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Kollaps wie auf der Osterinsel?

Warum Gesellschaften überleben oder untergehen

Jared Diamond

Jared Diamonds „Kollaps“ wurde unmittelbar nach seiner Veröffentlichung in den USA zum Bestseller. Schon das ist ein Zeichen, welche Befürchtungen eine wachsende Zahl von Menschen auch in den USA umtreibt. Dabei befasst sich Diamond noch nicht einmal mit den politischen Weltkonflikten und kriegerischen Brandherden unserer Zeit, die den globalen Kollaps noch vor dem ökologischen Zusammenbruch möglich erscheinen lassen. Einer Metapher für den Planeten Erde gleich ist der Kollaps auf der Osterinsel, der kein Nachbar zur Hilfe eilen konnte. Ein Wetteifern um die kultischen Steinskulpturen (siehe Bild) waren ein Grund des Zusammenbruchs.

Wir haben Experten um Kommentare zu dem Buch gebeten. Fausta Borsani, Migros (Zürich), Michael Müller, Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesumweltministerium und Prof. Udo E. Simonis kommentieren die Thesen von Diamond. Redaktion

Ursprünglich hatte ich mir vorgestellt, „Kollaps“ würde von einer Art romantischem Rätsel handeln: von dem Rätsel der Gesellschaften, die in früheren Zeiten zusammengebrochen sind, so dass nur verlassene Städte und Denkmäler zurückblieben. Wer wäre nicht fasziniert von den aufgegebenen, vom Dschungel überwucherten Tempeln der Mayakultur in Mexiko, von den verlassenen Wolkenkratzern der Anasazi-Indianer in der Wüste Nordamerikas, oder von den umgestürzten Steinstatuen auf der Osterinsel im Pazifik? In den letzten Jahrzehnten haben die Archäologen herausgefunden, dass viele dieser romantisch-rätselhaften Zusammenbrüche ihre Ursache zum Teil in Umweltschäden hatten: Die Menschen hatten ihr Land unabsichtlich übervölkert und damit ihre Lebensgrundlage zerstört – Wälder, Böden, Wasservorräte und Fischgründe.

In meinem Buch beschreibe ich fünf solche gescheiterten Gesellschaften: die Maya, die Anasazi, die Bewohner der Osterinsel, die ersten Siedler auf der Insel Pitcairn im Pazifik und die Wikinger in Grönland, die um 1450 zu Grunde gingen – womit bewiesen war, dass ein Zusammenbruch nicht nur exotische oder angeblich primitive Völker wie Polynesier oder Indianer heimsuchen kann, sondern auch blauäugige, blonde europäische Christen, die Kathedralen gebaut hatten und ihre Schriften auf Lateinisch verfassten.

Aber nicht alle Gesellschaften sind zusammengebrochen, in vielen Teilen der Welt haben sie Jahrtausende überlebt. Warum konnten manche Gesellschaften die gleichen Umweltprobleme lösen, an denen andere zu Grunde gingen? Deshalb beschreibe ich in meinem Buch auch einige langfristige Erfolgsgeschichten über die Gesellschaften in Island und Japan, im Hochland Neuguineas und auf der Insel Tikopia. So wurde mein Buch kein bedrückender, pessimistischer Bericht über das unvermeidliche Scheitern, sondern es ist vorsichtig optimistisch.

Und schließlich reicht es nicht, ein Buch nur über die Gesellschaften vergangener Zeiten zu schreiben. Auch heute stehen alle Gesellschaften in unterschiedlichem Ausmaß den gleichen Bevölkerungs- und Umweltproblemen gegenüber wie die Gesellschaften früherer Epochen. Darüber hinaus haben wir es aber auch mit neuen ökologischen Problemen zu tun, die in der Vergangenheit unbekannt waren. Vielleicht müssen wir die fehlgeschlagenen Experimente der historischen Zeit nicht wiederholen. Vielleicht können wir aus der Vergangenheit etwas Entscheidendes lernen, insbesondere wenn wir uns darüber bewusst sind, in welcher Hinsicht sich unsere heutige Welt von der Welt früherer Zeiten unterscheidet. Also enthält mein Buch auch Kapitel über fünf moderne Gesellschaften, die ich ausgewählt habe, weil an ihnen ganz unterschiedliche Entwicklungen deutlich werden: der US-amerikanische Bundesstaat Montana, die Karibikinsel Hispaniola, Ruanda, China und Australien.

