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Forschungen zu Entkolonisierung, Globalisierung, Staatsklassen, Europa und Entwicklungswege

Hartmut Elsenhans ist 65 geworden

Hartmut Elsenhans hat nach dem Diplom in Politischer Wissenschaft das Cycle Superieur d´Études Politiques in Paris absolviert, bevor er Assistent für Theorie der Internationalen Beziehungen an der Freien Universität in Berlin wurde. Es folgten Dozentur an der Universität Frankfurt am Main und Professur für Internationale Beziehungen an der Universität Marburg. Bis 1993 war er Professor an der Universität Konstanz, jetzt lehrt er an der Universität Leipzig. Internationalen Ruf bestätigte er durch Gastprofessuren in aller Welt und intensive Feldforschung in Afrika und Asien. Große Anerkennung erlangte seine Promotion über den französischen Krieg in Algerien. Seine Publikationen liegen bislang in acht Fremdsprachen vor. Im Mai wird in Leipzig ein illustres, international besetztes Geburtstagskolloquium sein Werk und Wirken würdigen. Die folgende Komposition haben mehrere Wissenschaftler bestritten, eine ausführlichere Rezension seines Werkes "Das Internationale System zwischen Zivilgesellschaft und Rente" (Münster 2001) seitens Heidrun Zinecker ist für eine spätere Ausgabe von eins vorgesehen. K. Friedrich Schade

 


Der Algerienkrieg - Fundament und Dach eines scharfsinnigen Theoriegebäudes

Zum ersten Mal wurde der Algerienkrieg in seiner internationalen Dimension analysiert. Dieser Krieg, so Elsenhans, war nur die Spitze eines Kampfes um die internationale Arbeitsteilung zwischen Nord und Süd. Elsenhans erklärt, dass der Algerienkrieg Ausdruck eines Krieges innerhalb der verschiedenen Interessengruppen Frankreichs gewesen ist, nämlich der kolonialistischen Gruppen, deren Interessen in der Aufrechterhaltung der Kolonien beruhten, und der Neokolonialisten, welche ihre Interessen in Hinblick auf den Weltmarkt formulierten. Für letztere besitzt der Erhalt Algeriens als Kolonie keine Priorität. Ökonomisch ausgedrückt, handelt sich hier um einen Konflikt innerhalb Frankreichs zwischen den Agrarkapitalisten und den Industriekapitalisten.

General de Gaulle, der als Retter der Republik an die Macht zurückkehrte, musste sich zwischen zwei Handlungsmöglichkeiten entscheiden, der einer totalen Integration Algeriens oder eines Abzuges aus Algerien. Erste Lösung wäre mit dem gehörigen Aufwand verbunden, die vorkapitalistischen Strukturen in der Kolonie zu beseitigen, und hätte wohl kaum eine Mehrheit in der französischen Gesellschaft gefunden. Die zweite Variante hätte der Stellung Frankreichs in der internationalen Balance der Mächte nach dem Zweiten Weltkrieg Schaden zufügen können, obwohl der Abzug die Absicht verfolgte, die Grande Nation vor großem Schaden und Gesichtsverlust zu wahren, da eine fortdauernde Besetzung Algeriens noch härtere Repressionsmethoden erfordert hätte.

Der Realpolitiker de Gaulle hatte sich für die "elegantere" Lösung entschieden. Er vernichtete die algerische Befreiungsarmee militärisch und trat gleichzeitig in Kontakt mit einer westlich orientierten Elite, welche als künftiger Partner gewonnen werden konnte. Somit gelang es, die Macht in Algerien und in der Dritten Welt aufrechtzuerhalten sowie die Position Frankreichs in der Welt zu stärken. Diese weltsystemische Analyseperspektive des Algerienkriegs war für die algerischen und französischen Historiker neu. Somit hat, wie Vichys Frankreich seinen Paxton, auch der Algerienkrieg nunmehr seinen Elsenhans.

