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Erkennungszeichen: Knöchelfreie Mode

Salafistische Bewegungen im Spannungsfeld zwischen Djihad und Pazifismus

Julia Gerlach

Die blutigen Anschläge in Algier Anfang April wurden von der "Salafistischen Gruppe für Predigt und Kampf" verübt, die sich kurz darauf in "Al Qaida im islamischen Maghreb" umbenannte. Immer wieder fällt im Zusammenhang mit Terroranschlägen der Begriff "Salafismus". Was ist darunter zu verstehen? Woher kommt die Bewegung? Sind alle Salafisten gewalttätig?

Die Grundidee des Salafismus ist, dass früher, zu Zeiten des Propheten und in den ersten beiden nachfolgenden Generationen, in Medina der wahre Islam gelebt wurde. So folgen die Salafis dem Vorbild dieser "As-Salaf as-sahih", den rechtgeleiteten Nachfolgern. Nach dieser Zeit wurde der Islam den Salafisten zufolge durch Interpretationen, heidnische Traditionen, Machtgier und Materialismus sowie Einflüsse des Westens verwässert.

Vor allem bei jungen Muslimen ist der Salafismus beliebt, da er als Alternative zum traditionsbeladenen Islam ihrer Eltern und in klarer Abgrenzung zum westlichen Lebensstil gesehen wird. Die Bewegung ist global - Salafis, die sich leicht an ihren kurzen Gewändern und dem ungestutzten Bart erkennen lassen, sieht man in ihren Ledersandalen durch die Innenstadt von Doha ebenso wie durch Buchgeschäfte in Kairo oder durch die U-Bahn von Berlin schlappen.

Zum Thema Salafismus gibt es kaum einen besseren und schnelleren Einstieg als ein Blick ins Online-Lexikon "Wikipedia": Schon beim ersten Anklicken des Stichworts springt ein rotes Ausrufezeichen ins Auge. Für das Online-Lexikon, an dem viele Schreiber mitwirken, heißt das: Achtung, dieser Artikel wird kontrovers diskutiert! Wer sich durch die Links am Ende des Eintrags hangelt, der Salafismus nur kurz und nüchtern als "religiöse Bewegung unter Muslimen" beschreibt", und die kritischen Anmerkungen im Wikipedia-Diskussionsforum und die dortigen Links zu wiederum anderen frommen Webseiten durchstöbert hat, ist schon mitten im Thema.

Denn im Internet sind Salafisten sehr präsent: Dort wird nicht nur auf unzähligen Webseiten die Rückkehr zum wahren Islam gepredigt, sondern es werden auch Tipps zu Fragen der richtigen Lebensführung gegeben. Schließlich zeichnen sich Salafisten durch ein Misstrauen gegenüber neuzeitlichen Religionsgelehrten aus. Das religiöse Establishment der arabischen Welt sehen viele als von der Macht korrumpiert und überflüssig an. Salafisten folgen dem wörtlichen Beispiel des Propheten und seiner Gefährten. Wenn der Prophet Aprikosen gegessen hat, dann essen sie Aprikosen. In manchen Alltagsfragen findet der einfache Gläubige nicht sofort die passende Textstelle, deshalb besteht Bedarf an frommer Salafisten-Anleitung. Im Netz wird aber auch über die Frage gestritten, die den Salafismus ins Bewusstsein der Weltöffentlichkeit gerückt hat und die zugleich die Bewegung spaltet: die Gewaltfrage. Kurz gesagt: Auch wenn alle Terroristen Salafisten sind, sind längst nicht alle Salafisten Terroristen.

Ist das Wesen des Islam militant?

Es wird derzeit häufig darüber diskutiert, ob der Islam an sich eine Tendenz zur Gewalt habe. Dieser Gedanke lässt sich angesichts der militanten salafistischen Bewegung durchaus weiterspinnen. Wenn diejenigen, die sich auf den reinen Islam berufen, besonders oft militant werden, dann scheint doch im Wesen der Religion der Knackpunkt zu liegen, so die bestechende Logik. Mohammed der Feldherr als direktes Vorbild der Terroristen. Allerdings - und so beginnt dies Argument spätestens im Umkehrschluss zu humpeln-, müssten die Salafisten dann auch besonders weltoffene und tolerante Menschen sein, hat doch der Prophet sich auch im Zusammenleben von Christen und Muslimen hervorgetan.

Davon kann jedoch nicht die Rede sein. Um die salafistische Bewegung und deren militante Zweige zu verstehen, ist es daher wenig angebracht, das Wesen des wirklichen Islams zu ergründen. Es empfiehlt sich vielmehr ein Blick in ihre Entstehungsgeschichte. Es handelt sich um eine Bewegung der Neuzeit, die viel mit der Krise der modernen islamischen Welt, der empfundenen Überlegenheit dem Westen gegenüber, Repression und Unterdrückung zu tun hat.