Fünf Faktoren des Zusammenbruchs

Anfangs sollte es eine Studie über Zusammenbrüche werden, die auf die Einwirkungen der Menschen auf die Umwelt zurückzuführen sind. Aber im Lauf meiner Untersuchungen wurde mir klar, dass Geschichte nicht so einfach funktioniert. Kein Zusammenbruch hat seine Ursache ausschließlich in den ökologischen Auswirkungen der Menschen. So gelangte ich zu einer Liste mit fünf Faktoren, die ich durchgehe, wenn ich wissen will, warum eine Gesellschaft zusammenbricht oder überlebt. Wie sich dabei herausstellt, sind nicht alle diese Faktoren für das Schicksal aller Gesellschaften von Bedeutung. Manche spielten für einige Gesellschaften eine Rolle, für andere aber nicht. Es handelt sich um folgende fünf Faktoren:

Erstens Probleme bei der Bewirtschaftung eines Dutzends verschiedener ökologischer Ressourcen, die für das Überleben einer Gesellschaft unentbehrlich sind. Zu diesen Ressourcen und Problemen gehören Wasser, Boden, Wälder, Fischgründe und biologische Vielfalt, Giftstoffe, eingeschleppte Arten, und andere.

Ein zweiter Faktor sind Klimaveränderungen. Bei diesem Wort denken wir heute an die von Menschen verursachte globale Erwärmung. Aber in der Vergangenheit kam es häufig zu einem regionalen oder lokalen Klimawandel, der nicht von Menschen verursacht wurde: Es wurde kälter oder wärmer, trockener oder feuchter, und das war für die Gesellschaften der Menschen entweder ein Vor- oder Nachteil. Häufig stellt sich heraus, dass Probleme, die durch ökologische Auswirkungen des Menschen und durch Klimaveränderungen verursacht werden, untereinander in Wechselbeziehung stehen; unter Umständen kann eine Gesellschaft es sich leisten, ihre Umwelt zu schädigen, solange das Klima günstig ist, aber wenn die Klimaverhältnisse sich verschlechtern, bricht dieselbe Gesellschaft zusammen.

Ein dritter Faktor sind Feinde. Die meisten Gesellschaften haben Nachbarn, von denen manche vorübergehend feindselig eingestellt sind. Solange eine Gesellschaft stark ist, kann sie sich ihre Feinde vom Leib halten. Wird sie aber durch innere – ökologische oder andere – Probleme geschwächt, nutzen die Feinde in der Nachbarschaft natürlich ihren Vorteil und erobern sie. Deshalb verbergen sich Zusammenbrüche, die eigentlich ökologische Ursachen haben, häufig hinter militärischen Niederlagen.

Der vierte Faktor auf meiner Liste ist das Gegenteil des dritten: abnehmende Unterstützung durch freundlich gesonnene Handelspartner. Die meisten Gesellschaften sind zumindest mit einigen lebenswichtigen Ressourcen auf Handelspartner angewiesen. Eine Gesellschaft, die ihre eigenen ökologischen Probleme gut im Griff hat, kann also trotzdem in Gefahr geraten, wenn sie von unentbehrlichen Importwaren abgeschnitten wird, weil es bei ihren Handelspartnern zu Zusammenbrüchen oder Veränderungen kommt.

Der letzte Faktor auf meiner Liste schließlich ist die eigene Reaktion der Gesellschaft auf ihre Probleme. Wie die Schwierigkeiten auch aussehen mögen, immer müssen wir fragen: Warum gelingt es der einen Gesellschaft, damit fertig zu werden, während die andere ganz ähnliche Probleme nicht lösen kann und zusammenbricht? Wie eine Gesellschaft reagiert, hängt von wirtschaftlichen, politischen, sozialen und kulturellen Institutionen ab, also von einer ganzen Reihe von Faktoren, die man stets in Betracht ziehen muss.

Beispiel Osterinsel

Bis hierher mögen meine Ausführungen vielleicht abstrakt und theoretisch wirken. Deshalb möchte ich jetzt ein konkretes Beispiel beschreiben: den Zusammenbruch der polynesischen Gesellschaft auf der Osterinsel im Südostpazifik. Die Osterinsel ist das abgelegenste Stückchen Land der Erde. Berühmt wurde sie durch ihre riesigen, bis zu zehn Meter hohen Steinstatuen, die bis zu 80.000 Kilo wiegen. Diese Statuen mussten aus dem Stein gehauen, bis zu 20 Kilometer weit transportiert und auf Plattformen an der Küste in eine senkrechte Position gebracht werden, und das von Menschen, die weder Maschinen noch Wagen, Zugtiere oder Metallwerkzeuge besaßen.

