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Verpflichtung, auf Missstände hinzuweisen

Interview von Jérôme Cholet mit dem Karikaturisten Gado, Nairobi

Godfrey Mwampembwa (Gado) ist der wohl berühmteste Karikaturist Ostafrikas. Seit über 15 Jahren arbeitet der gebürtige Tansanier in der kenianischen Hauptstadt Nairobi und kommentiert die aktuellen Ereignisse in der auflagenstarken Tageszeitung Daily Nation.

Der studierte Architekt und Filmwissenschaftler, der unter anderem in Italien und Kanada studierte, kam erst spät zur Karikatur. Sein Interesse gilt einer weiten Bandbreite politischer Themen, darunter dem Nord-Süd-Konflikt, den innerafrikanischen und nationalen Ereignissen als auch den internationalen Beziehungen. Seine Zeichnungen sind von beißender Ironie und explosiver Sprengkraft.

Dabei wird sein Werk auch international geschätzt, regelmäßig drucken die Washington Post, die französische Le Monde und der südafrikanische Business Day seine Karikaturen. Und Gado's Ausstellungen ziehen erfolgreich um die Welt, bislang waren sie in Deutschland, Tansania, Norwegen, Finnland und Italien zu sehen.

Der 44-jährige Karikaturist gilt schon lange als Stimme Afrikas und gehört zu den am besten vernetzten politischen Zeichnern der Region. Zwar fühlt er sich in Kenia frei, doch helfen Freunde manchmal dort, wo die Diktatoren aus den Nachbarländern sich zu sehr auf die Füße getreten fühlen. Denn immerhin gehören sie zu seinen liebsten Sujets. Redaktion

eins: Sie zeichnen gern die großen Staatschefs Afrikas - auf ganz besondere Art und Weise. Was fasziniert Sie an Politikern wie dem simbabwischen Diktator Robert Mugabe, dem ugandischen Präsidenten Yoweri Museveri oder dem kenianischen Präsidenten Mwai Kibaki?

Gado: Unsere politischen Führer in Afrika werden von den meisten Menschen mit Ehrfurcht behandelt. Sie waren daran gewöhnt, gelobt, gepriesen, umschmeichelt und vergöttert zu werden. Genau das will ich durchbrechen, ich liebe es, sie durch den Kakao zu ziehen.

eins: Begeben Sie sich damit in Unsicherheit?

Gado: Nein, nicht mehr. Die Zeiten sind vorbei. Wir Karikaturisten in Kenia haben lange dafür gearbeitet, uns endlich frei äußern zu können. Und wir haben es geschafft. Zwar mögen es unsere Präsidenten noch immer nicht gern, wenn wir sie lächerlich machen, aber sie haben sich daran gewöhnt und müssen es akzeptieren. Die vielen Comedy-Sendungen im Fernsehen haben wir erst möglich gemacht!

eins: Setzt Kenia in der Region Zeichen?

Gado: Ja, in vielen Ländern sieht das noch ganz anders aus, beispielsweise im Sudan oder in Simbabwe. Wenn ich Robert Mugabe als Pavian oder Schimpansen zeichne, kann mir der Repräsentant des Landes in Nairobi zwar einen Brief schreiben oder mich öffentlich kritisieren, mehr ist ihm aber nicht mehr möglich. In Kenia steht es gut um das Recht auf freie Meinungsäußerung.

eins: Sie haben Mugabe als Pavian gezeichnet - ist das nicht ein Schritt zu weit?

Gado: Ganz und gar nicht. Ich folge damit einem britischen Karikaturisten, der Tony Blair oft als Affen karikiert hat. Ich sehe da kein Problem. Und für mich als Afrikaner ist es einfacher als für einen Weißen, dem man Rassismus vorwerfen könnte.

Das Recht darauf, auch die Mächtigen zu demaskieren, haben wir uns hart erarbeitet. Und es macht unheimlich Spaß. Ich kann wirklich schockierende Porträts von höchsten Politikern zeichnen. Nur bei religiösen Themen bin ich vorsichtig, niemanden zu irritieren.

eins: Das heißt...

