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Gesamtkunstwerk Asmara

Ausstellung in Berlin zeigt klassische Moderne in Afrika

Von Johannes Schradi

Die "schönste Stadt auf dem afrikanischen Kontinent" nennt die frühere BMZ-Staatssekretärin und G-8-Afrika-Beauftragte, Uschi Eid (Grüne), Eritreas Hauptstadt Asmara. Das "Kleinod" müsse in das Unesco-Weltkulturerbe aufgenommen werden, sagte sie am 22. Mai. Und in der Tat: In einem der ärmsten Länder der Welt mit seinen anhaltend äußerst schwierigen politischen Verhältnissen befindet sich ein Ensemble an Baulichkeiten, wie es in der Welt einmalig ist: 500 bis 600 Bauten der Stilrichtungen Art Deco, Novecento und klassische Moderne prägen das Stadtbild von Asmara. Und wenn nicht sehr bald etwas geschieht, ist vieles davon dem Verfall preisgegeben.

Uschi Eid tritt in Berlin als Schirmherrin einer Initiative auf, die mit einer Ausstellung auf "Afrikas heimliche Stadt der klassischen Moderne" aufmerksam machen will. Eröffnet werden soll sie am 3. Oktober diesen Jahres im Deutschen Architekturzentrum (DAZ) in Berlin. Eine Projektgruppe von Eritreern in Deutschland sowie deutschen und äthiopischen Architekten will mit der Ausstellung die Bemühungen Eritreas unterstützen, dieses außergewöhnliche architektonische Erbe einem breiten Publikum bekannt zu machen und so einen Beitrag zu seinem Erhalt leisten. Darüber hinaus könne es - zum Nutzen des armen Landes - touristisch beworben und erschlossen werden. Schließlich gehöre Eritrea zur selben Region wie Ägypten, liege also nicht weit ab von den Tourismusgebieten Nord-Ostafrikas.

Selbst Fachleuten sind die baulichen Schätze Asmaras wenig bekannt. Auch Omar Akbar, Direktor der "Stiftung Bauhaus Dessau" und Kurator der Ausstellung erfuhr nach eigenen Worten erst unlängst davon. "Eine Art Gesamtkunstwerk" nennt er Asmara. Namens der Bauhaus-Stiftung macht er großes Interesse an der Aufarbeitung dieses Erbes der klassischen Moderne geltend. Wenn das Bauhaus Dessau im Jahr 2009 sein 90-jähriges Bestehen feiert, soll Asmara mit gewürdigt werden: als ein bedeutender rezeptionsgeschichtlicher Baustein.

Entsprechungen zum Gebäude-Ensemble Asmaras finden sich allenfalls in Miami South, in Tel Aviv und Napier (Neuseeland). Entstanden ist es hauptsächlich in den Jahren 1935 bis 1941 während der faschistischen Herrschaft Mussolinis. Repräsentieren sollte es nicht weniger als ein zweites Imperium Romanum, wie Naigzy Gebremedhin vom "Zentrum zur Bewahrung des Kulturerbes von Eritrea" bei der Vorstellung des Ausstellungsprojektes erläutert. "Hunderttausende Eritreer haben an den Gebäuden gearbeitet", sagt er: "Ein Ignorieren der kolonialen Vergangenheit ist nicht möglich." Entscheidend sei, dass sich die eritreische Bevölkerung diese Architektur als Kulturschatz zu eigen gemacht habe. Gebremedhin ist ebenfalls Kurator und hofft, dass die Ausstellung dazu beiträgt, dieses architektonische Erbe zu erhalten. Auf Initiative des Zentrums zur Bewahrung des Kulturerbes hat die eritreische Regierung das gesamte Stadtzentrum von Asmara inzwischen unter Denkmalschutz gestellt. Doch Zerfall droht nach wie vor. Gebremedhin sieht in der Ausstellung eine Gelegenheit, darauf hinzuwirken, dass "gerettet wird, was sonst verschwindet".

Als Ausstellungsorte sind neben Berlin Frankfurt und Stuttgart vorgesehen, wo die meisten der rund 25.000 Eritreer in Deutschland leben. Der Weltdachverband der Architektenverbände (UIA) will die Ausstellung 2008 auf seinem nächsten Kongress in Turin zeigen. Ihren endgültigen Platz soll sie in Asmara finden.

 

eins Entwicklungspolitik 10-2006