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Über die weltweite Kreolisierung

Acht Assoziationen zum Wandel kultureller Identitäten

Ulrich Mercker

Über Pfingsten, dem Datum, dem wir zumindest nach biblischer Überlieferung die babylonische Sprachenvielfalt auf der Welt zu verdanken haben, werde ich Teil einer multikulturellen und -nationalen Familienzusammenkunft in Italien sein und mich dabei u. a. von den Kulturdenkmälern der italienischen Renaissance-Baumeister und -Maler beeindrucken lassen. Versammelt sein werden dort mein in Kuba geborener, in Puerto Rico lebender Schwager, dessen in Miami lebende Tochter mit ihren beiden Kindern, sein ebenfalls in den USA lebender Sohn, seine mit französischem Pass in Deutschland lebende Schwester und ich mit einem unserer in Mexiko geborenen Söhne. Ein Generationen übergreifendes Familientreffen unter toskanischem Himmel, zu dem möglicherweise auch noch ein befreundeter, in der Nähe von Rom lebender norwegischer Filmemacher stoßen wird, der vor einem knappen Jahrzehnt den philosophie-geschichtlichen Essay "Sophies Welt" in filmische Bilder übersetzt hat.

1. Raum, Zeit, kulturelle und nationale Identität - alles Begriffe, die im Zeichen der Globalisierung zu verschwimmen drohen, entwickeln in Krisenzeiten eine ungeahnte Kraft und Beharrlichkeit. Explosionsartig wird dies deutlich an Ereignissen wie dem brandgefährlichen Streit über die Mohammed-Karikaturen, dessen Folgen noch in diesen Tagen spürbar sind: Der Selbstmord eines in einem Berliner Gefängnis einsitzenden pakistanischen Staatsbürgers löste gewaltige Massendemonstrationen in seinem Heimatland aus. So zeitverzögert die Proteste in der islamischen Welt nach dem ersten Erscheinen der Karikaturen in einer dänischen Tageszeitung auch waren, so blitzartig entlud sich aufgestauter Zorn nach dem Bekannt werden der Nachricht über den Tod jenes Häftlings, der wegen einer gewaltsamen Attacke auf das Redaktionsbüro der "Welt" am 20. März festgenommen worden war.

2. Kaum ein Tag, an dem nicht mindestens ein Politiker oder Medienkommentator mit wichtiger Miene und vorgeschobenem Kinn das Modewort "Globalisierung" verwendet. In den meisten Fällen schwingt dabei ein drohender Unterton mit, sei es, um klarzumachen, dass die internationale Konkurrenz nicht schläft, "wir uns also fit machen müssen", oder um Spar- und Strukturanpassungsmaßnahmen zu rechtfertigen, die wegen der gleichsam schicksalhaften Globalisierung unvermeidlich scheinen. Dabei steckt in dem inflationär gebrauchten Begriff nicht viel mehr Substanz als in jenem berühmt gewordenen Sinnspruch des früheren Fußball-Bundestrainers Sepp Herberger: "Der Ball ist rund!" Sobald die Luft raus ist, verkümmert der Ball zum unansehnlichen Lappen. Im Unterschied zum damaligen eng mit der nationalen Scholle verbundenen Trainer gibt sich der heutige Chefstratege der deutschen Kicker jedoch ganz zeitgeistgemäß. Für ihn stellt es kein Problem dar, in den USA zu leben und zu wichtigen Trainingseinheiten und Spielen auf deutschen Rasen zu jetten. Die Trennung von Lebens- und Arbeitsmittelpunkt ist hier geradezu vorbildhaft vollzogen.

3. Die Welt des Profi-Fußballs kann in der Tat als globalisiert, ihre Akteure als veritable "global players" bezeichnet werden. Wenn während der WM 2006 die "Welt zu Gast bei Freunden" weilt, wird ein weiteres Mal evident werden, wie fragwürdig der Begriff der "Nationalmannschaft" inzwischen geworden ist. Ein Großteil der Teams, die hier antreten, ist zusammengewürfelt aus Spielern, die bei allen möglichen europäischen Spitzenclubs unter Vertrag stehen, stammen sie aus Afrika, aus Lateinamerika oder aus Asien. Auch im Fußballgeschäft ist also ein Prozess längst zur Wirklichkeit geworden, der die Auflösung kultureller Identitäten zur Voraussetzung hat. In Frankreich war dieser Prozess am weitesten fortgeschritten und schien bis vor kurzem geglückt. Der französische Kader setzte sich zu mehr als 50 Prozent aus Spielern zusammen, die aus den ehemaligen oder noch bestehenden Kolonien stammten. Der unvergleichliche Zinedine Zidane - aus Algerien stammend - galt als Inbegriff einer gelungenen Integration. Nachdem auch er den Verlockungen einer Übernahme durch einen ausländischen Spitzenclub nicht widerstehen mochte, geriet sein Nimbus allerdings ins Wanken.