Das postkoloniale Algerien und sein schwieriger Weg aus der Unterentwicklung inspirierten Elsenhans zu seinem zur Bibel der Nord-Süd-Beziehungen gewordenen Ansatz der Staatsklasse. Das auf Rentendistribution aufgebaute Entwicklungsmodell scheiterte, weil es nicht zum primären Ziel die Kapitalisierung der Arbeitsverhältnisse hatte und dadurch die Abschaffung der Marginalität und die Stärkung von Arbeit. Dies führte zur Abwendung der in ihrem Aufstieg blockierten Mittelschichten von den herrschenden Klassen und mündete schließlich zu dem, was Elsenhans heute als neue kulturell-identitäre politische Bewegungen bezeichnet. Rachid Ouaissa

• Elsenhans, Hartmut: Frankreichs Algerienkrieg 1954-1962. Entkolonialisierungsversuch einer kapitalistischen Metropole. Zum Zusammenbruch der Kolonialreiche. 908 Seiten, Carl Hanser, München 1974

• Elsenhans, Hartmut: La guerre d'Algérie 1954-1962. La transition d'une France à une autre. Le passage de la IV à la Ve République, 1072 Seiten, Publisud, Paris 2000

• Elsenhans, Hartmut; Kleiner, Elmar; Dreves, Reinhart Joachim: Gleichheit, Markt, Profit, Wachstum. Kleinindustrie und Expansion des Massenmarkts mit einer Untersuchung aus Algerien. 268 Seiten, Deutsches Übersee-Institut, Hamburg 2001

 

Globalisierung:Transformation des Charakters der Weltwirtschaft

Hartmut Elsenhans beschreibt das aktuelle Muster der Globalisierung als Transformation des Charakters der Weltwirtschaft. Die Ausweitung, Vertiefung und Beschleunigung globaler Interaktionen konstituieren für ihn wie für zahlreiche "Globalisierungsskeptiker" keinen neuen epochalen Moment im Globalisierungsprozess. Die Besonderheit der derzeitigen Form der Globalisierung besteht in Abgrenzung zur Situation am Vorabend des Ersten Weltkriegs in der Teilnahme von Nationalstaaten an der internationalen Arbeitsteilung, deren binnenwirtschaftliche Strukturen nicht denen kapitalistischer Marktwirtschaften entsprechen.

Elsenhans beschreibt mit dem Geleitzugmodell ein idealtypisches Globalisierungsszenario. In diesem Modell sind mit der Abwesenheit von Marginalität und der Existenz von Vollbeschäftigung die wesentlichen Voraussetzungen für die Wirkung des in der neoklassischen Konvergenztheorie beschriebenen Angleichungsprozesses gegeben. Marginalität bezeichnet dabei einen Zustand, in dem es Arbeiter gibt, die so wenig produktiv sind, dass sie ihre Reproduktionskosten nicht erwirtschaften und so nicht profitabel beschäftigt werden können. Im Geleitzugmodell führen sektorale Produktivitätsveränderungen zu kontinuierlichen Veränderungen der nationalen Terms of Trade und komparativen Kostenvorteile. Die preisliche Wettbewerbsfähigkeit zur Realisierung der neuen komparativen Kostenvorteile ist Folge der durch das Handelsbilanzdefizit bedingten Abwertung der jeweiligen Landeswährungen. Dies führt über den intersektoralen Ausgleich der nominellen, also der in monetären Einheiten ausgedrückten, nicht aber der physischen Produktivitäten dazu, dass selbst nicht-innovative Sektoren in rückständigen Staaten von Produktivitätssteigerungen in innovativen Branchen technisch führender Länder profitieren.

