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Generalthema des 21. Jahrhunderts: Die Leitidee Nachhaltigkeit

Anmerkungen zum Bestseller von Jared Diamond

Michael Müller

Jared Diamonds historische Beispiele des Kollaps regen Michael Müller zu einem historischen Exkurs in den ökologischen Diskurs an. Zusammenfassend stellt er fest: Der Paradigmenwechsel, der erforderlich ist, damit der Kollaps verhindert wird, verlangt Entscheidungen in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft, die dauerhaft an sozial- und umweltverträgliche Bedingungen geknüpft sind mit dem Ziel, schonend, aber auch wirtschaftlich erfolgreich mit den begrenzten Ressourcen der Erde umzugehen. Das sei das Generalthema des 21. Jahrhunderts. Redaktion

Zu den großen Widersprüchen unserer Zeit gehört das eklatante Auseinanderfallen zwischen dem Wissen über die Zukunftsgefahren und dem unveränderten Alltagsverhalten. Seit den beiden Frühveröffentlichungen über die großen Zivilisationsgefahren, im Osten der Richta Report über die Qualität des Wachstums von 1968, im Westen der Meadows-Bericht über die Grenzen des Wachstums von 1972, gab es zahlreiche Studien über die reale Möglichkeit der ökologischen Selbstzerstörung und des Niedergangs selbst großer Staaten. Zu nennen sind beispielsweise „Ein Planet wird geplündert“ von Herbert Gruhl aus dem Jahr 1975, „Die Alternative“ von Rudolf Bahro in 1977, „Global 2.000“, der Bericht an den Präsidenten, aus dem Jahr 1980, „Wege zum Gleichgewicht“ von Al Gore in 1992 oder „Aufstieg und Fall der großen Mächte“ von Paul Kennedy aus dem Jahr 2000.

Und es gab – vor allem – die Arbeiten der Unabhängigen Kommission Umwelt und Entwicklung, der Brundtland-Bericht von 1987, der nicht nur eine schonungslose Bestandsaufnahme der Erde geliefert, sondern sie auch mit der großen Leitidee der nachhaltigen Entwicklung zur Gestaltung der Globalisierung präzisiert hat. Sie fand mit dem Erdgipfel von 1992 in Rio de Janeiro weltweite Anerkennung, blieb aber dennoch unter dem Druck weltweit offener und ungleicher Märkte weitgehend folgenlos.

Nun liegt mit „Kollaps“ ein Bestseller von Jared Diamond vor, der die Frage nach dem Todesstoß unserer heutigen Welt stellt. Wie kann die Erde, die so mächtig ist, zusammenbrechen, zumindest überwiegend ausgelöst durch die Zerstörung der ökologischen Ressourcen? Er weist nach, dass ein Ökozid, ausgelöst durch Methoden, die nicht nachhaltig sind, in Nahrungsknappheiten, Hungersnöte, Krieg um knappe Ressourcen und Spaltung der Welt führt. Dies entspricht auch der Geschichte, in der selbst starke Nationen, die nicht dumm und primitiv waren, auf dem Höhepunkt von Macht und Größe zusammenbrechen können. Diamond sieht einen solchen Ökozid in der globalen Zivilisation sogar als noch größere Bedrohung an als Atomkrieg und Krankheiten.

Danach erreicht sie einen neuen Höhepunkt, ausgelöst durch die Auszehrung der natürlichen Lebensgrundlagen und Klimaänderungen. Eine lange Entwicklung kommt an ihren Endpunkt, denn die Warnungen vor der Zerstörung der Natur reichen weit zurück, erste Mahnungen gegen die Vernichtung der Baumbestände am Mittelmeer stammen bereits aus der Zeit um Tausend vor Christi Geburt: „Wenn Du eine Stadt längere Zeit belagerst, sollst Du ihrem Baumbestand keinen Schaden zufügen“. Aristoteles berichtete detailliert über die Entwaldung und Bodenerosion an der türkischen Küste des ägäischen Meeres. Vor dem trojanischen Krieg war das Land von Mykene in einem sehr guten Zustand, danach wurde es trocken und öde: „Künftig geschieht, wie man annehmen muss, derselbe Vorgang, der sich in einem kleinen Gebiet ereignet hat, auch in ganz anderen Ländern und im großen Maßstab.“

Die Früchte des weißen Mannes: Ökologischer Imperialismus

Der ökologische Imperialismus, die Früchte des weißen Mannes, zieht sich durch die Menschheitsgeschichte. Die Überwältigung der fremden Menschen, Tiere und Pflanzen reicht vom Mongolenreich über den Siedlungs- und Handelskolonialismus und die Unterdrückung Chinas und Indiens bis zur Yankee-Eroberung der Indianer, verbunden mit einem rücksichtslosen Raubbau an Wald, Wild und Böden. In der „Reise eines Naturforschers um die Welt“ schrieb Charles Darwin: „Wo immer der Europäer seinen Fuß hingesetzt hat, scheint der Tod die Eingeborenen zu verfolgen. Wir können auf die großen Flächen von Amerika, nach Polynesien, dem Vorgebirge der guten Hoffnung und Australien hinblicken, wir finden überall dasselbe Resultat.“

