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Kein eigenständiger Kontinent

Afrika in den Geschäftsberichten deutscher Konzerne

Von Roland Bunzenthal

Bundeskanzlerin Angela Merkel empfing am 21. Mai 16 Chefs der größten deutschen Unternehmen, angeführt von Jürgen Schrempp, Vorsitzender der Südlichen Afrika Initiative der deutschen Wirtschaft (SAFRI), zu einem Gespräch über die Investitionsaussichten der deutschen Industrie in Afrika. Bisher gehört Afrika mit einem Bruttoinlandsprodukt von knapp 800 Milliarden Dollar und 850 Millionen Einwohnern kaum zum Globus dieser Global Player. Die Marginalisierung Afrikas wird nirgendwo so deutlich wie in den Geschäftsberichten der Multis, stellt Roland Bunzenthal fest. Redaktion

Der Siemens-Konzern ist der größte private Arbeitgeber in Deutschland. Doch viele seiner Beschäftigten verdanken ihren Job den Geschäften im Ausland. So entfällt auf den deutschen Markt nur knapp ein Fünftel des Konzernumsatzes, bei den Beschäftigten liegt der Anteil dagegen bei gut einem Drittel und von den Fachkräften der Forschung und Entwicklung (F+E) arbeiten sogar 43 Prozent im Inland. Das Münchner Unternehmen ist in insgesamt 190 Ländern aktiv und damit in mehr Staaten als die Weltbank. Schaut man sich jedoch die regionalen Anteile an, fällt auf, dass die zusammengefasste Region Afrika, Naher Osten, GUS zwar neun Prozent zum Umsatz beiträgt, aber nur drei Prozent der Beschäftigten stellt und sogar nur ein Prozent der F+E-Fachkräfte dort sitzen. Von weltweit 290 Fertigungsstandorten stehen nur vier in dieser Dreier-Region. Die Aktivitäten reichen vom Metro-Bau in Algerien über die Errichtung von Solaranlagen in Gabun bis zur Ausstattung eines Krankenhauses in Südafrika.

Fußnote Europas

Zu den Zentren der Siemens-Forschung zählen mittlerweile neben Deutschland und Österreich auch China und Indien. In den Geschäftsberichten der Konzerne 2006 taucht die Volksrepublik an zahlreichen Stellen auf. Dagegen wird Afrika nicht einmal als eigenständiger Kontinent registriert. In den Tabellen zur Regionalverteilung werden die 53 Staaten zwischen Algier und Kapstadt mit weiteren Sub-Regionen als Residualkategorie aufgelistet. So macht der Autokonzern Daimler immerhin zehn Milliarden Euro Umsatz mit "sonstigen Ländern (Afrika, Australien, Osteruropa)" und die BASF fasst gar Südamerika mit Afrika und Nahost zu einer Region zusammen (Umsatzanteil sieben Prozent). "Wir haben die Zahl unserer Mitarbeiter 2006 um insgesamt 5.422 aufgestockt, um insbesondere unsere Aktivitäten in Nord- und Lateinamerika, im Mittleren Osten, in Zentral- und Osteuropa sowie in Asien, vor allem in Indien und China, auszubauen", schreibt die Deutsche Bank in ihrem Bericht 2006 -kein Wort dagegen zu Afrika. Bei den regionalen Beschäftigtenzahlen tauchen die "einigen wenigen" Afrikaner nur als Fußnote Europas auf.

Ein Vergleich in der Bedeutung zwischen China und Afrika hinkt zwangsläufig, die Boom-Region in Fernost ist ein Nimmersatt an Importen und Investitionen. Während Afrika bei beidem aus dem Leeren schöpfen kann. Selbst der kleinste Wert im DAX, der ehemalige Pharma-Hersteller Altana, setzte zuletzt in China mit 127 Millionen Euro etwa vier Mal soviel um wie in der Position "übrige Regionen" inklusive Afrika. Sind in China noch rund sieben Prozent der Gesamtbelegschaft zu Hause, taucht ein Beschäftigungsanteil Afrikas gar nicht erst auf.

Wohltätigkeit für Afrika

Dafür erscheint Afrika in den Geschäfts-, Unternehmens- und "Nachhaltigkeitsberichten", wenn es um Wohltätigkeit geht. So berichtet Daimler, dass die hauseigene Bank die Karlheinz Böhm-Initiative "Menschen für Menschen" mit einem Betrag unterstützt, der etwa dem Monatsgehalt eines Daimler-Vorstandsmitglieds entspricht.

Der weltweit größte Chemieriese, BASF, hat für seine Unternehmensberichterstattung schon viel Lob erhalten. "Wir informieren darin über die drei Dimensionen von Sustainable Development", heißt es im Vorwort des Unternehmensberichtes 2006: "Ökonomie, Ökologie und Soziales. Wesentliche Inhalte haben wir auf Basis unseres Dialogs mit Stakeholdern sowie interner Prozesse entwickelt. Unsere Berichterstattung orientiert sich an den internationalen Leitlinien der Global Reporting Initiative (GRI), an deren Diskussion und Weiterentwicklung wir uns aktiv beteiligen." Doch auch hier taucht Afrika vornehmlich als Empfänger von Spenden auf: "Mit dem 'Lapdesk-Projekt' hat die BASF-Sozialstiftung beispielsweise die Lernbedingungen für 100.000 Schüler in Afrika verbessert. "Auch in Indien fördern wir junge Menschen aus sozial benachteiligten Verhältnissen: Neben einer Grundausstattung mit Schulheften und Schreibutensilien ermöglichen wir jährlich bis zu 140 Schülern durch finanzielle Hilfe den Schulbesuch."

Wesentlich bedeutsamer für die (land-)wirtschaftliche Situation Afrikas ist das, was die BASF-Forschung auf den Gebieten Pestizide, Energie, Pflanzenbiotechnologie und "Rohstoffwandel"(Substitution von Rohstoffen) plant oder schon realisiert hat. Über die entwicklungspolitischen Folgen wird nirgends nachgedacht. "Diese Querschnittstechnologien ermöglichen unseren Kunden profitables Wachstum - und damit auch uns.", heißt es in dem Bericht. Nicht beschrieben wird, was mit den traditionellen Rohstoff-Lieferanten geschieht.

Früchte von morgen

Bundeskanzlerin Angela Merkel hat Afrika als Kontinent mit einem "unglaublichen Entwicklungspotenzial" bezeichnet. "Wer Afrika heute als Investitionsstandort akzeptiert, wird morgen die Früchte ernten", sagte Merkel nach dem Treffen mit den führenden Wirtschaftsvertretern. "Afrika erhält weniger als zwei Prozent der weltweiten Direktinvestitionen - das ist nicht genug." Die deutschen Investitionspläne entsprechen etwa diesem Minimal-Niveau. Sie fließen vor allem in die Öl- und Gasförderung afrikanischer Staaten.

Für deutsche Unternehmen gewinnt der Handel mit Afrika dagegen an Bedeutung: Sein Wert stieg im vergangenen Jahr um knapp 18 Prozent auf rund 33 Milliarden Euro. So berichtet der Chemie- und Waschmittelkonzern Henkel von zweistelligen Wachstumsraten beim Umsatz - "in den Zukunftsmärkten Nahost, Afrika und Asien."