Dieser Mechanismus ist in der aktuellen Phase der Globalisierung durch die Einbindung von Staaten blockiert, die durch Marginalität gekennzeichnet sind. Deren Wettbewerbsfähigkeit erklärt Elsenhans durch neu gewonnene Abwertungsspielräume dieser Länder. Das derzeitige Ausmaß der Globalisierung ist nach Elsenhans zu gering, um Marginalität in all diesen Ländern und damit die Hauptursache der Konvergenzblockade zu überwinden. Stattdessen ist die Weltwirtschaft zunehmend durch unterkonsumtive Tendenzen gekennzeichnet, die aus einem positiven Beitrag dieser Staaten zur Weltproduktionskapazität ohne entsprechende Stützung der Weltkonsumptionskapazität resultieren. Eine zur Stützung eines Geleitzuges notwendige Erhöhung des Konsumniveaus kann nicht erfolgen, da auf Grund der ausbleibenden Verknappung von Arbeit in den marginalen Wirtschaften die Reallöhne nicht steigen. Die derzeitigen Reaktionen in den technisch führenden Ländern - Lohnzurückhaltung und industriepolitische Maßnahmen - verschärfen diese Tendenzen. Vor diesem Hintergrund sieht Elsenhans die Gefahr einer zunehmenden Politisierung der Weltwirtschaft, die das Handlungspotenzial von Kapital und Arbeit als kollektive Akteure bedroht. Die für die Herausbildung einer autonomen Weltzivilgesellschaft konstitutiven Bedingungen werden unterminiert. Die derzeitige Form der Globalisierung wirkt somit trotz zunehmender transnationaler Interaktionen tendenziell desintegrierend. Oliver Gebhard, Adele Garnier

• Elsenhans, H.: Globalization Between a Convoy Model and an Underconsumptionist Threat, Reihe Politik: Forschung u. Wissenschaft Bd. 25, 312 Seiten, LIT Verlag 2006

 

Überwindung von Unterentwicklung: gegen bloße "Abkoppelung vom Weltmarkt"

Elsenhans publizierte zwei zentrale Schriften zur "Überwindung von Unterentwicklung". Beide erschienen an prominenter Stelle im "Handbuch der Dritten Welt". Während er 1974 noch Anlehnungen an die Dependeztheorie aufwies, betonte er 1982 die "Weiterentwicklung" seines weitgehend keynesianischen Ansatzes. Schrittweise aufeinander abgestimmt ging es Elsenhans um Erfordernisse wie etwa die "Umgestaltung des Produktionsapparats" auf "Massenproduktion für Massenbedarf", um die zentrale Rolle "kleiner und mittlerer Industriebetriebe sowie das schlummernde wirtschaftliche Potenzial des informellen Sektors, aber auch um "egalitäre Agrarreformen", die zu einer angemessenen "Binnennachfrage" und zu Investitionsanreizen für nationale Unternehmen führen sollten.

Obwohl Marktkräfte den Prozess der Überwindung von Unterentwicklung tragen sollten, waren es für Elsenhans die entwicklungsstrategisch ausgerichteten (proaktiven) Staatsklassen, die über Strukturreformen den Prozess selbsttragenden Wachstums erst in Gang setzen. Im Gegensatz zum damaligen deutschen entwicklungspolitischen Mainstream wandte sich Elsenhans nämlich entschieden gegen die bloße "Abkoppelung vom Weltmarkt" und unterstrich schon 1974 die Vorteile einer Kombination von Binnenmarkterschließung und gleichzeitiger Exportorientierung. Im Rückblick lassen sich die genannten Bausteine zur Überwindung von Unterentwicklung leicht den neueren Debatten zur internationalen Entwicklungspolitik zuordnen. Entwicklungsstrategisch ausgerichtete Staatsklassen laufen heute etwas dezenter (und sicher auch weniger interventionistisch) unter dem Begriff der "guten Regierungsführung" und der "Schaffung stabiler Rahmenbedingungen zur Entwicklung des Privatsektors". Exportorientierung cum Binnenmarktdynamisierung ist kein umstrittenes Thema mehr, und Armutsbekämpfung - einschließlich gesicherter Eigentumsrechte zu Gunsten von Armen und der Stärkung der "Verhandlungsmacht von Armen" - werden heute ebenso als wirtschaftliche Grundlage von Entwicklung akzeptiert und gefördert wie die marktwirtschaftliche Dynamisierung der Landwirtschaft (Weltentwicklungsbericht 2008).