Aber 1722, als die ersten Europäer auf die Osterinsel kamen, fanden sie das ödeste Eiland des gesamten Pazifikraumes vor, eine trockene Graslandschaft ohne einen einzigen Baum. Andererseits hatte man wahrscheinlich Holz gebraucht, um die Statuen zu transportieren und aufzurichten, denn dazu waren Schlitten oder Rollen oder Hebel notwendig, außerdem auch Pflanzenfasern zur Herstellung von Seilen. Wo waren die Bäume, die den Inselbewohnern Holz und Seile geliefert hatten?

Des Rätsels Lösung haben mittlerweile die Ausgrabungen von Archäologen und Paläobotanikern geliefert. Als die ersten Polynesier um 800 die Osterinsel besiedelten, war sie von einem subtropischen Wald bedeckt, in dem auch die größten Palmen der Welt standen. Im weiteren Verlauf wurden die Bäume aus den üblichen Gründen abgeholzt: Die Siedler brauchten Land für ihre Felder, Naturfasern und Holz für den Transport und zum Aufrichten der Statuen, Brennholz und Bauholz für ihre Häuser und Holz für große Kanus, damit sie auf dem Meer die Thunfische und Delphine jagen konnten. Sie holzten immer mehr Bäume ab, und um 1680 fiel der letzte Baum der Insel. Als es so weit war, konnten die Inselbewohner keine neuen Statuen mehr herstellen, denn jetzt fehlten ihnen Holz und Seile, um sie zu transportieren und aufzurichten.

Der letzte Baum

Nachdem keine Bäume mehr die Felder vor Winderosion schützten und Blätter als Dünger hinterließen, gingen die Nutzpflanzenerträge zurück. Ohne Kanus konnten die Menschen keine Thunfische und Delphine mehr fangen. Als Fleischlieferanten nutzten sie nun die einzigen großen Tiere auf der Insel: Menschen. Die Gesellschaft auf der Osterinsel brach in einer Epidemie aus Kannibalismus und Krieg zusammen. Rivalisierende Sippen stürzten gegenseitig die Statuen um, die ihre Vorfahren mit so großer Anstrengung errichtet hatten, und zerstörten sie. Durch Hungersnot und Kämpfe ging die Bevölkerung um ungefähr 90 Prozent zurück.

Das Schicksal der Gesellschaft auf der Osterinsel kommt einem Zusammenbruch aus rein ökologischen Gründen so nahe wie kein anderer, den wir kennen. Es war ein ökologischer Selbstmord oder Ökozid. Wir haben keine Anhaltspunkte, dass Klimaveränderungen dabei eine Rolle gespielt hätten, und da die Insel so abgelegen war, wird die Interpretation auch nicht durch Einflüsse von Feinden oder freundlichen Handelspartnern erschwert.

Das ist der Grund, warum der Zusammenbruch auf der Osterinsel die Menschen heute nach meiner Erfahrung stärker bewegt als der Zusammenbruch jeder anderen Gesellschaft in der Geschichte. Die Parallele zu unserer derzeitigen Situation liegt nur allzu deutlich auf der Hand: Die abgelegene Osterinsel im Pazifik ist eine Metapher für den Planeten Erde unserer Tage, der isoliert im Weltraum schwebt. Als die Bewohner der Osterinsel in Schwierigkeiten gerieten, weil sie ihre Umwelt ruiniert hatten, konnten sie niemanden um Hilfe bitten, und es gab keine andere Welt, in die sie sich flüchten konnten. Genauso geht es uns Erdenbewohnern auch heute: Wenn wir unseren Planeten zu Grunde richten, werden uns keine Außerirdischen helfen, und wir können uns in keine andere Galaxis flüchten.

Erfolgsgeschichten

Solche Berichte von Gesellschaften, die ihre Probleme nicht lösen konnten und zusammenbrachen, sind bedrückend. Aber es gibt in Vergangenheit und Gegenwart auch zahlreiche Erfolgsgeschichten, Geschichten von Gesellschaften, die wie die Bewohner der Osterinsel ihre Probleme hatten, sie aber lösen konnten und deshalb überlebten.

