\n eins: 12-007_02
Neue Größenordnung

Perspektiven der Biokraft in Brasilien

Karl-Heinz Stecher

Die Kontroverse um den Beitrag von Biokraftstoffen zum Klimaschutz ist voll entbrannt. Putins Drohung, der Ukraine den Gashahn abzudrehen, hat die energie- und klimapolitische Diskussion in Europa beflügelt, Bushs Besuch in Brasilien die Auseinandersetzung um die energiepolitische Weichenstellung auf dem amerikanischen Kontinent zugespitzt. Beide Ereignisse haben gezeigt, dass die Übergänge zwischen Energiesicherheit, Wettbewerb und Klimaschutz fließend sind und die Themen insgesamt eine erhebliche außenpolitische Relevanz haben. Auf Grund Brasiliens langjähriger Erfahrung bei Ethanol und seiner besonders günstigen landwirtschaftlichen Bedingungen wird eine zukünftige weltweite Expansion der Biokraftstoffproduktion in diesem Land wesentlich mitentschieden. Fällt die Klima- und Energiebilanz nicht ausreichend positiv aus, werden Regenwälder umfassend zerstört oder laufen Landnutzungs- und soziale Konflikte aus dem Ruder, wird sich das unmittelbar negativ auf die internationale Akzeptanz von Biokraftstoffen auswirken.

Angesichts des rasant voranschreitenden Klimawandels bleibt wenig Zeit zum Handeln. Die Treibhausgas-Emissionen der Industrieländer steigen weiter, und Schuld daran ist vor allem auch der Verkehr mit einer Zunahme von 24 Prozent seit 1990. Angesichts des wachsenden Individualverkehrs in China, Indien und anderen Schwellenländern ist selbst bei erheblichen Einsparungen durch effizientere Motoren kurzfristig nicht von einer Trendumkehr beim Kraftstoffverbrauch auszugehen. Eine wirksame Strategie zur Vermeidung von unnötigem Verkehr und Warentransport sowie zur Erhöhung der Effizienz ist dringend notwendig, sie muss aber durch den Einsatz von Biokraftstoffen ergänzt werden. Nur bei eindeutig positiver Treibhausgasbilanz lassen sich Bioethanol und Biodiesel als Beitrag zum Klimaschutz rechtfertigen. Klar ist, dass reine Pflanzenöle, Biodiesel und Bioethanol, die mit herkömmlicher Technologie gewonnen werden, fossile Kraftstoffe nicht umfassend ersetzen können. Wie weit dies Biokraftstoffen der so genannten zweiten Generation - den synthetischen BtL-Kraftstoffen (Biomass-to-Liquid) und Kraftstoffen aus Zellulose, die die ganze Pflanze und/oder deren Reste benutzen - gelingen wird, darauf werden wir erst in etwa zehn Jahren eine Antwort haben.

Marktdynamik und Biokraftstoffziele

Biokraftstoffe machen heute weltweit ein Prozent des gesamten Kraftstoffverbrauchs aus. Auf Bioethanol entfallen 90 Prozent der Biokraftstofferzeugung. Die USA und Brasilien produzieren zusammen mehr als zwei Drittel davon aus Mais bzw. Zuckerrohr. Bisher findet die Bioethanolproduktion hauptsächlich für die jeweiligen Inlandsmärkte statt, der internationale Handel macht nur einen geringen Anteil aus. Die Biodieselproduktion konzentriert sich vor allem auf die EU. Deutschland ist Marktführer und Weltmeister bei Biodieselerzeugung und -verbrauch.

Verwirklicht die EU ihr 5,75 Prozent-Ziel der Biokraftstoffbeimischung, so bedeutet das, im Jahr 2010 etwa 13 Mio. t Ethanol und 12 Mio. t Biodiesel einzusetzen. Um ein Prozent des US-Benzinverbrauchs durch Bioethanol zu ersetzen, werden 8 Mio. t Biosprit - etwa die Hälfte der heutigen brasilianischen Produktion - benötigt. Um den gesamten von Bush angekündigten 15-prozentigen Ersatz von Benzin bis 2017 ausschließlich mit Ethanol aus Brasilien zu bewältigen, wären dafür unter heutigen Bedingungen Zuckerrohrfelder auf einer Fläche von 20 Mio. ha notwendig.