Gado: Ich sehe meine Aufgabe darin zu kommentieren. Die Kernfrage lautet also, welche Argumente liefere ich, wie weit kann ich Hintergründe oder Einsichten liefern. So lange ich triftige Gründe habe, gibt es kein Problem. Und genau das ist für mich die größere Herausforderung als einfach nur bloßzustellen.

eins: Tun Sie das nicht, wenn sie einen Politiker als Pavian darstellen?

Gado: Ganz sicher nicht. Mugabe allein ist gar nicht das Problem. Wenn Sie sich meine Karikaturen zu Simbabwe anschauen, stellen Sie schnell fest, dass ich auch seine Beschützer in der Afrikanischen Union, der Südafrikanischen Entwicklungsgemeinschaft und in den Nachbarländern thematisiere. Zudem sind Länder wie Großbritannien oder die Vereinigten Staaten von Amerika an dem Schicksal Simbabwes nicht ganz unschuldig. In einer ganz frischen Karikatur habe ich mich auch der Frage zugewandt, was geschehen soll, wenn Mugabe einmal Vergangenheit geworden ist. Darüber herrscht noch große Unklarheit.

eins: Es gibt auf Ihrer Internetseite eine ganze Rubrik mit Karikaturen, die Ihre Herausgeber nicht drucken wollten. Werden Sie in Ihrer Arbeit von den Auftraggebern eingeschränkt?

Gado: Nein, insgesamt kann ich hier tun und lassen, was ich will. Es gibt bei jedem Medium Grenzen und Gleichgewichte, die es einzuhalten gilt. Ich diskutiere meine Karikaturen oft mit den Blattmachern, feile an kleinen Details oder ziehe auch mal ein Bild zurück. Das hat dann mehr mit dem Kontext zu tun als mit der Zeichnung. Und am Ende gibt es dann ja noch das Internet, wo Menschen auf der ganzen Welt Einsicht nehmen können.

eins: Wann haben Sie zu zeichnen begonnen?

Gado: In der Mittelstufe, in der Schule - mit kleinen Comics. Die handelten dann von Situationen auf dem Pausenhof, Fußballspielen oder erzählten kurze Witze. An meinen ersten Comic kann ich mich schon gar nicht mehr erinnern. Erst zum Abitur wurde ich politisch.

eins: Gab es einen Auslöser?

Gado: Nein, einen konkreten Anlass gab es nicht. Als wir in London waren, brachte mein Vater immer die Magazine TIME und NEWSWEEK mit. Damit bin ich dann stundenlang verschwunden, habe mir die Gesichter der Menschen eingeprägt und die Berichte gelesen - über die Krisen, Katastrophen und Krankheiten dieser Welt.

eins: Und dann?

Gado: Irgendwann quoll es aus mir heraus und ich zeichnete wild los. Alles um mich herum schien politisch. Überall wurden Entscheidungen getroffen, Verträge geschlossen und Treffen abgehalten - die wollte ich einfangen und thematisieren.

eins: Wie sieht ein typischer Tag in Ihrem Leben aus?

Gado: Meistens gehe ich so um 7.00 Uhr ins Büro, dort empfängt mich dann ein ganzer Stapel Zeitungen und Zeitschriften, von lokalen über nationale bis zu internationalen Ausgaben. Ich wälze mich dann Seite um Seite durch die Berichte, höre dabei Radio und fange an, Skizzen zu machen. Mir sind Hintergründe am wichtigsten.

eins: Führen Sie ein ruhiges Leben?

Gado: Nein. Ich bin immer unter Druck, weil ich immer am Ball bleiben möchte. Jede Sekunde verändert sich die Welt oder aber es wird eine Veränderung verhindert. Das sind meine Themen. Ich bin also immer aufmerksam, beobachte, recherchiere. Über Fernsehen und Internet kann ich fast 24 Stunden pro Tag am Ball bleiben. Ich arbeite bis spät in den Abend.

eins: Gibt es Tage, an denen die Ideenfindung stockt?

Gado: Selbstverständlich. Das ist der frustrierendste Teil meiner Arbeit. Solche Tage gibt es tatsächlich. Und weil ich acht Karikaturen pro Woche abliefern muss, fühle ich mich dann schnell gestresst. Ich kann nicht verschweigen, dass ich am Ende oft unzufrieden mit den Ergebnissen bin oder mich irgendwie das Gefühl plagt, den Nagel noch immer nicht auf den Kopf getroffen zu haben.

eins: Was sind Ihre Tricks?

