\n eins: 11-12_006_02
Mestizaje in Lateinamerika: Kein Vorbild für heute

Invasion expansiver europäischer Imperien zerstörte indigene Zivilisationen des Kontinents

Horacio Castellanos Moya

Die ethnische Frage steht wieder auf der Tagesordnung der politischen und intellektuellen Debatten in Lateinamerika seit der indigene Führer Evo Morales zum Präsident Boliviens gewählt worden ist, unter anderem deshalb, weil er historische Ansprüche der indigenen Mehrheit, die das Land prägt, durchsetzen will.

Indigene Aufstände, die das Herrschaftssystem in Frage stellen, sind kein neues Phänomen in Lateinamerika. Es ist gerade zwölf Jahr her, dass die zapatistische Befreiungsarmee EZLN ("Ejército Zapatista de Liberación Nacional") die internationale öffentliche Meinung bewegte, als sie die Situation der extremen Marginalisierung anklagte, unter der die indigenen Gemeinschaften im Südosten Mexikos, vor allem im Bundesstaat Chiapas, leiden.

Bemerkenswert ist allerdings der Unterschied zwischen den Vorgängen in Mexiko und Bolivien: Während in Mexiko eine Minderheitsbewegung aus der Illegalität heraus und mit Hilfe von Waffen die Ordnung umstürzen wollte, gelang es in Bolivien einer Kraft dank der Unterstützung der Mehrheit der Bevölkerung, bei demokratischen Wahlen die Staatsmacht zu erringen.
Ausgedrückt in ethnischen Begriffen, ist Mexiko ein Land mit einer Mehrheit von Mestizen, in Bolivien allerdings stellen die Ureinwohner die Mehrheit. Paradoxerweise war der erste indigene Präsident Lateinamerikas ein Mexikaner, nämlich der aus Oaxaca stammende Benito Juarez, der die französischen Truppen des Habsburgers Maximilian besiegte, der Mitte des 19. Jahrhunderts mit seinen Truppen in Mexiko eingefallen war.
Einfache Gleichungen sind also nicht immer zutreffend, um das Verhältnis zwischen Ethnie und Macht auf diesem Kontinent zu erklären.