Eine solche Erfolgsgeschichte handelt vom Japan der Tokugawazeit, der Periode von 1603 bis 1867. Sie begann mit der Wiedervereinigung Japans unter den Tokugawa-Shoguns, politischen Führern, die durch einen militärischen Sieg eine 150-jährige Phase des Bürgerkrieges beendeten. Als nun Frieden und Wohlstand einkehrten, stürzte Japan paradoxerweise in eine Umweltkrise. Ihre Ursache war die Waldzerstörung, das gleiche Problem, das so viele Gesellschaften zu Grunde gerichtet hat – in historischer Zeit auf der Osterinsel und bei den Maya, in der Gegenwart beispielsweise in Haiti und Ruanda. Um 1660 erkannten die Shoguns, dass die Waldzerstörung für ihr Land zum Problem wurde: Um Holz für Schlösser und Städte zu gewinnen, musste man jetzt bereits den langen Weg bis zum Nordende der japanischen Inselgruppe auf sich nehmen.

Die Shoguns und die ganze übrige japanische Gesellschaft lösten die Probleme durch eine Kombination aus negativen und positiven Maßnahmen. Die negativen Maßnahmen bestanden darin, den Holzverbrauch zurückzuschrauben: Häuser wurden in Leichtbauweise errichtet, man führte effizientere Herde und Öfen ein, nutzte die Sonnenwärme und verwendete Kohle als Brennstoff. Zu den positiven Maßnahmen gehörte eine Steigerung der Holzproduktion durch neu angelegte Baumplantagen. Auf diese Weise wurde Japan in der Tokugawazeit mit einer nachhaltigen Holzproduktion völlig autark. Heute ist Japan zwar das am dichtesten bevölkerte Industrieland, es ist aber auch das Industrieland mit dem größten Anteil an bewaldeten Flächen: Er beträgt 74 Prozent.

Fehler der Vergangenheit

Warum fällte ein Bewohner der Osterinsel den letzten Baum? Oder allgemeiner gefragt: Warum entschließen sich Menschengruppen ganz offensichtlich dumme Dinge zu tun, die zu ihrem eigenen Untergang führen? Auch für Historiker ist diese Frage eine Überraschung – sie kommt so überraschend, dass manche führenden Geschichtswissenschaftler nicht glauben mögen, dass Gesellschaften tatsächlich etwas so Dummes tun und beispielsweise alle ihre Bäume fällen. Aber in Wirklichkeit wissen wir alle, dass Gruppen genau wie einzelne Menschen tatsächlich schlimme Fehler begehen. Und wie sich herausstellt, haben solche Fehler häufig komplizierte, faszinierende Gründe:

Erstens kann es sein, dass eine Gruppe oder Gesellschaft ein Problem nicht voraussieht, bevor es sich stellt. Das kann verschiedene Ursachen haben. Vielleicht hat man mit solchen Problemen noch keine Erfahrung, oder man zieht falsche Analogieschlüsse. Heute ist beispielsweise allgemein bekannt, dass der Klimawandel oder die globale Erwärmung, die auf die Produktion von Treibhausgasen durch die Menschen zurückgeht, eines der schwerwiegendsten Probleme unserer Zeit darstellt. Warum haben wir dieses Problem nicht schon vor 30 Jahren vorausgesehen und entsprechend vorgebeugt? Die Antwort: Wir hatten mit so etwas noch keine Erfahrung.

Zweitens kann man sich vorstellen, dass eine Gesellschaft ein Problem selbst dann nicht wahrnimmt, wenn es bereits aufgetreten ist. Das kann daran liegen, dass das Problem sich sehr langsam entwickelt oder dass seine Ausprägung anfangs unsichtbar bleibt. Auch hier können wir die globale Erwärmung als Beispiel heranziehen. 30 Jahre mussten vergehen, bevor alle fachkundigen Klimaforscher überzeugt waren, dass sich hinter den zufälligen, von Jahr zu Jahr unterschiedlichen Temperaturschwankungen wirklich ein langfristiger Trend zur Erwärmung verbarg.