Ohne Petro-Dollars kein moderner Salafismus

Der Schreiber des Wikipedia-Eintrags über Salafismus zieht auch deswegen so heftige Kritik auf sich, weil er Salafismus und Wahabismus (die strenge saudi-arabische Interpretation des Islam) quasi gleichsetzt. Dies mag eine zu grobe Vereinfachung sein, aber ohne die Gedanken Muhammed Abdel Wahabs (1703-1791) und ohne die saudischen Petro-Dollars, in deren Genuss alle namhaften salafistischen Gruppen von Teilen der ägyptischen Muslimbruderschaft bis zu den Taliban und Al Qaida gekommen sind, sähe der Salafismus heute anders aus.

Muhammed Abdel Wahab predigte in Rückgriff auf den mittelalterlichen Rechtsgelehrten Ibn Tajmiyya (1263-1328) die strenge und wörtliche Befolgung der Vorschriften der Scharia. Alle Arten der Mystik, das Sufitum und die Schia, aber auch des Rationalismus lehnte er als heidnische Einflüsse, Neuerungen und Erfindungen der Neuzeit ab. Stark könnten die Muslime nur sein, wenn sie dem Beispiel der Propheten folgten, und zwar wortwörtlich. Es wird als religiöse Pflicht der Herrscher gesehen, die Gläubigen im Zweifel zu ihren religiösen Pflichten zu zwingen.

Der Erfolg gab ihm Recht. Die Familie Al Saud, damals auf dem politischen und militärischen Marsch durch die Halbinsel, nahm die puristische Lebensweise an und siegte. Die Kombination aus todesmutigen Reitertruppen und dem Gedankengut von Abdel Wahab setzte sich durch. Als dann in diesem Reich noch Öl gefunden wurde, sahen viele dies als offensichtlichen Beweis, dass Gott eine solche Lebensweise belohne.

Reaktion auf Kolonialismus in Ägypten

Ein Jahrhundert nach Abdel Wahab entstand in Ägypten ein anderer Strang des Salafismus: Als Reaktion auf den europäischen Kolonialismus und die wirtschaftliche und intellektuelle Misere der Arabischen Welt traten ab Mitte des 19. Jahrhunderts Reformer auf, die ebenfalls eine Rückbesinnung auf den eigentlichen Islam und damit eine Abkehr von den Traditionen einerseits und dem unreflektierten Import westlichen Gedankenguts andererseits forderten. Wenn die islamische Welt ihre Stärke und Identität wieder gefunden habe, könne sie selbstbewusst Errungenschaften der modernen Technologie aus anderen Teilen der Erde übernehmen. Jamal Al Din Afghani (1839-97) mischte die neu erweckte islamische Identität mit antikolonialem Gedankengut. Er beschwor eine panarabische Solidarität gegen die europäischen Besatzer. Er sprach sich gegen die Könige der Region und für eine repräsentative Regierung aus. Sein Schüler Mohammed Abdou (1849-1905) setzte die Anklagen gegen das korrupte Regierungssystem fort, das der Umma - der islamischen Gemeinschaft - ein dogmatische Islambild aufzwingen wolle. Nur durch die Rückbesinnung auf die Texte des Islam könnten sich die Muslime vom Joch der Fremdherrschaft, der Korruption und der Stagnation befreien. Eine Gesellschaft nach dem Vorbild der Gemeinde von Medina unter der Herrschaft des Propheten müsse zwangsläufig gerecht, frei und erfolgreich sein. Rashid Rida (1865-1935) begründete darauf aufbauend die Vorstellung einer gerechten islamischen Regierung.

Hassan an Banna, der Begründer der Muslimbruderschaft, konzentriert sich in seinen frühen Schriften auf Bildung und Erziehung. Wenn jeder Muslim ein besserer, gläubigerer Mensch werde, dann entstehe daraus eine bessere, sprich islamische Gesellschaft. Auch diese islamische Reformbewegung bezeichnet man als Salafia. Aus den Ideen von Jamal al Din Afghani bis Hassan al Banna haben sich nachfolgende Denker bedient und daraus sehr unterschiedliche Schlussfolgerungen gezogen: Fortschrittlich weltoffene und engstirnig-militante. Mit Salafismus bezeichnet man im weiteren Verlauf des 20. Jahrhunderts die sehr puristische, eher engstirnige Linie, die sich einer Interpretation der islamischen Quellen verschließt. In den 50er Jahren, unter Gamal Abdel Nassers Regierung, wurde die Bruderschaft brutal verfolgt. In dieser Zeit und unter dem Eindruck von Repression und Folter wurden die Weichen in Richtung militanten Salafismus gestellt.