Mestizaje
Nach Angaben der offiziellen Volkszählungen gehört die Mehrheit der Bevölkerung in den Ländern Lateinamerikas - abgesehen von Bolivien und Guatemala - zu den Mestizen, was zurückzuführen ist auf eine erzwungene Rassenmischung, die im Laufe der Jahrhunderte aus weißen, europäischen Konquistadoren und Kolonisatoren, der großen Mehrheit der indigenen Bevölkerung und - zu einem kleinerem Anteil - aus schwarzen, aus Afrika stammenden Sklaven entstand.
Diese Mischung gab seit dem Ende des 19. Jahrhunderts Anlass zu Debatten unter den bedeutendsten Vertretern der lateinamerikanischen Intellektuellen. Die aus dem Zerfall des spanischen und portugiesischen Imperiums entstandenen neuen Nationen mussten ihre geschichtliche Rolle erkennen, ihre Identität definieren und ihre kulturellen Werte herausstellen. Im Kern dieses Prozesses stand die Mestizaje (Vermischung, Mestizisierung).
"Mestizen-Amerika", "Bronzerasse" und "Schmelztiegel der Rassen" lauteten die hochtönenden Bezeichnungen, die benutzt wurden, um die Mestizaje als Faktor lateinamerikanischer Identität abzugrenzen gegenüber weißen Europäern und Nordamerikanern. Vom Uruguayer José Enrique Rodó (1872 - 1917) über Pedro Henríquez Urena aus der Dominikanischen Republik (1884 - 1946) bis hin zum Mexikaner José Vasconcelos (1882 - 1959) hielten die lateinamerikanischen Intellektuellen die Fahne der Mestizaje als Grundlage ihrer Identität und kulturellen Tugenden der neuen Nationen hoch. Die Idee war einfach und verführerisch: Aus der Mischung des Besten des europäischen Kulturerbes mit den majestätischen indigenen Zivilisationen konnte nur eine neue Rasse entstehen, der eine glückliche Zukunft vorherbestimmt war.
Vielleicht trug José Vasconselos als Bildungsminister der triumphalen mexikanischen Revolution am meisten zur Verbreitung der Idee der Mestizaje als Eckpfeiler bei, auf den sich die lateinamerikanische Kultur stützen konnte, nicht nur, weil er diese Vorstellung gleichzeitig aufbrachte mit dem Erdbeben der mexikanischen Revolution, sondern auch, weil ihm zu ihrer Verbreitung eine nationale und internationale Plattform sowie ein offizielles Haushaltsbudget zur Verfügung standen.
Die Vorstellung, dass "Mestizaje" mit politischen und sozialen Ideen einer Avantgarde verknüpft ist wurde vier Jahrzehnte später wieder aufgegriffen, nämlich während Fidel Castros Revolution in Kuba, als eine Gruppe von Intellektuellen nach lateinamerikanischen Elementen der marxistischen Ideologie suchten, die als Basis für einen politischen, wirtschaftlichen und sozialen Wandel dienen sollte. Roberto Fernández Retamar, einer der Ideologen dieser Revolution, veröffentlichte einen Essay mit dem Titel "Calibán", in dem er die Ideen wieder aufnahm, die ein halbes Jahrhundert vorher der Uruguayer José Enrique Rodó in seinem Buch "Ariel" dargestellt hatte. Basierend auf den Protagonisten von Shakespeares "Der Sturm"1 , ging es bei der Debatte jetzt nicht um die Tugenden der Mestizen-Identität, sondern um deren politische Dimension, ihre historische Rolle und ihre Rolle als Klasse: Wenn bei Rodó die neue Mestizenrasse dem Ariel ähnelte, der ins Ohr von Prospero sprach, dann repräsentierte sie für Fernández Retamar vielmehr den Sklaven Calibán, der sich von seinem weißen Unterdrücker befreien muss.
Ein radikaler Wandel im Verständnis der Mestizaje erfolgte durch die kritischen Arbeiten des mexikanischen Schriftstellers und Nobelpreisträgers Octavio Paz (1914 - 1998), der seit seinem ersten bedeutenden Essay "Das Labyrinth der Einsamkeit" die sozialen und kulturellen Mängel des mestizischen Mexiko und damit der Mehrheit der lateinamerikanischen Länder offenbarte. Die Mischung von Spaniern und Indigenen sei nicht das erträumte Allheilmittel, sondern in Wirklichkeit ein vergifteter Cocktail, sagte Paz: Die Hierarchie und Intoleranz der spanischen Reconquista habe sich vermischt mit dem theokratischen Despotismus der aztekischen Zivilisation. Aus solchen Bestandteilen könne keine ideale Rasse entstanden sein.