Vollends erschüttert wurde die vermeintliche französische Erfolgsgeschichte im Herbst 2005, als Jugendliche mit Migrationshintergrund in den französischen Vorstädten den Aufstand probten. An den Reaktionen der politischen Klasse in Frankreich wurde deutlich, wie fragil die Brücke zwischen der Mehrheitsgesellschaft und einer in die Wohnmaschinen der Banlieues abgedrängten starken Minderheit war, die "jenseits der Stadtautobahn" (nach dem gleichnamigen Dokumentarfilm von Vater und Sohn Tavernier) kaum Aussicht auf einen beruflichen oder sozialen Aufstieg haben.

4. Globalisierung, verstanden als "Grenzüberschreitung und Vernetzung von Warenströmen, Kapital, Produktionsweisen, Ideen, Wissen, Kulturen" (D. Messner) und ihren leibhaftigen Trägern, den Menschen, ist nicht neu. Sie ist mindestens so alt wie die koloniale Weltordnung, die allerdings im Laufe der letzten Jahrzehnte durch den Einsatz neuer Technologien einem beschleunigten Wandel unterliegt.

Der Globalisierungsprozess ist zugleich aber auch ein Okzidentalisierungsprozess. Die Welt wird nach abendländischem Gutdünken und auf der Grundlage ökonomischer, technologischer und militärischer Vor-Macht stets neu geordnet und in Wert gesetzt. Die seit dem 11.9.2001 häufig im Munde geführte "westliche Wertegemeinschaft" entpuppt sich bei näherem Hinsehen als wild entschlossene Verwertungsgemeinschaft, die mit allen Mitteln den für die Wohlstandswahrung notwendigen Ressourcenfluss aufrechterhalten will. Dass dabei auch interne Konkurrenzen entstehen, gehört nun einmal dazu, wenn man als global player im Großen Spiel bestehen will.

"Ja, sind wir denn alle verrückt geworden?", fragte sich die Witwe und Nachfolgerin des verstorbenen Suhrkamp-Verlegers Siegfried Unseld, Ulla Unseld-Berkéwicz, unlängst in ihrem gleichnamigen Essayband. Darin beklagt sie ein zunehmend aus den Fugen geraten(d)es Wertegefüge und kritisiert krasse Ungereimtheiten in der Sozial-, Außen- und Kulturpolitik, freilich ohne deswegen gleich Wege aus der Krise angeben zu wollen oder zu können. Solche Wege können nur auf kollektiven Erfahrungen aufbauend in einem gesellschaftlichen Lernprozess beschritten, an Kreuzungen oder sogar in Sackgassen geraten, ein Stück zurück und mit neuer Orientierung wieder in die richtige Richtung gegangen werden.

5. Und genau an dieser fehlt es in unseren westlichen Gesellschaften, denn die Okzidentalisierung des Orients (hier als pars pro toto für die gesamte nichtwestliche Welt, also auch den Süden, gebraucht) führt beinahe zwangsläufig zur Desorientierung des Okzidents.

Mit Erstaunen - gelegentlich auch mit Schrecken - stellen wir fest, dass sich urbanes Leben in der Welt immer mehr dem unseren angleicht, die gleichen Autos gefahren werden, die gleichen WCs, PCs und TV-Apparate benutzt werden, ähnliche Einkaufszentren, Wohnmaschinen und Messehallen gebaut werden, und viele Menschen in Kapstadt, Kalkutta oder Cancún mit dem gleichen erwartungsvollen Blick auf das Display ihres Mobiltelefons starren wie in Berlin, London oder Paris.

