwas zu wollen. Man kann ihnen stets sagen, dass eine Demokratie auf Selbstorganisation der Interessen angelegt ist und dass nicht organisierte Interessen bei der politischen Willensbildung kaum berücksichtigt werden. Sie werden das zwar intellektuell begreifen, nicht aber mentalitätsmäßig und deshalb am Anspruchsdenken gegenüber dem Staat festhalten. Die Parallele zwischen Integrations- und Entwicklungspolitik ist auch hier offenkundig.

Umgang mit Ängsten

Ängste vor- und gegeneinander sind ansteckend, schaukeln sich gegenseitig auf, entfalten eine destruktive Eigendynamik und produzieren genau das, was sie befürchten, nämlich ein kalt distanziertes Nebeneinander, aus dem sich bald ein Gegeneinander entwickelt. Ängste legen nahe, möglichst schlecht von einander zu denken, um nicht überrascht zu werden. Man dramatisiert das Gegenüber, indem man ein Feindbild aus einseitigen Negativbeispielen zusammensetzt. So erklärt und legitimiert sich die Angst selbst, denn wer den bösen Islam fürchtet, macht ihn böse.

Wer diese Angst nicht teilt, wird als Gutmensch selbst Gegenstand der Angst. Ihn treffen Schlag-, Hieb- und Stichworte wie Multi-Kulti-Seligkeit und der Vorwurf der kulturellen Ich-Schwäche, die mit Blauäugigkeit, Harmoniesucht und Träumereien das Abendland gefährdet.

Den Vorwurf, blauäugig zu sein, machen in der Regel die, deren nachhinkendes Bewusstsein zu lange übersehen hat, dass wir ein Einwanderungsland sind und wegen dieser Verspätungen nun Probleme mit der nachholenden Integration haben. Sie beanspruchen, realistischer zu sein als die, die sie verächtlich Gutmenschen nennen, doch ihr Realismus erweist sich bei näherem Zusehen als Oberflächenrealismus, denn die härtere Gangart, die sie gegenüber religiösen Rigoristen einschlagen, ist so undifferenziert, dass es zu falschen Solidarisierungen zwischen den Problemgruppen und ihrem bislang unentschlossenen Umfeld kommt.

Das gilt bei uns wie international, denn wer mit betont harter Hand einen hohen Grad an Entschlossenheit demonstrieren will, der schweißt Blöcke zusammen, die er zu bekämpfen vorgibt, und der zementiert die Köpfe, die sich eigentlich öffnen sollten. Genau das ist blauäugig. Zudem wäre zu fragen, was aus der Integration geworden wäre, wenn es nicht das jahrelange Durchhalten derer gegeben hätten, die dem Integrationsklima ein Minimum an Wärme gegeben haben und nun blauäugig genannt werden.

Blauäugig ist ferner, wer glaubt, die Integrationsszene mit Schreckbegriffen wie Parallelgesellschaften und Islamismus gültig beschreiben zu können. Natürlich gibt es ethnisch verdichtete Stadtteile, doch die haben mehr mit praktischer Solidarität innerhalb als mit dem Versuch zu tun, einen Staat im Staat bilden zu wollen. Natürlich kann niemand Gefahren ausschließen, denn jederzeit können einigen im Integrationsstress die Nerven durchgehen. Daraus aber pauschal eine islamische Gefahr zu machen, würde das herbeireden, was befürchtet wird.

Wir sind stark in der Schilderung von Gefahren, doch schwach im Umgang mit Ängsten und ihrer Eigendynamik - national und international. Der Umgang mit Ängsten als Problem evangelischer Sozialethik wäre deshalb ein gemeinsames Studienthema von Entwicklungs-, Umwelt- und Integrationsverantwortung.


Dr. Klaus Lefringhausen, Jahrgang 1934, war von 2002 bis 2005 Integrationsbeauftragter der Landesregierung Nordrhein-Westfahlen. 1969 baute er das Bochumer Sozialwissenschaftliche Institut der Evangelischen Kirche auf. Bundespräsident Gustav Heinemann berief ihn 1971 zum Geschäftsführer des Forums für Entwicklungspolitik, 1974 wurde er Geschäftsführer der Gemeinsamen Konferenz Kirche und Entwicklung (GKKE). Von 1995 bis 2000 war er Nord-Süd-Beauftragter des Ministerpräsidenten von NRW.