Brasilianisches Zuckerrohr

Zuckerrohrplantagen prägen die brasilianische Wirtschaft und Gesellschaft seit der Eroberung Amerikas. Ein System von "Herrenhaus und Sklavenhütte" hat sich dem Land bis weit über das Ende des Kolonialismus hinaus eingeprägt. Dieses System wurde jedoch überwunden. Seit den 1980er Jahren ist es zu einer grundsätzlichen unternehmerischen und regionalen Umstrukturierung der Zuckerwirtschaft gekommen. Heute belegt die Zuckerrohrproduktion rund zehn Prozent der Ackerflächen. Das entspricht etwa einem Prozent der gesamten landwirtschaftlich nutzbaren Fläche. Zuckerrohr geerntet wurde zuletzt auf 5,4 Mio. ha - die eine Hälfte des Zuckerrohrs wird zu Ethanol und die andere zu Zucker verarbeitet. Die Zuckerrohrproduktion konzentriert sich hauptsächlich auf das Bundesland São Paulo. Dort liegt die Produktivität deutlich über der des Nordostens.

Brasilien produzierte 2006 17,4 Mio. t Bioethanol und lag damit weltweit knapp hinter den USA auf dem zweiten Platz. Die Beimischung zu Benzin beträgt gegenwärtig 23 Prozent. Darüber hinaus tankt eine wachsende Flotte von "Flex-Fuel"-Fahrzeugen "pures" Ethanol. Biosprit ist ab einem Ölpreis von 30 Dollar/Barrel konkurrenzfähig. Die Produktionskosten liegen bei 0,22 Dollar-Cent pro Liter und damit um die Hälfte niedriger als in der EU und in den USA. Zur gesamten brasilianischen Energiematrix trägt die Energieproduktion aus Zuckerrohr 13,5 Prozent bei, gegenüber fossilen Energieträgern mit einem Anteil von knapp 55 Prozent.

Der Teufel riecht nach Ethanol

Der Besuch von US-Präsident Bush hat in Lateinamerika die Debatte um Bioethanol erst richtig entfacht. Hugo Chávez hat in einer parallelen Lateinamerikareise Front gegen eine strategische Energiepartnerschaft zwischen Brasilien und den USA gemacht. Fidel Castro meldete sich vom Krankenbett mit zwei Leitartikeln zu Biokraftstoffen ins politische Geschehen zurück. Seine Botschaft: Biokraftstoffe gefährden die Welternährung und statt den Armen das Essen zu klauen, sollte das "Imperium" ihnen lieber Energiesparlampen schenken. Kuba macht dies auf den karibischen Inseln bereits sehr erfolgreich vor.

Es wird mit großen Geschützen geschossen. Eine mit Erdöl betriebene bolivianische Revolution wehrt sich dagegen, dass andere Länder auf Biokraftstoffe umsteigen. Venezuela fordert die Regionalmacht Brasilien heraus. Der "Kampf gegen das Imperium" wird zur ersten Bürgerpflicht erklärt und die Übernahme der brasilianischen Zuckerwirtschaft durch US-Multis an die Wand gemalt. Bisher hat das mit den realen Eigentumsverhältnissen auf den Zuckerrohrfeldern Brasiliens jedoch wenig zu tun. Ausländische Investoren sind heute in nur elf von 335 Produktionsanlagen für Bioethanol engagiert. Ausländisches Kapital kontrolliert gerade mal Anbauflächen im Umfang von 4,5 Prozent.

"Essen statt Tanken"?

In den USA landen gegenwärtig 20 Prozent der Maisproduktion im Tank, was zu erheblichen Preissteigerungen bei Mais führte. Dadurch wurde die Debatte "Essen statt Tanken" angeheizt. So einprägsam diese Formel ist, so falsch ist sie. Sie ist es in mehrfacher Hinsicht, obwohl sie ein reales Problem anspricht: das der Flächenkonkurrenz zwischen Nahrungsmittel- und Energiepflanzenproduktion.

Gerade das brasilianische Beispiel zeigt, dass wir genauer hinsehen müssen, wenn wir das zerstörerische Potenzial des Agrarbusiness und der Viehzucht in Zaum halten wollen. Letztlich geht es nicht um "Essen statt Tanken", sondern um gesundes Essen, sauberen Sprit und gute Luft. Die größte Gefahr der Zerstörung Amazoniens geht heute vom Sojaanbau und der Fleischwirtschaft aus. In Brasilien belegt die Fleischproduktion 100 Millionen und die Sojaproduktion 23 Millionen Hektar. Gerade der Sojaanbau, der durch das Tiermehlverfütterungsverbot in Europa und die steigende chinesische Nachfrage stark stimuliert wurde, frisst sich besonders aggressiv in die Regenwälder hinein. Zuckerrohr für Bioethanol wird dagegen auf nur 3 Millionen Hektar angebaut.