Also alles in bester Butter? Wächst da global zusammen, was zusammengehört? Mit Wolfgang Sachs, einem der Vordenker des renommierten Wuppertal-Instituts, könnte man sagen: "Genau, da wächst eine transnationale Konsumentenklasse zusammen, im Norden wie im Süden, im Westen wie im Osten, die die klassische Aufteilung der Welt in den reichen Norden und den ausgebeuteten Süden obsolet macht. Sie ist es, die das Tempo der Globalisierung vorantreibt, die den größten Anteil am weltweiten Schadstoffausstoß hat, die ansagt, was Mode und was modern ist, die flexibel von Kontinent zu Kontinent düst und Qualitätsstandards prüft und setzt."

Ihre Rolle und Funktion kann sie allerdings nur solange wahrnehmen, wie die nationalen Produzentenklassen widerspruchslos mitspielen. Da diese einem fortschreitenden Fragmentierungsprozess unterliegen, in dem Maße, in dem Produktionsprozesse in ihre Einzelteile zerlegt werden können, ist es um die Widerstandskraft der Produzentenklassen schlecht bestellt. Dank enorm gestiegener Mobilität und Übertragbarkeit von Produktionsstandards wird die Teilefertigung je nach Opportunität auf verschiedene Länder verteilt, in denen im allgemeinen gänzlich andere Produktionsverhältnisse vorherrschen.

6. In den Massenmedien wird überwiegend ein eindimensionales Bild des Elends und der kulturellen "Rückständigkeit" der Länder des Südens gezeichnet. Ob es die gigantischen Flüchtlingslager im Sudan oder im benachbarten Tschad sind, die traumatisierten afrikanischen Bootsflüchtlinge vor Italiens und Spaniens Küsten, die Erdbebenopfer Pakistans oder die fanatisierten Gefolgsleute des iranischen Präsidenten Ahmadinedschad -, die im allgemeinen mit wenig Hintergrundinformation angereicherte Fernsehberichterstattung erzeugt eine Wahrnehmungsstruktur, wonach die Inseln des zivilisierten Wohlstands und der abendländischen Kultur von einem erdrückenden Meer der Armut und gewalttätiger Barbarei umgeben sind.

Die totalisierenden Marktmechanismen machen natürlich auch vor den Medien nicht halt. Diese sind gezwungen, Informationen und Bilder wie Waren zu behandeln, sie zu vermarkten. Was bleibt, ist eine höchst ungesunde Gefühlsmischung des Medienkonsumenten aus Mitleid und Bedrohung, die durch die Bilder aus ständig neu entflammenden Kriegsherden mit jedem Tag explosiver wird.

Es bedarf also gezielter Anstrengungen, der medial verstärkten objektiven Verelendung der Länder des Südens ein differenzierteres Bild von der Andersartigkeit und Vielfalt der Kulturen, Religionen, Produktions- und Konsumweisen dieser scheinbar immer weniger fremden Gesellschaften entgegenzusetzen. Warum ich "scheinbar" sage? Weil die in der Menschheitsgeschichte ungekannte Fülle von Informationsmedien, Möglichkeiten der "Front"-Berichterstattung bzw. ihrer globalen simultanen Vernetzung sowie die lichtgeschwinden Ortswechsel den Zuschauern, d.h. den Objekten dieser Medien suggerieren, sie wüssten bereits, warum wo welche wie beschaffenen Konflikte, Katastrophen und Kriege existieren und wie diese am geeignetesten gelöst werden können.

So entstehen kühne Lösungsszenarien für allerlei Krisenregionen in Studios und an Stammtischen oder gar in Wohnzimmern vor der Mattscheibe, werden Eindrücke und Betroffenheiten ausgetauscht, schnelle Urteile über Helden und Bösewichter gefällt, Beurteilungen von Akteuren ohne wirkliche Kenntnis der Umstände getroffen, Vorurteile befestigt oder gesät. Die virtuelle Ubiquität heutigen menschlichen Daseins, d.h. die elektronisch genährte Illusion, man könne als Individuum jederzeit und überall dem Weltgeschehen als Zeuge beiwohnen oder es gar beeinflussen, bringt zunehmende Ortlosigkeit mit sich.

Das Verhältnis zum eigenen Ort, zum Wohn-, Arbeits- und Lebensort, wird tendenziell unwichtiger, die Verbundenheit mit den je besonderen Lebensbedingungen an einem besonderen Ort gerät in den Hintergrund, und die Beziehungen zu den am Ort Lebenden werden unverbindlicher und oberflächlicher. Die Austauschbarkeit der Orte führt auch zu jener der Nachbarn, die Beliebigkeit der Standorte leider häufig auch zu Standpunktlosigkeit.