Unterjochung und Gewalt
Die Mestizaje ist eine Tatsache in Lateinamerika, auch wenn sie in einzelnen Ländern unterschiedlich stark ausgeprägt ist. Viele Ethnologen argumentieren allerdings, dass es keine Vermischung der Rassen und Kulturen gegeben habe, sondern eine Vergewaltigung und Unterjochung, dass die indigene Kosmovision von der Katholischen Kirche und der spanischen Sprache niedergewalzt worden sei. Als besten Beweis für diese Unterdrückung führen sie die Tatsache an, dass die Eliten, die die wirtschaftliche und politische Macht dieser Nationen kontrollieren, fasst immer Weiße europäischen Ursprungs sind. Die Feierlichkeiten rund um die "500 Jahre der Entdeckung Amerikas" im Jahr 1992 lösten eine anhaltende Debatte über das Thema aus.
Ganz sicher ist, dass die Mestizaje in ihrem Ursprung, als Produkt einer blutigen Eroberung und einer grausamen Kolonialisierung nicht zwischen Gleichen stattfand, sondern zwischen Siegern und Besiegten, noch weniger ging sie später mit einer Demokratisierung der gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Strukturen einher. Auch ist sicher, dass in den Ländern, die weniger heterogen sind, in denen die Indigenen die Mehrheit der Bevölkerung stellen, diese die große Masse der Armen bilden und völlig von der Macht ausgeschlossen sind. Guatemala ist ein Beispiel dafür: Obwohl mehr als 60 Prozent der Bevölkerung von den Maya abstammt, gab es nie in der Geschichte eine indigene Präsidentschaft. Heute wird das Land von zwei Weißen europäischer Herkunft regiert: von einem Präsidenten namens Berger, der von Belgiern abstammt, und einem Vizepräsidenten namens Stein, Nachkomme deutscher Juden. Bolivien war das andere Beispiel für diese Machtverteilung, aber mit der Präsidentschaft von Evo Morales hat sich ein Wandel vollzogen.
Abgesehen davon, dass die Mestizaje in ihrem historischen Ursprung auf Unterdrückung und Vergewaltigung beruht und dass noch immer eine gewisse Hierarchie der Rassen im politischen und ökonomischen Bereich besteht, stellt sie den wichtigsten Faktor der kulturellen Identität Lateinamerikas dar, eine Mestizaje, die sich in einem irreversiblen und integrierenden Prozess äußert, der sich zeigt in den europäischen Sprachen (hauptsächlich Spanisch und Portugiesisch), deren gemeinsame Basis die christliche Religion ist, die aber gleichzeitig viele Formen von Kultur umfasst, die aus indigenen und afroamerikanischen Gesellschaften stammen. Mestizaje muss verstanden werden als kontinuierlicher, integrierender Prozess, der jetzt eine neue Phase erreicht hat, betrachtet man die riesigen Bevölkerungsanteile, die in die Vereinigten Staaten migrieren, was einen tiefgehenden Einfluss hat auf Länder wie El Salvador oder Kuba, deren Bevölkerung zu 25 oder 30 Prozent in den Staaten lebt.
Die lateinamerikanische Mestizaje ist also ein Modell, geschmiedet aus dem Schlachtenlärm historischer Wechselfälle, sehr weit entfernt von dem, was heute als "multikulturelle Integrationspolitik" bekannt ist, viel eher ein Produkt des furchtbaren Zusammenpralls zwischen expansiven Interessen der europäischen Imperien und den komplexen indigenen Zivilisationen dieses Kontinents, ein Zusammenprall, der in Wirklichkeit eine gewalttätige Unterwerfung der indigenen, präkolumbianische Bevölkerung darstellte. Ein Modell also, dass unwiederholbar und unbrauchbar ist für unsere Zeit.

Übersetzung aus dem Spanischen: Charlotte Schmitz und Karl Otterbein.

Anmerkung
1) Calibán ist gegen Ende des Shakespeare´schen Stückes der Sklave des weisen Zauberers Prospero. Prospero kann als Inbegriff von Kultur gedeutet werden, der seine Triebe kontrolliert. Calibán dagegen stellt einen Gegensatz zur Kultur dar: Er  (dessen Name ein Anagramm von "canibal" ist) verkörpert die Natur als ungebildete, triebgesteuerte Energie. Calibán verändert jedoch seine Charakterzüge während des Stückes und sieht so schließlich mit einer antrainierbaren Dienstwilligkeit ein, dass Prospero als Gebieter der Vorzug vor dem Alkoholiker Stephano zu geben sei. Insbesondere der kubanische Theoretiker und Schriftsteller Roberto Fernández Retamar machte schließlich in den 60er Jahren in engagierten, kritischen Artikeln Calibán zu einem Symbol der durch Kolonialismus und kulturellen Neokolonialismus unterdrückten Völker der Dritten Welt (Anm. d. Übers.).


Horacio Castellanos Moya, geboren 1957, ist Schriftsteller und Journalist aus El Salvador. Drei seiner sieben Romane wurden auf Deutsch beim Rotpunktverlag veröffentlicht: "Die Spiegelbeichte", "Der Waffengänger" und "Aragóns Abgang". Zur Zeit lebt er in Frankfurt/M. im Rahmen des Programms
"Städte der Zuflucht".




eins Entwicklungspolitik 11-12-2006