Hunger ist kein Problem mangelnder Nahrungsmittelproduktion

International und gerade auch in Brasilien sind wir mit der heutigen Produktivität ohne Gentechnologie in der Lage genügend Lebensmittel zu produzieren, damit alle satt werden. Trotzdem hungern weltweit 850 Mio. Menschen. Der Großteil von ihnen lebt auf dem Land.

Um dem wirksam zu begegnen, gilt es gerade die ländlichen Regionen zu stärken. Das heißt aber, dass Bauern für ihre Produkte Preise erzielen müssen, die ihnen das Überleben garantieren. Dadurch geraten sie in Konflikt zu den städtischen Konsumenten, die vor allem billige Lebensmittel wollen. Agrarsubventionen in Europa und USA schwächen die ländlichen Regionen in den Entwicklungsländern. Subventionen im Norden führen zu Überproduktion und Dumping und zerstören dadurch die Lebensgrundlage von Millionen von Kleinbauernfamilien in den Ländern des Südens. Dagegen hat sich eine breite Allianz von Entwicklungsländern und Nichtregierungsorganisationen (NRO) in den internationalen Handelsverhandlungen immer gewehrt. Der allgemeine Aufschrei, der angesichts der Preissteigerung für Mais durch die Anti-Biokraftstoffszene geht, ist deshalb nur schwer verständlich. Höhere Preise bieten bessere Produktionschancen für kleinbäuerliche Produzenten. Trotzdem ist dies noch kein ausreichender Grund, in großem Umfange Mais oder Getreide in den Tank zu kippen. Vor allem dann, wenn für die Biokraftstoffproduktion Energiepflanzen mit einer weit günstigeren Energiebilanz und keinen unmittelbaren Auswirkungen auf die Nahrungsmittelpreise wie Zuckerrohr und Jatropha zur Verfügung stehen.

Flächenkonkurrenz in Brasilien

Für Brasilien gibt es gegenwärtig keine verlässlichen Angaben darüber, ob und wie sich die Ausweitung der Zuckerohrproduktion auf die Verlagerung von Viehwirtschaft und Sojaanbau nach Amazonien auswirkt. Ein solcher Verdrängungsprozess ist stark davon abhängig, von welchen zukünftigen Produktionsmengen ausgegangen wird. Gegenwärtig kommt es vor allem in São Paulo zur Substitution von Anbauflächen. Für die Region Ribeirão Preto ist erkennbar, dass zwar auch Jahreskulturen wie Maniok, Bohnen und Reis durch Zuckerrohr ersetzt werden, Auswirkungen auf die Nahrungsmittelpreise sind wegen der stark gestiegenen Produktivität der Kulturen jedoch nicht nachweisbar.

Insgesamt sind die Anbauflächen für Bioethanol im Verhältnis zu anderen Kulturen bisher auch zu gering, um signifikante Verlagerungsprozesse in die Tropenwaldregionen auszulösen. Höchste Vorsicht ist jedoch geboten, wenn Vertreter der Zuckerwirtschaft 200 Mio. Hektar degradierter Weideflächen als mögliche Expansionsflächen in den Blick nehmen. Um welche Flächen es sich dabei handeln soll, ist unklar. Es darf nicht vergessen werden, dass es in Brasilien neben den Tropenwäldern auch noch andere verletzliche Ökosysteme gibt, insbesondere den Cerrado, die Savannen Zentral-Brasiliens und das Pantanal, das größte Binnenland-Feuchtgebiet der Erde, das sich im mittleren Südwesten befindet. Durch den geplanten Bau einer Ethanolpipeline vom Hafen São Sebastião über Minas Gerais und Goiás bis hin nach Cuiabá wird der Druck auf Cerrado und Pantanal zunehmen.

In Hinblick auf die weltweite Flächenkonkurrenz gilt es jedoch grundsätzlich zu beachten: Bei den heute genutzten Energiepflanzen bestehen enorme Unterschiede. Der Vergleich von Zuckerrohr und Mais zeigt: Ein Hektar Zuckerrohr ergibt in Brasilien 6.500 Liter Bioethanol und damit knapp den doppelten Ertrag eines US-Maisfeldes. Darüber hinaus wird durch die Nutzung der Bagasse bereits heute der gesamte Energiebedarf für die Ethanolgewinnung bestritten und zusätzlich noch Energie im Umfang der Produktion eines halben Atomkraftwerkes ins Netz eingespeist.