Drittens, und das ist vielleicht die größte Überraschung, erkennt eine Gesellschaft unter Umständen ein Problem, aber sie versucht dennoch nicht, es zu lösen. Wiederum gibt es dafür eine ganze Reihe von Gründen: Interessenkonflikte, Konflikte mit tief verwurzelten Wertvorstellungen, die Tragödie der Gemeingüter, und so weiter. Wie kommt es beispielsweise, dass die Fischereiflotte der Europäischen Union (EU) zu den schlimmsten Übeltätern gehört, wenn es um die Überfischung der Weltmeere geht? Der Zusammenbruch vieler Fischgründe, der sich bereits ereignet hat, und der derzeitige Zusammenbruch anderer Fischgründe auf der Erde sind schädlich für die Menschen in der EU, denn sie berauben sich damit selbst einer Quelle für preisgünstiges Protein. Die schlechte Strategie hat ihre Ursache in einem klassischen Interessenkonflikt: Auf kurze Sicht profitieren die einzelnen Fischer in der EU stark von den staatlichen Subventionen, ohne die ihre Kutter weniger Gewinn oder sogar Verlust einbringen würden. Auf lange Sicht sind sie aber für die gesamte EU, einschließlich der Fischer, von Nachteil.

Lektionen für die Gegenwart

Dass man aus der Untersuchung von Gesellschaften früherer Zeiten für die Gegenwart etwas lernen kann, liegt auf der Hand. Die Geschichte zeigt uns Tausende von natürlichen Experimenten für die Verwaltung von Gesellschaften. Wenn wir aus diesen Experimenten nichts lernen und unnötigerweise noch einmal die gleichen Fehler machen, gibt es dafür keine Entschuldigung. Allerdings kann man nicht einfach von der Vergangenheit auf die Gegenwart schließen. Zwischen Früher und Heute gibt es Unterschiede, die wir in Rechnung stellen müssen, wenn wir aus der Vergangenheit einen Nutzen ziehen wollen.

Die einfachste Lektion aus der Geschichte lautet: Wir müssen Umwelt- und Bevölkerungsprobleme ernst nehmen. In vielen Fällen schlagen wir uns heute mit den gleichen Problemen herum, die Gesellschaften früherer Zeiten zum Verhängnis wurden: Probleme mit Wasser, Boden, Bevölkerung, Wäldern, Fischgründen, biologischer Vielfalt und eingeschleppten Tier- und Pflanzenarten. Neben diesen alten Problemen stehen wir vor einigen neuen, die in früheren Zeiten nur eine geringe oder gar keine Rolle spielten: Probleme mit Energie, giftigen Chemikalien, vom Menschen verursachten Klimaveränderungen, der Obergrenze der Photosynthese und den ökologischen Auswirkungen pro Kopf.

Eine weiter reichende Lektion aus der Vergangenheit hat mit der Rolle der politischen Führungsgestalten und der wohlhabenden Elite einer Gesellschaft zu tun. Beim Vergleich erfolgreicher und gescheiterte Gesellschaften ist mir aufgefallen, dass ein Unterschied in der Rolle ihrer Führungsgestalten liegt. Wenn diese sich von den Folgen ihrer eigenen Handlungen abschotten können, sind Schwierigkeiten vorprogrammiert: Dann fehlt ihnen die persönliche Motivation, Handlungsweisen zu vermeiden, mit der sie ihrer Gesellschaft Schaden zufügen.

Neben diesen Erkenntnissen über die Bedeutung der Elite können wir aus der Vergangenheit eine andere wichtige Lektion ableiten, die mit der Bereitschaft zu tun hat, tief verwurzelte Werte neu zu überdenken. Wenn sich die äußeren Bedingungen ändern, ist das für eine Gesellschaft unter Umständen schwierig und schmerzhaft: Möglicherweise muss sie eine Wertvorstellung auf den Prüfstand stellen und aufgeben, weil diese Vorstellung der Gesellschaft zwar in der Vergangenheit gute Dienste geleistet hat, ihr aber unter den neuen, veränderten Bedingungen keinen Nutzen mehr bringt. Außerdem ist mir beim Vergleich erfolgreicher und gescheiterter Gesellschaften aufgefallen, dass die gescheiterten Gesellschaften häufig an veralteten Wertvorstellungen festgehalten haben und dann zusammengebrochen sind.