Der Che Guevara der islamischen Bewegung

Said Qutb, den die Bremer Islamwissenschaftlerin Ivesa Lübben als eine Art "Che Guevara der islamischen Bewegung" bezeichnet, hat mit seinem Buch "Wegzeichen" drei Konzepte miteinander in Verbindung gesetzt: Er sagt, die Gesellschaften der islamischen Welt befänden sich im Stadium der Dschahiliya (Unwissenheit). Mit diesem Begriff wird eigentlich die heidnische Gesellschaft auf der arabischen Halbinsel vor Verkündung des Islam bezeichnet, da aber - so Qutb - die Muslime nicht mehr die Scharia befolgten, seien sie in dieses dunkle Stadium zurückgefallen. Eine islamische Vorhut müsse daher die heidnischen Regierung bekämpfen und der Hakimiya (der Herrschaft Gottes) den Weg bahnen. Der dritte Begriff ist der des Takfir, der den Vorgang beschreibt, einen anderen Muslim zum Ungläubigen zu erklären und ihn zu bekämpfen.

Qutbs beendete sein Werk nicht. 1966 wurde er hingerichtet. Er ließ den Militanten viel Platz für eigene Ansätze. Während der Mainstream der Muslimbruderschaft weiter auf Graswurzel-Reform und politischen Wandel setzte und sich am pazifistischen Rand immer neue puristische Gruppen bildeten, entstand von nun an eine salafistische Bewegung, die im Kampf den gottgewollten Weg sah.

Zunächst richtete sich dieser Kampf gegen die eigenen Regierungen. Später kam der Kampf gegen die Rote Armee in Afghanistan hinzu, dem sich viele junge Männer aus der ganzen arabischen Welt anschlossen. Unter saudisch-wahabitischem Einfluss und finanziert mit reichlich Petro-Dollars entstand hier eine kämpferische Elite. Nach dem Sieg gegen die Rote Armee kehrten sie zum Teil in ihre Länder zurück oder schlossen sich bewaffneten nationalen Guerillaverbänden an.

Ab 1992 lieferte sich die bewaffnete islamische Gruppe in Ägypten einen blutigen Bürgerkrieg mit der Regierung. In Algerien kostete der grausame Kampf mindestens 150.000 Menschenleben. Ziel der Kämpfer war es, ihre als ungläubig und ungerecht empfundenen Regierungen zu stürzen. Ab Mitte der 90er Jahre verloren die Kämpfer weitgehend die Sympathien der Bevölkerung. Die grausamen Massaker und Serienvergewaltigungen der "Groupe Islamique Armée" in Algerien und die brutalen Anschläge auf Ausländer in Ägypten, die zu einem Zusammenbruch des Tourismus und damit der Lebensgrundlage vieler Ägypter führte, ließen die Menschen sich angewidert abwenden.

Ernüchterung durch die Taliban

Auch ein Blick in den realexistierenden Islamismus, wie er in Afghanistan unter den Taliban praktiziert wurde, ernüchterte die Menschen. Unter der idealen Gesellschaft stellten sie sich nicht die Herrschaft einer Sittenpolizei, Handabhacken und öffentliche Steinigungen vor.

Auch die Repression der Regierung gegen die islamischen Gruppen in Ägypten wurde immer stärker und so bot die "islamische Gruppe" 1996 einen einseitigen Waffenstillstand an. Jahre später begründete sie in vier schmalen Bänden diesen Schritt. Der bewaffnete Kampf sei doch nicht der Weg Gottes.

Anfang 1998 legten Usama Bin Laden, Eiman al Sawahiri und einige andere Anführer der bewaffneten Gruppen, die sich diesem neuentdeckten Pazifismus nicht anschließen mochten, ein Manifest zur Gründung einer Front gegen Kreuzfahrer und Zionisten vor. Sie veränderten das Ziel ihres Kampfes: Statt der lokalen Regierungen nahmen sie ab jetzt den fernen Feind - Amerika und Israel - ins Visier. Nur wer dessen Macht zerstöre, könne der gerechten islamischen Herrschaft in der islamischen Welt den Weg bahnen. Spätestens nach den Anschlägen des 11. September 2001 verselbständigte sich die Idee.