Biokraftstoffe und internationaler Handel

Statt den nordamerikanischen Markt mit unüberwindbaren Importzöllen abzuschotten und immer mehr Mais zu Kraftstoff zu verarbeiten, sollten die USA verstärkt Ethanol aus Zuckerrohr importieren, das aus Lateinamerika und anderen Entwicklungsländern stammt.

Obwohl es im März 2007 in kurzem Abstand zwei Präsidententreffen zwischen Lula und Bush gegeben hat, waren die Ergebnisse mager. Dies ist ein weiterer Beweis dafür, wie kompliziert und interessengeleitet internationale Handelsfragen sind. Eine stärkere Marktöffnung ist in den USA kurzfristig nicht zu erwarten. Bioethanolimporte werden auch weiterhin mit durchschnittlich 46 Prozent besteuert, und Bush war nicht bereit, zusätzliche Importquoten für brasilianischen Biosprit einzuräumen. Andererseits werden die USA das ambitionierte Ziel, bis 2017 15 Prozent des Kraftstoffverbrauchs durch Bioenergie zu ersetzen, kaum ohne umfangreiche Importe bewältigen können.

Biodiesel

Neben dem gut kapitalisierten Zucker- und Ethanolkomplex, den das brasilianische Agrarbusiness fest in der Hand hat, legte die Regierung Ende 2004 ein Biodieselprogramm auf. Dieses hat eine starke Komponente der Armutsbekämpfung und setzt in den Regionen des Nordostens und Nordens an. Nach etwas mehr als zwei Jahren hat sich das Programm gut etabliert. Brasilien produzierte im vergangenen Jahr knapp 500.000 Tonnen Biodiesel. Dies entsprach etwa einem Prozent des brasilianischen Gesamtverbrauches an Dieselkraftstoff. Bis Ende 2007 ist eine Beimischung von bis zu zwei Prozent möglich. Ab 2008 ist die Beimischung von zwei Prozent Pflicht. Präsident Lula kündigte Anfang des Jahres 2007 an, dass die zweite Phase des Programms, die eine Beimischungspflicht von fünf Prozent ab 2013 vorsieht, auf 2010 vorgezogen werden könnte.

Durch steuerliche Anreize werden Kleinproduzenten besonders gefördert. Ein Sozialsiegel weist die Herkunft der Biomasse aus kleinbäuerlicher Produktion aus und erlaubt die bevorzugte Ersteigerung von Lieferquoten an die staatliche Ölfirma Petrobras. Die große Herausforderung besteht heute in der Stärkung des Produktions- und Organisationspotenzials der bäuerlichen Landwirtschaft und der Agrarreformsiedlungen der Landlosen, um effektiv an der neu geschaffenen Wertschöpfungskette teilhaben zu können. Die brasilianische Regierung unterstützt diesen Prozess durch öffentliche Förderangebote mittels Finanzierung, Agrar-Versicherung und Fortbildungsprogrammen. Darüber hinaus werden lokale Dialogstrukturen zwischen allen an Produktion und Weiterverarbeitung beteiligten Akteuren als Multi-Stakeholder-Prozess unterstützt. Die Schaffung dieser lokalen Verhandlungsräume wird auch als politische Vorkehrung gesehen, um zu verhindern, dass die Biodieselproduktion in Zukunft allein auf die Agrarindustrie, und damit vor allem auf die Sojabetriebe übergeht.

Anders als beim Ethanol (bisher ausschließlich Zuckerrohr) gibt es eine große Vielfalt von Energiepflanzen: Soja im mittleren Westen und Süden, Rizinus vorwiegend im Nordosten, Ölpalmen im Norden, Raps im Süden, Sonnenblumen in mehreren Landesteilen einschließlich des Nordostens, darüber hinaus Jatropha, Ölrettich und andere.

Herausforderung Biokraftstoffmacht Brasilien

Brasilien möchte gerne zur internationalen Biokraftstoffmacht aufsteigen. Im nächsten Jahr wird das Land Gastgeber eines Forums Biokraftstoffe der Vereinten Nationen sein. Ziel ist es, Ethanol als internationale Handelsware - vergleichbar mit dem Erdölmarkt - zu etablieren. Brasilien sieht sich als internationaler Marktführer und möchte sein technologisches Wissen im Rest Lateinamerikas und in afrikanischen Ländern einsetzen. Damit Bewegung in den internationalen Bioenergiemarkt kommt, muss Brasilien jedoch zuvor einige Hausaufgaben machen.

Diese liegen im sozialen und ökologischen Bereich und sind miteinander verbunden. Das großflächige Abbrennen der Zuckerrohrfelder erleichtert die manuelle Ernte, ist aber höchst umweltschädlich.