7. Statt einer westlichen Wertegemeinschaft brauchen wir eine Gleichwertigkeitsgemeinschaft, die Differenzen anerkennt und nicht nur auf deren Verwertung ausgerichtet ist.

Die Beziehung zum Ort, zur Nachbarschaft, zu den je konkreten Lebensverhältnissen dort sind das materielle Substrat jeglicher Identitätsbildung, wie vielfach überlagert und differenziert diese auch sein mag. Verliert die Beziehung an Intensität und Spannkraft, müssen die Individuen ihre Identität aus anderen, abstrakteren und weiter entfernt liegenden Substraten komponieren. Auf diese Weise findet ein eigentümlicher Prozess der Verallgemeinerung und zugleich Verflachung individueller Identitäten statt.

Und doch ist dieser Prozess kein gradliniger, dem sich alle regionalen Kulturmanifestationen willen- und wehrlos unterordnen. Die Überlagerung ist eine strukturelle. Unterhalb dieser Ebene spielen sich Brechungen vielfältigster Art ab, in denen das je eigene Kulturerbe seinen Platz in der homogenisierenden Weltkultur zu behaupten versucht. Es kommt zu höchst interessanten und kreativen Mischformen regionaler und globaler Kulturanteile. Wer die Interpretation einer symphonischen Dichtung von Smetana durch eine 120-köpfige Steelband aus Trinidad gehört und gesehen hat, weiß, wovon hier die Rede ist. Wer ein solch faszinierendes Spektakel noch nicht erleben konnte, halte sich vor Augen, dass brasilianische Straßenkinder mit einem selbst inszenierten Theaterstück durch die Welt tingeln, in dem sie den Shakespeare'schen Hamlet in ihre eigene Lebenswelt versetzen.

Beispiele dieser Art umkehrender Instrumentalisierung "abendländischen Kulturguts", besonders auf den Gebieten Theater und Musik, gibt es zahllose.

8. Ich möchte sie unter dem Begriff der "Kreolisierung" zusammenfassen. Die kreolischen Sprachen der Karibik, Afrikas und - im übertragenen Sinne - sicher auch im asiatischen Raum sind historischer Ausdruck dieses Brechungs- und gleichzeitig Schöpfungsprozesses. Sie haben ihren Ursprung in der kolonialen Durchsetzung einer Herrschaftssprache in einem fremden Sprach- und Kulturraum und dem Widerstand dagegen bzw. dem Sich-Entziehen in eigene Kommunikationsräume.

Kreolisierung soll in diesem Sinne gewissermaßen als subversives Lösungsmittel gegen die vorherrschende Globalisierung verstanden werden. Und sie soll als Aufforderung zum konstruktiven, offensiven Umgang mit einem durch materielle Gegebenheiten - eben durch den unauslöschlichen Stand der Entwicklung menschlicher und nicht-menschlicher Produktivkräfte - determinierten Prozess der Globalisierung von Lebens-, Arbeits- und damit auch Kulturformen aufgefasst werden. Keine Kulturgemeinschaft kann sich mehr vor aktiv und passiv wirkenden externen Einflüssen abschotten. Keine noch so hohen Mauern und Zäune - weder in Melilla noch in Palästina noch am Rio Bravo -, keine noch so engstirnige Fundamentalismen jeglicher Provenienz werden den erreichten Mobilitätsstand der Menschen zurückdrehen können oder den Prozess sowohl der kulturellen als auch ethnischen gegenseitigen Durchdringung aufhalten können. Noch werden Verkehrsregeln aufgestellt, wird der Zufluss geregelt und gefiltert, werden archaisch anmutende "ethnische Säuberungen" mit militärischer Gewalt durchgesetzt, überhaupt der Ethnisierung von Konflikten das Wort geredet, die Zukunft aber gehört sicher den Mischformen menschlicher Existenzen, ohne dass dies zu einer identitätslosen amorphen Global-Kultur führen muss.
Es ist zu hoffen, dass die reichhaltige kreolische Küche in allen ihren Variationen den Sieg davontragen wird über die standardisierten Fleischklöpse, die mittlerweile in aller Welt unter verschiedenen Namen, eben auch als "Burger Kings" firmieren.


Ulrich Mercker lebt als freier Autor in Bonn, bis 2005 war er Bonner Eine-Welt-Promotor.



eins Entwicklungspolitik 11-12-2006