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Was wird aus der christlichen Weltverantwortung?

Eindrücke aus Ökumene, Reformdebatten, Begegnung Christentum-Islam

Klaus Wilkens

Weltgemeinschaft im Kleinen

• Die Vollversammlung wurde neben den Plenar- und Ausschusssitzungen vor allem auch durch die Programmteile geprägt, die die Teilnehmenden in kleinen Gruppen zusammenführten und die den ÖRK als eine "Weltgemeinschaft im Kleinen" (so Thomas Wipf, Ratspräsident des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbundes) erfahrbar machten. In Porto Alegre konnte man den ÖRK als eine Gemeinschaft erleben, in der man über alle Grenzen hinweg ernsthaft aufeinander zuging, gemeinsam diskutierte, arbeitete und betete. Das Bewusstsein der Zusammengehörigkeit, das sich dabei entwickelte, kam vor allem da zum Ausdruck, wo der ÖRK in den vergangenen Jahren mit erheblichen Schwierigkeiten zu kämpfen hatte. So schien ein Bruch zwischen den orthodoxen Kirchen und den reformatorischen Kirchen bei der 8. ÖRK-Vollversammlung in Harare fast unvermeidbar. Die Arbeitsergebnisse der "Sonderkommission zur orthodoxen Mitarbeit im ÖRK", die nach Harare berufen wurde und unter dem Vorsitz von Bischof Rolf Koppe (EKD) und Metropolit Chrysostomos von Ephesus in dreijähriger Arbeit die verschiedenen Gravamina zwischen den Kirchen aufgearbeitet hatte, haben, wie sich in Porto Alegre zeigte, ganz wesentlich dazu beigetragen, dass das Verhältnis der orthodoxen Kirchen zum ÖRK sehr viel entspannter und vertrauensvoller geworden ist, als man sich dies noch vor wenigen Jahren vorstellen konnte. Ähnliches ließe sich über die Pfingstkirchen sagen, die erstmals offiziell am Programm der Vollversammlung mitwirkten und ihre Bereitschaft zur Zusammenarbeit mit dem ÖRK deutlich zum Ausdruck brachten.

So wurde durch die 9. Vollversammlung erkennbar, dass die "Weltgemeinschaft im Kleinen", die sich hier manifestierte, eine Dynamik in sich birgt, die über bisherige Blockaden und Barrieren hinausweist.

Gefahr der ökumenischen Nische

• Nun ist gerade in Deutschland kritisiert worden, dass der ÖRK, wenn er nicht mehr ist als ein Forum des Austausches "für die Öffentlichkeit in Kirche und Gesellschaft uninteressant wird" (2). Ganz ähnlich hat Fritz Erich Anhelm darauf hingewiesen, dass "sich die Ökumene in eine für ihr globales Umfeld nicht länger beachtenswerte Nische" bewegt, wenn sie sich nicht für eine offene Kommunikation und partnerschaftliche Kooperation mit ihrer Außenwelt öffnet (3).

Ich bin jedoch überzeugt, dass die Vollversammlung des ÖRK in Porto Alegre eine ganze Reihe von Impulsen gegeben hat, die auf eine solche Öffnung der Ökumene zielen. Denn ohne Frage hat die Vollversammlung die Interaktion der Ökumene mit ihrer Außenwelt in wichtigen Punkten zum Maßstab der Weiterarbeit des ÖRK gemacht. So hat die Vollversammlung die Dekade zur Überwindung der Gewalt, die mit der 9. Vollversammlung ihren Halbzeitstand erreichte und die der ÖRK bisher eher den regionalen Initiativen überließ, zu einem Programmschwerpunkt des ÖRK gemacht. Danach soll neben einer stärkeren Vernetzung der regionalen und lokalen Aktivitäten ein breiter Konsultationsprozess mit allen beteiligten Akteuren initiiert und auf diese Weise eine gemeinsame ökumenische Erklärung zum "gerechten Frieden" erarbeitet werden. In diesem Prozess, dem mit dem Beschluss einer internationalen ökumenischen Friedensversammlung zum Abschluss der Dekade im Jahr 2010 ein klares Ziel gesetzt wurde, soll also erreicht werden, dass die Dekade einerseits regional und lokal verankert bleibt, andererseits aber auf internationaler Ebene intensiviert und profiliert wird.

Es ließen sich weitere Beschlüsse der Vollversammlung nennen, die auf eine Öffnung des ÖRK für sein globales Umfeld zielen. Zu nennen wären hier z.B. die Beschlüsse zum interreligiösen Dialog, von dem es in dem vom Weisungsausschuss vorgelegten und vom Plenum angenommenen Bericht heißt, er sei "mehr denn je ... Ausdruck der wesentlichen Identität des ÖRK, der sich in die Welt einbringt, Spannungen beilegt, Frieden stiftet und die Menschenwürde wie auch die Rechte religiöser Minderheiten schützt" (4). Zu verweisen wäre auch auf Beschlüsse der Vollversammlung zur Terrorismusbekämpfung, zu "humanitären Interventionen" oder zur Abschaffung nuklearer Waffen, mit denen sich die Vollversammlung in die weltweit laufenden Debatten zu diesen Themen eingeschaltet hat.