Globaler Kampf, lokale Themen

Bin Ladens Kombination aus salafistischer Lebensführung, antiimperialistischem Kampf und Eiman Al Sawahiris Theorie von der Maximierung des Schreckens beim Feind bei minimaler Gefallenenzahl in den eigenen Reihen, sprich: Selbstmordattentate, wird in der ganzen Welt von Gruppen und Einzelpersonen aufgegriffen. Die meisten planen ihre Anschläge allein und brauchen auch bei der Durchführung keine Hilfe von der Zentrale des Terrors. Bei allen Gruppen finden sich trotz der globalen Ausrichtung ihres Kampfes lokale Themen. Die Anschläge auf dem Sinai 2003-2006 deuten sogar darauf hin, dass sich hier eine Re-Orientierung auf nationale Ziele vollzogen hat.

Während die militanten Gruppen auf dem Sinai - vermutlich handelt es sich um durch Repression radikalisierte Angehörige der Beduinenstämme der Halbinsel, quasi ohne eigenes Zutun dem Label "Al Qaida" untergeordnet wurden - haben die algerischen Gruppen sich formell eingegliedert. Nachdem große Teile der "Salafistischen Gruppe für Predigt und Kampf" (GSPC) im vergangenen Jahr die Waffen niederlegten und damit auf eine Amnestie der algerischen Regierung reagierten, orientierten sich andere GSPC-Mitglieder am internationalen Terror. In einer Videoansprache verkündete Eiman Al Sawahiri im vergangenen Herbst, dass sich die algerischen Salafisten Al Qaida angeschlossen hätten. Die Bestätigung aus Algier kam wenige Wochen vor dem Anschlag auf drei strategische Gebäude in der algerischen Hauptstadt am 11. April.

Ziel der Gruppe, die sich jetzt "Al Qaida im islamischen Magreb" nennt, ist die Befreiung der islamischen Erde von Jerusalem bis Andalusien. Die Gruppe verfolgt Ziele in Algerien, wird jedoch auch als Rekrutierungsnetz für Anschläge in Spanien oder Frankreich gesehen.

Friedliche Frömmigkeit in Europa

Und dort? Gerade unter jungen Muslimen in Europa ist auch die andere Spielart des Salafismus, der friedliche Weg der Frömmigkeit, schwer in Mode. Die Besinnung auf einen reinen Islam gibt ihnen die Möglichkeit, sich von den als anstrengend und modernitätsfeindlich empfundenen Traditionen der türkischen oder arabischen Eltern und Großeltern zu distanzieren.

Sie gehen ihren eigenen Weg. In Europa differenziert sich die friedliche salafistische Bewegung erneut aus. Ein Teil der Frommen bezieht sich auf die Reformansätze der ägyptischen Denker des 19. Jahrhunderts und die moderaten Strömungen der Muslimbruderschaft und fordert eine Reform des Islam. Auch sie sind in der Tradition des Salafismus zu sehen, auch wenn sie selbst den Begriff als Schimpfwort benutzen, um jene zu bezeichnen, die der interpretationsfeindlichen, intoleranteren wahabitisch geprägten Richtung angehören.

Gerade für Newcomer oder Rückkehrer zum Islam ist dieser Salafismus in seiner Rigidität attraktiv. Es gibt feste Regeln, wenig Interpretationsspielraum und man hebt sich auf jeden Fall deutlich von der "ungläubigen" Umwelt ab. Modisch gesehen trägt der moderne Salafi Bart, Käppi und eine Galabiyya (arabisches Gewand), die seine Knöchel frei lässt. Schließlich soll der Prophet gesagt haben: "Der Teil des Gewandes, der sich unterhalb des Knöchels befindet, ist dem Teufel geweiht." Dicke Socken und ein Anorak sind da oft die einzigen Zugeständnisse an die europäische Umwelt. Unauffälliger lässt sich das Gebot auch durch hochgekrempelte Hosenbeine umsetzen, bei Studenten derzeit sehr beliebt.

Es wäre falsch, alle diese Knöchelfreien als Terroristen zu ächten, auch wenn es Außenstehenden nicht leicht gemacht wird, festzustellen, welche Haltung in der Gewaltfrage die einzelnen Vertreter haben. Salafisten, die weltoffen, tolerant und dialogbereit Andersgläubigen gegenübertreten, sucht man oft vergeblich. Für Salafisten gibt es kein Grau, es gibt Schwarz und Weiß, richtig und falsch und - das merkt man schon bei den ersten Klicks im Wikipedia-Diskussionsforum: Viel Respekt oder auch nur Geduld mit Menschen mit abweichender Meinung, handelt es sich auch nur um Nuancen, haben sie nicht.

 

Julia Gerlach, geb. 1969, ist Journalistin. Sie arbeitet als Redakteurin für das "heute journal" des ZDF und als Autorin für "Die Zeit", HR-Radio und andere. Zuletzt veröffentlichte sie "Zwischen Pop und Dschihad - Junge Muslime in Deutschland" im Ch. Links Verlag.