Ob sich die derzeit positiven Entwicklungstrends in vielen Schwellen- und Entwicklungsländern festigen oder es nach Elsenhans (2006) nun eher wahrscheinlich ist, dass (i) nach anfänglichen wirtschaftlichen Erfolgen eine Verflachung des Wachstums eintritt und überdies - bedingt durch den vereinfachten Zugang zu moderner Technologie und die Auslagerung von Arbeitsplätzen - weltweit kumulierte Arbeitsmarkt- und Wachstumsprobleme auftreten - und ob (ii) die gegenwärtige Form der Globalisierung dazu tendiert, die Rentendynamik der Entwicklungsländer auf die entwickelten Länder zu übertragen, statt die Marktdynamik der entwickelten Länder auf die Entwicklungsländer, bleibt abzuwarten. Es ist aber wichtig, dass Elsenhans diese Optionen aufzeigte - und belegte. Harald Fuhr

• (1974) Elsenhans,H., "Die Überwindung von Unterentwicklung" , in: Nohlen, Dieter/ Nuscheler, Franz (Hg.): Handbuch der Dritten Welt (1) (Hamburg: Hoffmann & Campe); 162-189.

• (1982) Elsenhans, H., "Die Überwindung von Unterentwicklung durch Massenproduktion für Massenbedarf - Weiterentwicklung eines Ansatzes", in: Nohlen, Dieter/Nuscheler, Franz (Hg.) Handbuch der Dritten Welt (1) (Hamburg: Hoffmann & Campe); 152-182.

• (2006) Elsenhans, Hartmut, Globalization Between A Convoy Model and an Underconsumtionist Threat (Münster: LIT Verlag); 207-261.

 

Staatsklassen: Herzstück des entwicklungstheoretischen Gebäudes

Das Staatsklassentheorem stellt gewissermaßen das Herzstück des entwicklungstheoretischen Gebäudes von Elsenhans dar. Es besagt, dass sich in unterentwickelten und von struktureller Heterogenität geprägten Gesellschaften eine bürokratische Elite mittels Kontrolle des Staates Mehrwert aneignet und über dessen Verwendung entscheidet. Strukturelle Existenzgrundlage der Staatsklassen sind Rente und Marginalität, aus denen sich Zentralisierung, Monopolstellung und innere Segmentierung als drei entscheidende Klassenmerkmale ableiten. Besonders wichtig für ein adäquates Verständnis von Staatsklassen sind sowohl ihre zentrale Rolle als Hauptakteure des Entwicklungsprozesses als auch ihre strukturell begründete Ambivalenz und Inkohärenz.

Ersteres resultiert vor allem aus ihrem Machtmonopol innerhalb der bürokratischen Entwicklungsgesellschaften, das jedoch aus einer Reihe von Gründen prekär und ambivalent bleibt. Als Hauptnutznießer von Rente sind Staatsklassen zugleich Gefangene eines ihr innewohnenden Dilemmas, das zuvörderst darin besteht, dass Rente mit Blick auf Entwicklung Doppelcharakter hat: Zum einen blockiert Rente die Überwindung von Unterentwicklung, zum anderen bildet sie die Hauptquelle für das Ingangsetzen des Entwicklungsprozesses. Wie und zu welchem Zweck Renten eingesetzt werden, entscheiden jedoch in erster Linie die Staatsklassen. Soll der Teufelskreis des Rentendilemmas für Entwicklung aufgebrochen werden, bleibt nur die Suche nach Bruchstellen, Rissen und Ansatzpunkten. Eine erste Möglichkeit bildet das ambivalente Verhalten der Staatsklassen selbst, das strukturbedingt zwischen Selbstprivilegierung und Legitimationszwang oszilliert. Was Oberhand gewinnt, hängt maßgeblich von der Binnenstruktur der Staatsklassen ab. Die zumeist zyklisch verlaufenden "Umschichtungsprozesse" innerhalb der Staatsklassen wiederum werden sowohl von Rentenschwankungen, die ganz unterschiedliche Ursachen haben können, als auch von den Kräfteverhältnissen zwischen den an Renten(um)verteilung interessierten Akteursgruppen bestimmt.