Besondere Gefahr durch Globalisierung

Einige der Unterschiede zwischen früheren und heutigen Gesellschaften machen unsere derzeitige Situation gefährlicher als die Lage früherer Gesellschaften: Heute leben viel mehr Menschen, die über eine viel mächtigere Technologie mit größerem Zerstörungspotenzial als die Menschen früherer Zeiten verfügen. Auf der Osterinsel waren 10.000 Menschen mit steinernen Äxten mehr als 800 Jahre beschäftigt, bevor alle Bäume auf ihrem kleinen Eiland gefällt waren. Heute haben wir sechseinhalb Milliarden Menschen mit Stahlwerkzeugen, Kettensägen und Bulldozern, die die Wälder auf der ganzen Welt viel schneller zerstören.

Auch ein anderer Unterschied macht unsere heutige Situation gefährlicher: die Globalisierung. Als die Gesellschaft auf der Osterinsel zusammenbrach, war das ein räumlich eng begrenzter Vorgang. In der übrigen Welt wusste niemand davon, und niemand sonst war betroffen. Heute sind solche lokalen Zusammenbrüche wegen der Globalisierung nicht mehr möglich. Eine Katastrophe, ganz gleich, wo sie geschieht, kann sich auf weit entfernte Länder auswirken.

Globalisierung bedeutet schnellere Kommunikation und schnelleren Transport guter und schlechter Dinge in beiden Richtungen. Lokale ökologische Katastrophen können durch die Globalisierung zu Problemen der ganzen Welt werden. Daran erkennt man deutlich, wie stark die Globalisierung dazu beiträgt, dass unsere heutige Situation noch gefährlicher wird. Heute droht nicht nur die Gefahr einiger lokaler Zusammenbrüche nach Art der Osterinsel, sondern es besteht das Risiko eines weltweiten Niedergangs.

Vorsichtiger Optimismus

Diese beiden Unterschiede zwischen Vergangenheit und Gegenwart sind Anlass zu Pessimismus. Dennoch würde ich mich selbst als vorsichtigen Optimisten bezeichnen. Ja, wir stehen schwer wiegenden Problemen gegenüber, aber es sind ausschließlich selbst gemachte Probleme, und wenn wir wollen, können wir aufhören, diese Probleme zu verursachen. Der wichtigste Grund zum Optimismus ist für mich die moderne Kommunikation. Wir schalten morgens den Fernseher ein und sehen, was am gleichen Tag in Somalia und Haiti geschieht. Als die Bewohner der Osterinsel dagegen 1680 ihren letzten Baum fällten, hatten sie keinen Fernseher und konnten nicht sehen, wie das gleiche Problem der Waldzerstörung in Japan zur gleichen Zeit gelöst wurde und wie das gleiche Problem sich in Haiti gerade entwickelte.

Heute sagen uns die Archäologen, wie die Bewohner der Osterinsel, die Maya und andere Gesellschaften sich durch die Vernichtung ihrer Wälder selbst zerstörten. Als die Bewohner der Osterinsel ihren letzten Baum fällten, hatten sie keine Archäologen, die ihnen sagen konnten, wie die Maya, die Anasazi und andere frühere Gesellschaften sich bereits durch das Fällen ihrer Bäume zu Grunde gerichtet hatten. Diesen einzigartigen Vorteil haben wir gegenüber allen früheren Gesellschaften: Zum ersten Mal in der Geschichte sind wir in der Lage, von anderen Gesellschaften zu lernen, die von uns in Raum und Zeit weit entfernt sind. Deshalb bin ich vorsichtig optimistisch. Meine Hoffnung lautet: Wir werden uns dafür entscheiden, diesen einzigartigen Vorteil zu nutzen, und damit entscheiden wir uns auch dafür, unsere Probleme zu lösen.

Der Text ist eine gekürzte und überarbeitete Fassung der Werner-Heisenberg-Vorlesung der Siemens Stiftung, die Diamond im Mai 2005 in München zu seinem Buch gehalten hat. Für den Abdruck danken wir Jared Diamond und dem S. Fischer Verlag, der das Buch im Herbst 2005 in deutscher Übersetzung herausgebracht hat.

 

Jared Diamond ist Professor an der University of California für zwei ganz unterschiedliche Disziplinen: Geographie und Physiologie. Für sein Buch „Arm und Reich. Die Schicksale menschlicher Gesellschaften“ (Originaltitel: „Guns, Germs and Steel“) erhielt er 1998 den Pulitzer-Preis.