Globalisierung zentrale Herausforderung

• Die 9. Vollversammlung hat schließlich die Globalisierung als die zentrale Herausforderung der Ökumene heute erkennbar gemacht. Dem Beschluss der 8. ÖRK-Vollversammlung von Harare 1998, "Christen und Kirchen sollten über die Herausforderung der Globalisierung aus der Perspektive des Glaubens nachdenken (5), war ein weltweiter Diskussionsprozess gefolgt, in dessen Verlauf es auch zu beachtlichen kirchlichen Erklärungen kam (siehe zum Beispiel die Erklärung der 24. Generalversammlung des Reformierten Weltbundes von Accra 2004). Es zeigte sich jedoch auch, dass sich die Weltchristenheit in dieser Frage in zwei unversöhnliche Lager auseinander dividieren könnte: In das Lager derer, die in der "neoliberalen Globalisierung" einen Bekenntnisfall sehen, der dazu nötigt, dieses Wirtschaftssystem als unchristlich zu verurteilen und zu überwinden, und in das Lager derer, die echte Realisierungschancen darin sehen, das bestehende Wirtschaftssystem im Dialog mit der Wirtschaft, den Regierungen und den multinationalen Institutionen (IWF, Weltbank, WTO) politisch zu steuern und menschwürdiger zu gestalten.

Es war nicht zu erwarten, dass die Vollversammlung des ÖRK in Porto Alegre über die derzeitige Diskussionslage hinsichtlich dieser Problematik würde hinausführen können. Sie wird von der UN-"Weltkommission zur sozialen Dimension der Globalisierung" so beschrieben: "Die öffentliche Diskussion über die Globalisierung ist in eine Sackgasse geraten. Die öffentliche Meinung ist in den ideologischen Gewissheiten festgefahrener Standpunkte erstarrt und in viele Einzelinteressen zersplittert. Der Wille zu einem Konsens ist schwach (6). Aus dieser Sackgasse konnte die Vollversammlung in Porto Alegre nicht herausführen. Denn das vom Stab des ÖRK vorgelegte Hintergrundpapier zur "Alternativen Globalisierung im Dienst von Menschen und Erde (AGAPE)", wie auch die Referate auf der entsprechenden Plenarsitzung, die viele Fragen aufwarfen, und der als Gebet formulierte AGAPE-Aufruf, mit dem die Kirchen aufgefordert wurden, sich zu einer alternativen Globalisierung zu bekennen, konnten im Plenum kaum diskutiert werden (erst nach vehementen Protesten zahlreicher Delegierten wurde dafür eine zeitlich eng befristete Sondersitzung anberaumt) und machten jeden Versuch, gemeinsame Positionen zu erarbeiten zunichte.

Mit diesem "Ergebnis" jedoch hat die 9. Vollversammlung klar gemacht, dass die Globalisierungsproblematik den zentralen, überaus brisanten Konfliktpunkt der Weltsituation unserer Tage darstellt, an dem auch der ÖRK nicht vorbei kommt. So hat denn auch Bischof Dr. Wolfgang Huber, der die entsprechende Plenarsitzung moderierte, an deren Schluss betont, dass der vom ÖRK angestoßene Diskussionsprozess zur Globalisierung in Porto Alegre nicht etwa zum Abschluss gekommen, sondern dass dafür ein erster Anfang gemacht worden sei. Dem entsprechend hat dann die Vollversammlung auf Empfehlung des Ausschusses für Programmrichtlinie beschlossen, dass die mit dem AGAPE-Prozess intendierte Diskussion "unternommen und ausgeweitet werden soll, in Zusammenarbeit mit anderen ökumenischen Partnern und Organisationen, um
1. eine theologische Reflexion über diese Themen zu führen, die sich aus der Mitte unseres Glaubens heraus ergeben,
2. solide politische, wirtschaftliche und soziale Analysen durchzuführen,
3. einen ständigen Dialog zwischen religiösen, wirtschaftlichen und politischen Akteuren zu unterhalten und
4. praktische, positive Ansätze aus den Kirchen auszutauschen" (7).

Mit dem Auftrag, zwischen den verschiedenen Akteuren der Globalisierung einen problem- und handlungsorientierten Dialog zu ermöglichen, ist dem ÖRK eine Aufgabe zugewiesen worden, für die er von seiner Struktur, seinen Aufgaben- und Zielvorstellungen und seiner Mitgliedschaft her hervorragende Voraussetzungen mitbringt. Wie könnte ein solches Dialogprogramm aussehen? Ich plädiere dafür, dass ein solches Programm kontinental oder regional strukturiert wird und dass Mitgliedskirchen des ÖRK in diesen Regionen sich zunächst mit potenziellen Dialogpartnern aus Kirche, Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft über eine gemeinsame, verbindliche Planung eines solchen Dialogprogramms verständigen. Dabei müsste vor allem Einverständnis über den Dialogansatz erzielt werden. Das heißt, man müsste sich darüber einig werden, dass man nicht einem "deduktiven" Dialogansatz folgen werde, der die jeweiligen Grundsatzpositionen zum Ausgangspunkt und zum Inhalt des Dialogs machen würde. Anstatt den Versuch zu machen, die Dialogpartner auf die je eigenen Grundsatzpositionen, Denkschriften u.ä. festzulegen, müsste man sich also zugestehen, dass man sich gegenseitig mit den jeweiligen Überzeugungen und Interessen respektiert. Das heißt, die Dialogpartner müssten sich auf einen "induktiven" Ansatz verpflichten lassen, der die konkrete Problemlage der Region - bei Wahrung der jeweils eigenen Grundsatzposition - zum Ausgangsposition des Dialogs macht und sich um eine sachbezogene, gründliche Analyse der sozialen und ökologischen Probleme der Region, ihrer Ursachen und Folgen und ihrer Zusammenhänge mit der wirtschaftlichen Globalisierung bemüht.