Die anhaltende paradigmatische Wirkkraft des Elsenhans'schen Theorems, das nicht nur die Grabenkämpfe zwischen den großen Theorien unbeschadet überstanden hat, sondern auch nach mehr als dreißig Jahren unverzichtbares und vielfach genutztes Instrumentarium ernsthafter entwicklungspolitischer Analyse bildet, resultiert aus der innovativen und in sich stimmigen Kombination von Elementen und Perspektiven, die gemeinhin als Dichotomien dargestellt oder wahrgenommen werden: modernisierungs- und dependenztheoretische Argumentationsstränge, Struktur- und Akteursebene, innere und äußere Faktoren, Ökonomie und Politik, Staat und Gesellschaft. Richtungen des Weiterdenkens bieten sich mehrfach an. Sein Staatsklassentheorem ist und bleibt aktuell. Peter Gärtner

• Elsenhans, Hartmut: Zur Rolle der Staatsklasse bei der Überwindung von Unterentwicklung, in: Schmidt, Alfred (Hg.): Strategien gegen Unterentwicklung. Zwischen Weltmarkt und Eigenständigkeit, Frankfurt a. M./New York 1976, S. 250-265

• Elsenhans, Hartmut: Die Staatsklasse/Staatsbourgeoisie in den unterentwickelten Ländern zwischen Privilegierung und Legitimationszwang, in: Verfassung und Recht in Übersee, 10 (1977) 1, S. 29-42

• Elsenhans, Hartmut: Abhängiger Kapitalismus oder bürokratische Entwicklungsgesellschaft. Versuch über den Staat in der Dritten Welt. Frankfurt a. M./New York 1981

• Elsenhans, Hartmut: State, Class and Development, New Delhi 1996

• Elsenhans, Hartmut: Staatsklassen, in: Schulz, Manfred (Hg.): Entwicklung. Die Perspektiven der Entwicklungssoziologie. Opladen 1997, S. 161-185

• Elsenhans, Hartmut: Staatsklassen, in: Albrecht, Ulrich/Volger, Helmut (Hg.): Lexikon der Internationalen Politik. München/Wien 1997, S. 473-475

 

Europa: Ort zum Verständnis der Durchsetzung des Kapitalismus

Elsenhans hat keine eigene systematische Interpretation der europäischen Integration geliefert. Für ihn ist Europa der Ort, an dem sich zuerst der Kapitalismus durchsetzte und folglich historisch studieren lässt. So entwickelte Elsenhans idealtypische Strukturmerkmale kapitalistischer Systeme bzw. der Transformation: die Abschaffung von Marginalität und Rente durch steigende Produktivität in der Landwirtschaft, Steigerung der Masseneinkommen sowie Wettbewerb und technologische Innovation, die zu Investitionen und damit steigender Massennachfrage führen. Ausgelöst durch politische Zugeständnisse der feudalen Klasse ermöglichte dies die Emanzipation der Unter- und Mittelschichten.