Gado: Ganz ehrlich: ich kenne keine. Es gibt gute und schlechte Zeiten, aber keinen Standardmechanismus, der mich am Ende sicher zu einer guten Idee oder Zeichnung führt.

eins: Verspüren Sie als Karikaturist eine Mission?

Gado: Ich versuche die Welt durch die Augen meiner Heimat zu sehen. Das ist eine neue Perspektive, ein ergänzender Beitrag, den ich nicht unterschätzen würde. Mir geht es nicht nur darum, Afrika mit der Welt zu verbinden, sondern auch der Welt eine afrikanische Sicht der Dinge nahe zu bringen. Tatsächlich eine herausfordernde Mission!

eins: Die Themen Ihrer Karikaturen sind sehr vielfältig, von Globalisierung über Fußball bis zu den afrikanischen Staatschefs und die Lage im Mittleren Osten. Fällt es da nicht schwer, unter die Oberfläche zu stoßen?

Gado: Selbstverständlich ist eine hohe Anzahl verschiedenster Themen schwer zu durchdringen - und das ist ja das Ziel meiner Arbeit. Aber ich möchte als afrikanischer Karikaturist nicht auf meinen Heimatkontinent festgelegt sein. Wir leben doch nicht in einem Vakuum, zahlreiche Entscheidungen der Weltpolitik haben auch für uns weitreichende Konsequenzen. Egal ob nun der Krieg im Irak, die Lage im Mittleren Osten oder die Amtshandlungen George W. Bushs.

eins: Welche Vorteile bringt der Arbeitsplatz Kenia mit sich?

Gado: Ich lebe im Herzen Afrikas, die Nähe ist mir sehr wichtig. Ich lebe am Puls des Kontinents, das bedeutet einen großen Vorteil, stellt aber auch eine interessante Herausforderung dar. Ich habe eine Zeit lang in Kanada gearbeitet und fühlte mich wie ein Outsider. Man kann nicht die Sichtweise Afrikas darstellen, wenn man nicht von der Umgebung inspiriert wird. Ich bin stolz auf Afrika.

eins: Und es gibt wirklich keine Einschränkungen?

Gado: Nein, in Kenia herrscht ein gutes Klima der Meinungsfreiheit, ähnlich wie vielleicht in Südafrika. Ich würde sogar sagen, dass wir hier fortgeschrittener sind als beispielsweise Russland, auch wenn sich das niemand vorstellen kann.

eins: In Kenia finden in diesem Jahr Präsidentschaftswahlen statt, wie schätzen Sie die Lage ein?

Gado: Ich bin sehr optimistisch. Kenia war lange Zeit ein Ein-Parteien-System. Als ich zu arbeiten begann, waren die ersten Veränderungen jedoch schon in vollem Gange. Das Land hat eine erstaunliche Entwicklung zur Demokratie durchgemacht und mit vielen Tabus gebrochen. Während meine Vorgänger für jede kritische Karikatur noch schlimme Konsequenzen fürchten mussten, fühle ich mich in meiner Arbeit frei.

Die letzten Wahlen vor fünf Jahren waren ein ziemlicher Erfolg. Jetzt finden wir neue Parteienkonstellationen vor, neue Themen stehen auf den Agenden und wir erwarten friedliche, faire und freie Wahlen. Ganz ehrlich: es wird immer besser hier.

eins: Sehen Sie das auch für den gesamten afrikanischen Kontinent so?

Gado: Wir sind auf dem richtigen Weg. Wahlen bedeuten jedoch nicht automatisch, dass das Land im Anschluss auch gut geführt wird. Wir müssen uns über Wahlen hinaus die Qualität der Regierungsführung genau anschauen.

Und darin sehe ich eine meiner Aufgaben: ich bin manchmal sehr grob. Aber das ist mein Job und als Karikaturist fühle ich dazu eine gewisse Verpflichtung. Ich möchte auf Missstände hinweisen, Diskussionen anregen. Dazu habe ich doch schließlich meine Lizenz gemacht!

 

Jérôme Cholet arbeitet als freier Journalist in Johannesburg, Südafrika. Mehr Informationen finden Sie unter: www.GADOnet.com