Erst wenn man hinsichtlich dieser Analyse zu gemeinsamen Ergebnissen gekommen ist, wäre in einer zweiten Phase des Dialogs zu erkunden, ob es bei aller Unterschiedlichkeit der jeweiligen Eigeninteressen der Dialogpartner im Blick auf bestimmte Problembereiche so etwas wie eine Schnittmenge von gemeinsamen Interessen gibt, die koordinierte Handlungsschritte zur Lösung der Probleme dieses Bereichs ermöglichen.

Ein solches Dialogprogramm, das eine Laufzeit von etwa drei Jahren haben könnte, sollte mit einer öffentlichen Konsultationsveranstaltung abgeschlossen werden, bei der die erzielten Dialogergebnisse vorgestellt und zur Diskussion gestellt werden.

Provinzialisierung der Kirche ?

Nun stellt sich freilich die Frage, ob die zuvor genannten Impulse und Anregungen der 9. ÖRK-Vollversammlung von den Gliedkirchen des ÖRK überhaupt aufgenommen werden.

Im Blick auf die EKD ist, was diese Frage angeht, Skepsis geboten. Im Vorwort des EKD-Ratsvorsitzenden zum Impulspapier der EKD unter dem Titel "Kirche der Freiheit. Perspektiven für die evangelische Kirche im 21. Jahrhundert" vom Juli 2006 heißt es: "Der Dialog der Religionen, die weltweite Ökumene, die internationale Vernetzung der EKD und das gemeinsam verantwortete weltweite Gerechtigkeitshandeln werden in diesem Text nicht eigens thematisiert, obgleich sie ebenfalls zentrale Herausforderungen unserer Kirche darstellen werden". Das heißt, hier wird davon ausgegangen, dass die Bemühungen um eine Reform der EKD und ihrer Gliedkirchen angesichts der Herausforderungen des 21. Jahrhunderts von den Anstößen aus der Ökumene - jedenfalls vorerst - absehen können. Da stellt sich die Frage, ob hier nicht im Zeitalter der Globalisierung so etwas wie eine Provinzialisierung der Kirche droht.

Das hat mich veranlasst anzuregen, dass 40 Jahre nach der ÖRK-Vollversammlung in Uppsala und der Gründung des Kirchlichen Entwicklungsdienstes, also im Jahre 2008, oder 50 Jahre nach Gründung von Brot für die Welt, also 2009, ein entwicklungspolitischer Kongress veranstaltet werden sollte, der die Weltverantwortung der Kirche thematisiert.

Wittmund, den 15. Juni 2007


Klaus Wilkens war 17 Jahre Gemeindepfarrer in Jever und danach 18 Jahre Referent bzw. Leiter der Abteilung Kirche und Ökumene im Kirchenamt der EKD, Hannover.

Anmerkungen

1) Dass dieser Aspekt ökumenischer Gemeinschaft in der Ökumene häufig zu kurz kommt, hat die 5. Weltkonferenz des ÖRK für Glauben und Kirchenverfassung (Santiago de Compostela 1993) beschäftigt und zu klaren Beschlüssen veranlasst. In ihrer Botschaft heißt es (Absatz 9): "Heute erfordert die Einheit (der Kirchen; Vf.) Strukturen für die gegenseitige Rechenschaft" (siehe auch den Bericht der Sektion II, Absatz 31.4, und den Bericht der Sektion III, Absatz 31).

2) Lothar Bauerochse in "zeitzeichen", Nr. 2/2006; Seite 31.

3) Siehe seinen beachtenswerten Artikel in Ökumenische Rundschau, Januar 2005, 54. Jg., Heft 1; Seite 24-40.

4) Siehe den Berichtsband von der Vollversammlung "In deiner Gnade, Gott, verwandle die Welt", hg. Von Klaus Wilkens, Frankfurt am Main 2007, Seite 180.

5) Siehe den Berichtsband von dieser Vollversammlung "Gemeinsam auf dem Weg", hg. Von Klaus Wilkens, Frankfurt am Main, 1999, Seite 352f.

6) Report of the World Commission on the Social Dimension of Globalisation; englischer Gesamtbericht und deutsche Zusammenfassung: www.ilo.org/public/english/wcsdg/

7) Berichtsband "In deiner Gnade, Gott, verwandle die Welt; Seite 193.