Die Globalisierung wurde erst durch die Durchsetzung des Kapitalismus in Europa sowie Nordamerika ermöglicht. Der einheitliche europäische Markt zielte sowohl auf Schutz vor Konkurrenzdruck im Globalisierungsprozess als auch auf eine Reduktion der Rolle des Staates ab. Erweiterungsrunden hatten vor allem den Zweck, Märkte für führende EU-Länder zu erschließen. Der Euro sollte wiederum Abwertungswettläufe zwischen den Europäern verhindern und einen Wirtschaftsraum schaffen, der mit US-High-Tech-Industrien konkurrieren könnte. Der Euro und der Stabilitätspakt nehmen jedoch zurückliegenden Regionen, in denen traditionelle Industrien konzentriert sind, die Möglichkeiten, sich über Wechselkurs- und Budgetpolitiken der Globalisierung anzupassen. Das Geleitzugmodell (convoy model), welches das Aufholen zurückhinkender Länder wie Deutschland im 19. Jahrhundert ermöglichte, wird so ausgeschaltet. Dies führt zu Arbeitslosigkeit in rückständigen Regionen, belastet die Profite konkurrierender Kapitalisten und schwächt die Verhandlungsmacht von Arbeit. Die Institutionen der EU können auf Grund ihrer Finanzschwäche keine effektive Nachfragesteuerung leisten und müssen Arbeitslosigkeit tolerieren. In diesem System kann eine Anpassung nur durch Arbeitsmigration entstehen, deren Niveau aber auf Grund kultureller Barrieren momentan noch gering ist.

Schließlich interessieren Elsenhans auch die Außenbeziehungen Europas. Er widerspricht allerdings dem zivilisatorischen Fortschrittsgedanken vieler Beobachter, wonach die Weltwirtschaft in solidarischen multilateralen Foren zu steuern sei. Vielmehr zeigt bereits die wenig weitsichtige EU-Handelspolitik gegenüber seinen islamischen Nachbarn in Nordafrika und im Nahen Osten, wie wenig Europa für eine Modernisierung des Südens tut. Brechen Südländer aus den multilateralen Verhandlungsforen aus, wenn sie keine Vorteile mehr in ihnen sehen, sind neo-merkantilistische Schutzstrategien des Westens erwartbar. Mit Eliten einzelner Staaten könnten zwar Sicherheitspartnerschaften geknüpft werden, Entwicklungshilfe wird dann jedoch nur noch ein notwendiges Zubrot für solche Kooperationen darstellen. Zwar ist die Abschaffung von Marginalität und Unterentwicklung ein politisches Projekt, das Gesellschaften von innen erreichen müssen, da es die Emanzipation der Unterprivilegierten fordert und fördert. Elsenhans erinnert jedoch daran, dass der Westen dabei ist, die handelspolitische Tür für Reformkräfte des Südens zuzuschlagen. Das Geleitzugmodell, das Europa stark gemacht hat, wird dem Süden vorenthalten, statt es als Vorbild für aufholende Entwicklung im Weltmaßstab einzusetzen. Andreas Lange

• Elsenhans, Hartmut. 1983. Rising Mass Incomes as a Condition of Capitalist Growth: Implications for the World Economy. International Organization 37, 1: 1-39.

• Elsenhans, Hartmut. 1993. European Union, an Expanding Political Process: Defining its Limits. In Lall, K. B./Chopra, H. S./Meyer, T. (Hg.), EC-92, United Germany, and the Changing World Order. New Delhi, Radiant Publishers: 16-33.

• Elsenhans, Hartmut. 1994. Die Mitverantwortung Europas für außereuropäische politische Entwicklungen. Fortdauer der Dritten Welt und der Armut mit neuen Herausforderungen. Implikationen gesamteuropäisch verantworteter Wirtschaftspolitik im Hinblick auf die weltweite soziale Gerechtigkeit. In Hoppe, T. (Hg.), Auf dem Weg zu einer Europäischen Friedensordnung. Perspektiven und Probleme nach dem Ende des Kalten Krieges. Mainz, Matthias-Grünewald-Verlag: 83-118.

• Elsenhans, Hartmut. 1999. Globalization and the European Integration Process. International Studies 36, 3: 217-235.

• Elsenhans, Hartmut. 2006. The Euro in the World Economy. In Elsenhans, H./Jain, R. K./Narang, A. S. (Hg.), The European Union in World Politics. New Delhi, Radiant Publishers: 73-99.