In den nördlichen Zonen Europas wurden seit dem 6. Jahrhundert Wälder für Ackerland gerodet. Im 16. Jahrhundert, als die Zahl der Köhler für die Eisenverarbeitung und Glashütten stark zunahm, stieg auch der Bedarf für Brenn- und Bauholz rapide an. Georgius Agricola schilderte in „De re metallica“ die Auswirkungen der ersten Handwerksproduktion: „Die Erzminen zerstörten Weiden und Land, denn man brauchte Holz, um in den Minen zu arbeiten, und Sand, um Erze zu schmelzen. Das Baumfällen vernichtete Vögel und Tiere, die uns als Nahrung dienen. Der Holzmangel hob die hohen Preise – kurz: Die Minen schadeten mehr, als sie uns nützen.“

In Mitteleuropa entstanden in herzöglichen Erlassen erste Ansätze einer Umweltethik bei der Wasser- und Waldnutzung. Beispiele gibt es in allen Teilen der Welt: Terrassenbauten in Indonesien, China oder den arabischen Ländern, Wasserbaukulturen in Venedig oder Holland, Forstordnungen in einer Vielzahl von Ländern. Der Wald verkörperte in Europa wie kein anderes Gut das Interesse am Schutz und dem Erhalt der Natur. Mit ihm verbindet sich der Beginn ökologischer Nutzung, um die Regenerationsfähigkeit der Wälder zu erhalten. So verfasste John Evelyn 1664 mit Sylvia den ersten Aufforstungsappell der Neuzeit. Daraus wurde 1980 in der „Weltstrategie für die Erhaltung der Natur“ der International Union for the Conservation of Nature der Grundsatz der Nachhaltigkeit: „Aus einem Wald darf nur so viel entnommen werden als dort auch nachwächst.“

Dennoch ist die europäische Geschichte von „Naturvergessenheit“ (Günter Altner) gekennzeichnet. Thomas von Aquin nannte die „vorgegebene natürliche Neigung, die allen Substanzen eigen ist, die Selbsterhaltung“, die „allen Sinnenwesen gemeinsam ist, die Arterhaltung“. Zur Entsinnlichung der Natur trugen in Europa, das nach den aufreibenden Kreuzzügen geistig und wirtschaftlich angeschlagen war, die grauenhaften Religionskriege, der hemmungslose Kolonialismus und das massenhafte Auftreten der Pest bei.

Aber auch in der Moderne entwickelte René Descartes die leitende Maxime, dass die Natur nur in einer Weise zu erfassen sei, die mathematisch berechenbar ist. Descartes begründete einen mechanistischen Naturbegriff. Er zerlegte die Natur in mathematische Einheiten und blendete dabei das aus, was nicht in Zahlensystemen erfassbar war: „Ich war nie in Verlegenheit, womit anzufangen sei. Denn ich wusste schon, es müsse mit den einfachsten und fasslichsten Objekten geschehen.“ Descartes isolierte die Natur, statt ihre Kreisläufe und Zusammenhänge zu erfassen.

Von der Außen- und Umwelt zur Mitwelt

In dieser Sichtweise ist die Natur für die Menschen nicht die Mitwelt, sondern die Außenwelt oder die Umwelt. Die Pioniere der neuzeitlichen Wissenschaften wie Galileo Galilei, Isaac Newton oder Johannes Kepler übernahmen die Auffassung von der Unterwerfung der Natur. Sie sahen darin die entscheidende Bedingung für eine exakte Naturerklärung auf der Basis der analytischen Geometrie. Dieser Determinismus löste die mittelalterliche, auf Aristoteles aufbauende Naturwissenschaft ab, die von der Zielbestimmung der Dinge her dachte. In der Folge dominierte bis weit in das letzte Jahrhundert hinein eine Anthropozentrik, die den Mensch als Herr und Meister sieht und die Ökologie als ein sich selbst regulierendes System der Arterhaltung versteht. John Locke, einer der wichtigsten Denker der Aufklärung und Begründer des englischen Empirismus, definierte den Weg des Menschen zum Glück in der „Negation der Natur“. Auch Immanuel Kant behauptete in seiner Kritik der Urteilskraft, dass „ohne den Menschen die ganze Schöpfung umsonst und ohne Endzweck seyn würde“.

Gegenteilige Beispiele für ein vernunftbetontes Verhältnis Mensch-Natur sind deshalb ungeheuer wichtig wie die Anbaukulturen der Mayas. Allerdings wären diese Regelwerke nicht in der Lage, auch noch der Komplexität, Fließgeschwindigkeit und Wandelbarkeit der natürlichen Stoffkreisläufe gerecht zu werden, mit denen die rasant wachsende Menschheit seit dem Beginn der Industrialisierung konfrontiert ist. Aurelio Peccei, der Gründer des Club of Rome, kam zu dem Fazit, dass „die Eigendynamik des exponentiellen Wachstums mit der wachsenden Komplexität seiner Wechselbeziehungen zur sozialen und natürlichen Umwelt und mit seinen gewaltigen Fernwirkungen auf die Zukunft immer mehr zu einer Gleichung mit Unbekannten wird“.