Der Gouverneur von São Paulo, José Serra, bezeichnete das Abbrennen als "ökologischen Wahnsinn und ein Attentat auf die Gesundheit der Menschen". Dies ist ein klares Zeichen dafür, dass zentrale politische Akteure eine Veränderung der gegenwärtigen Produktionsbedingungen als Voraussetzung für die Ausweitung des Ethanolgeschäfts sehen. Produktivitätssteigerungen auf der Grundlage von transgenetisch veränderten Pflanzen und intensiviertem Einsatz von Pestiziden gilt es gleichzeitig entschieden entgegenzutreten.

Arbeitsbedingungen verbessern

Auch den sozialen Herausforderungen gilt es zu begegnen. Die Arbeitsbelastung auf den Zuckerrohrfeldern hat in den vergangen Jahren stark zugenommen. In den 80er Jahren wurden in São Paulo per Hand im Schnitt 5 t Zuckerrohr pro Tag und Arbeiter geerntet. Heute sind es 8-12 t. In den vergangenen Monaten ist es immer wieder zu Todesfällen auf den Zuckerrohrfeldern gekommen, die voraussichtlich auf Überanstrengung, schlechte Arbeitsbedingungen und gesundheitliche Schäden auf Grund des Abbrennens zurückzuführen sind. Gegenwärtig sind die staatlichen Behörden sehr aktiv, um gegen diese Überausbeutung der menschlichen Arbeitskraft vorzugehen. Sie wissen, dass die internationale Akzeptanz von brasilianischem Bioethanol stark von einer Verbesserung der sozialen Bedingungen abhängt.

Zertifizierung von Biokraftstoffen

Biokraftstoffe sind in Brasilien eine Realität, die sich nicht einfach ignorieren lässt. Wenn wir die Spielregeln für eine nachhaltige Biokraftstoffproduktion gestalten wollen, dann muss dies jetzt geschehen.

Soziale und ökologische Leitplanken in die Biokraftstoffproduktion einzuziehen, ist eine politische Chance. Dies kann durch eine Kombination von Ausschlusskriterien - keine Biokraftstoffe aus gentechnisch veränderten Pflanzen oder aus Energiepflanzen, die auf extra dafür gerodeten Tropenwaldflächen angebaut werden - und kontrollierbaren sozialen und ökologischen Standards geschehen. Um die Regeln für eine nachhaltige Biokraftstoffproduktion zu beeinflussen, sind die Akteure in Regierung und Verbänden, eine lebendige Zivilgesellschaft und aktive soziale Bewegungen von entscheidender Bedeutung. Kriterien gilt es in einer transparenten und partizipativen Weise zu erarbeitet, um zu einem tragfähigen und mit hoher Legitimität ausgestattetem Zertifizierungssystem zu kommen.

In Brasilien ist aber auch erkennbar, dass ein Zertifizierungssystem alleine die komplexe Struktur der Landwirtschaft wohl kaum steuern kann. Dafür sind klare Landnutzungsregelungen und -beschränkungen notwendig. Zertifizierungssysteme bedürfen einer entsprechenden Gesetzgebung im Umweltbereich, um ihre effektive Kontrolle und Durchsetzung zu erlauben. Deshalb muss die Zertifizierung von nachhaltig produziertem Ethanol und Biodiesel auch von einer Stärkung entsprechender Institutionen begleitet werden.

Volkswirtschaftliche Risiken

Jede Monokultur ist schlecht. Kleinbäuerliche Produktion und organische Landwirtschaft sind dem klar vorzuziehen. Wir sehen allerdings auch in Europa, wie langsam und beschwerlich Transformationsprozesse voranschreiten. Wir können nicht davon ausgehen, dass die Zuckerwirtschaft, die in Brasilien seit Jahrhunderten in Plantagen betrieben wird, kurzfristig abgeschafft werden wird. Zuckerexporte tragen heute zu einem wesentlichen Teil zu den Deviseneinnahmen bei, auf die Brasilien volkswirtschaftlich nicht einfach wird verzichten können. 2006 stammten knapp 8 Mrd. US-Dollar aus dem Zucker- und Ethanolexport.

Daraus entsteht jedoch auch eine volkswirtschaftliche Gefahr, sollte es der enorm gut organisierten Lobby gelingen, die internationalen Handelsverhandlungen zur Geisel der Zucker- und Ethanolwirtschaft zu machen.

 

Karl-Heinz Stecher ist wissenschaftlicher Mitarbeiter des Bundestagsabgeordneten und Vorsitzenden des AWZ, Thilo Hoppe (B90/Die Grünen).