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Rückkehr der Hilfswerke zur Kindheit

Sammeln oder entwickeln wir?

Von Al Imfeld

Die Hilfswerke - mit einigen wenigen Ausnahmen - sind wieder zur Kindheit zurückgekehrt; in ihrer Spendenwerbung geht es wieder rings ums Kind. Der Trend ist nicht nur bei den NGOs/NROs, sondern auch bei Businessclubs und Wohltätigkeitsvereinigungen voll im Gang. Zentraleuropäer und Amerikaner müssen mit Hilfe des Kindes zur Freigiebigkeit gebracht werden. Mit was kann denn das Herz dieser Weißen-Europäer, Christen-Protestanten, Mittelklassemenschen mit stets etwas schlechtem Gewissen am besten gerührt werden? Mit armen Kindern. Mit Kindertränen.

Wer hat schon etwas gegen Kinder? Bestimmt nicht ich als der Älteste von 13. Doch etwas stimmt nicht ganz. Das habe ich schon früh gespürt. Man mag uns während des Zweiten Weltkrieges und nach dem Krieg noch zugute halten, dass wir alle nichts über Strukturen und ihren Wandel wussten. Man tat einfach etwas Gutes, stets in der Annahme, es würde unserem Seelenheil nützen, nicht primär den Kindern oder der Gesellschaft.

Doch heute? Sind wir nicht weiter? Haben nicht die meisten den Glauben an eine langsame und geduldige strukturelle Verwandlung - oder wir können es auch Entwicklung nennen - verloren? Wir tun zwar was, aber was? Wir versuchen einander zu rühren, um möglichst viel zu sammeln. Daher sind für unsere heutige condition humaine Katastrophen wichtig. Da sammelt's sich leichter, da hilft's sich leichter. Geht es jedoch an eine Gesellschaft heran, werden die meisten hilflos und geben sich bloß noch mit Kindern ab. Blindlings, denn ich möchte nicht realistisch in Politik und Wirtschaft hineinschauen, was solche Kinder bald erwartet. Haben wir keine andere Welt für sie vorbereitet?

Wir sind wohl Nachkommen unserer Werbung geworden, denn das, was wir am besten können, ist werben, Herzen rühren, überreden, um etwas Gutes zu tun. Das Geld fließt, aber dann fehlen uns Projekte, weil wir uns nicht an Grundsätzliches wagen, also spielt man mit Kindern herum.

Was wird getan, wenn es Fremdenhass rundum gibt? Man schafft eine Sonderschule; man entfremdet statt zu erziehen, und später? Wo etwa bleibt Arbeit im Umgang mit Fremden, Anderen oder Sonderbaren, langsames Überbrücken von aller Art von Kasten - statt Abschließen und Herausnehmen?

Man adoptiert und stellt später fest, dass das Klima für diese Secondos nicht existiert. Nichts wurde für eine Mischlingskultur, die längst anwesend war, getan. Warum denn haben es alle Mischlingskinder auf dieser Welt derart schwer?

Man wehrt sich vehement gegen eine gemeinsam gelebte Multikultur und meint dogmatisch, der Mensch brauche nur eine Identität und eine Leitkultur. In einer solchen Welt muss dann das adoptierte Kind als Jugendlicher weiterleben. Wie denn? Wie kann das geschehen, wenn das Kind geradezu wahnwitzig in die Monokulturalität hinein gestoßen (nicht erzogen) wird?

Man mag vielleicht insgeheim glauben, dass mit dem Kind eine bessere und andere Welt komme, aber wie, wenn wir Erwachsenen - sei es als Politiker oder als Wirtschaftende - solches Heranwachsen systematisch verwehren? Täuschen wir uns nicht selbst?

Wir müssen hart werden

Meint ihr erneut (ich meinte, die Zeit sei vorbei), dass mit etwas Hungerspende die Kinderbäuche gefüllt werden können? Dann folgt nächstes Jahr der Hunger wieder und wieder. Da müsste wahrlich anderes an die Hand genommen werden. Wir müssten so hart werden, dass wir sogar einige Kinder verhungern ließen. Ich weiß, solches bricht hier in Europa ein Tabu und ist herzlos. Aber an einigen Orten auf dem afrikanischen Kontinent bringen Mütter bewusst mehr Kinder auf die Welt, um sie verhungern zu lassen, um so Hungerhilfe herbei zu erschüttern. Oder glaubt ihr ehrlich, man kann einen Autokraten oder selbst einen König einfach walten und schalten lassen, ohne dass er etwas für Gesundheit tut und sich Kinderspitäler von außen bauen lässt? Nichteinmischung hin oder her, aber hier haben sich Politiker und "Entwickler" disqualifiziert, wenn sie solches Gebaren mit Nichteinmischung schützen. Es gibt heute den isolierten Staat nur noch in der Kinderwelt!

Der Großteil unserer Wohltätigkeitswerbung ist also verlogen und weicht aus; wir täuschen uns selbst und fliehen. Im Grunde kommen wir mit dieser Welt noch nicht zurecht; im Hinterkopf liegt stets noch dieser Ausweg in den Himmel.

Wären nicht diese Werbekampagnen der Hilfswerke eine Chance, ja, eine richtige Herausforderung, etwas mehr in die Tiefe, in die Länge und Breite zu gehen? Dürften wir Projekte nicht mehr in einen Zusammenhang mit Infrastrukturplanungen wie Strassen, Eisenbahnen, Elektrizität oder sogar Vorstädten stellen? Gehen wir ruhig vom Kind aus, doch setzen wir es in Kontexte und fragen: Mit welcher Welt soll es einst weiter leben? Was also braucht es auch noch?

Unsere Abertausende von Hilfswerken sind viel zu isoliert und punktuell, als dass mit ihnen eine Struktur des Zusammenlebens und einer Gesellschaft entstehen könnte. Mit ihnen kommen wie einst einfach "gute Werke", doch verändern wird sich nichts. Sammeln diese viel zu vielen Hilfswerke einfach wie einst Anlagen für den Himmel?

Sind wir wieder (Geld-)Sammler statt (Struktur-)Entwickler geworden?