Nicht nur die bereits bekannten Schädigungen beunruhigen, es existiert noch immer ein hohes Unwissen über mögliche Folgen, Wechselwirkungen und Verstärkungseffekte der anthropogenen Eingriffe in die Stoffkreisläufe. Die Fachwissenschaft wurde immer wieder von Zusammenbrüchen in den natürlichen Systemen überrascht. Das großflächige Waldsterben von 1983 wurde nicht frühzeitig erkannt, auch nicht der radikale Zusammenbruch der Ozonschicht in der Stratosphäre. 1985 gab es den großen Schock im antarktischen Eislabor, als britische Wissenschaftler der Station Halley Bay erstmals das so genannte Ozonloch feststellten. Als im südpolaren Frühling die Sonne zurückkam und die Stratosphäre erwärmte, hatte die Dichte der Moleküle, die unser Leben schützen, um mehr als 40 Prozent abgenommen. Der Zusammenbruch des chemischen Systems erfolgte so schnell, dass die Forscher ihren Messergebnissen erst gar nicht trauen wollten.

Die industrielle Zivilisation hinterlässt immer tiefere Fußabtritte in der Natur. Tag für Tag trampeln Milliarden Füße auf der Erde herum. Die Natur wird als Müllkippe missbraucht, zubetoniert, versiegelt oder verbrannt. Bei 6,5 Milliarden Menschen ist die Situation bereits ungleich zugespitzter als Mitte des 20. Jahrhunderts, als die Weltbevölkerung noch 2,5 Milliarden zählte. Bei zehn bis zwölf Milliarden Erdbewohnern, die noch in diesem Jahrhundert zu erwarten sind, werden Nutzungsgrenzen erreicht werden, die menschliche Aktivitäten prinzipiell limitieren. Die Natur setzt der Entwicklung von Gesellschaft und Ökonomie sowohl durch die Endlichkeit der Naturgüter als auch in der Belastbarkeit der Stoffkreisläufe Grenzen, die nur um den Preis von Katastrophen überschritten werden können.

Ehrlicher Begriff von Wachstum

Jedes Fortschrittskonzept muss von daher den Schutz und die Regenerationsfähigkeit der Naturgüter ins Zentrum rücken. Das setzt einen ehrlichen Begriff von Wachstum und Wertschöpfung voraus, der die wirtschaftliche Entwicklung auch unter ökologischen und sozialen Gesichtspunkten bewertet. Dazu ist die Aufstellung der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen zu verändern, damit im Bruttosozialprodukt die externen Kosten von Produktion und Konsum bei uns und in den armen Ländern nachgewiesen und in die Preis- und Entscheidungsfindung einbezogen werden. Eine ökologische Finanzreform ist in jedem Fall eine notwendige, wenn auch keine hinreichende Bedingung für eine nachhaltige Entwicklung.

Eine Entwicklungsstrategie für den Süden, die nicht die sozialen und ökologischen Fehler der Vergangenheit wiederholt, plus ein Umbauprogramm für den Norden, beides unter dem Dach der Nachhaltigkeit, eröffnen den Ausweg. Aber nur, wenn es eine gemeinsame Sicherheit und eine gemeinsame Zukunft gibt. In der Leitidee der Nachhaltigkeit ist dieser Grundgedanke des engen Zusammenhangs zwischen Ökonomie, Ökologie und sozialer Gerechtigkeit verankert. Ohne den Schutz der natürlichen Lebensgrundlagen gibt es keine Solidarität mit künftigen Generationen, ohne soziale Gerechtigkeit kann die ökologische Modernisierung nicht geschultert werden.

Zusammengefasst heißt der Paradigmenwechsel, den eine Verhinderung des Kollaps verlangt: Die Entscheidungen in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft werden um eine zeitliche Perspektive (dauerhaft) erweitert und an qualitative Bedingungen (sozial- und umweltverträglich) geknüpft, um pfleglich und schonend, aber auch wirtschaftlich ertragreich mit den begrenzten Ressourcen der Erde umzugehen. Das ist das Generalthema des 21. Jahrhunderts. Mit der Nachhaltigkeit wird die Umwelt zur Mitwelt.

In der Nachhaltigkeit verbinden sich Effizienz, Suffizienz und Konsistenz zu einer Strategie des qualitativen Wachstums. Im Kern ist Nachhaltigkeit eine Zeitpolitik. Sie erfordert eine bewusste Strukturierung der Zeit, denn sie ist untrennbar verbunden mit einer „Ökologie der Zeit, die den Regenerationsrhythmen der Natur Rechnung trägt“. Hier liegt der schärfste Gegensatz zu den vorherrschenden ökonomischen Entscheidungsmustern. Nachhaltigkeit ist unvereinbar mit der Kurzfrist-Ökonomie, die durch ihre Ausrichtung auf ein kapitalmarktorientiertes Management die Globalisierung prägt. Von daher sind mit der Konkretisierung der Nachhaltigkeit harte Konflikte vorprogrammiert, um unsere Gesellschaft zukunftsfähig zu machen.

 

Michael Müller (SPD-MdB) ist Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit.