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Was Dietrich Bonhoeffer mir bedeutet

Naigzy Gebremedhin

Dietrich Bonhoeffer wurde am 4. Februar 1906 geboren. Ich hatte das Glück, Anfang Februar in Berlin zu sein, als der 100. Geburtstag des Theologen und Widerstandskämpfers gefeiert wurde. Das bot mir Gelegenheit, darüber nachzudenken, was er für mich als Afrikaner bedeutet.

Ich bin eritreischer Architekt, geboren und aufgewachsen in Addis Abeba, Äthiopien. Ich studierte Planung und Konstruktion. Ich las, was Bonhoeffer über Planung schrieb, und es inspirierte mich. Jegliche Planung, schrieb er, die Individuen und Gesellschaften unternehmen, ist wertlos, wenn die Kraft zum Handeln fehlt. Wie wahr! Meine Haltung als Planer und Architekt änderte sich radikal, nachdem ich Bonhoeffer gelesen hatte. Von ihm lernte ich, dass ich zweifeln darf, ohne ewiger Verdammnis anheim zu fallen.

Es war meine Tochter Marta, die mir Dietrich Bonhoeffer nahe brachte. 1986 schickte sie mir das Buch „Briefe und Aufzeichnungen aus der Haft“. Sie studierte damals Naturwissenschaften an der Universität London. Seitdem hat Bonhoeffer mein Leben stark beeinflusst. Was bedeutet er für mich als Afrikaner?

Da sind vor allem seine Botschaften, die Afrikaner ebenso wie andere inspirieren, weil wir Teil der ganzen Menschheit sind. Es sind seine Botschaften von universeller Tragweite, Botschaften über Gemeinschaft, „Civilcourage“, Wille, Zweifel und Gewissheit, Einsamkeit und Stille, Gebet und Fürbitte, Botschaften über das Zuhören, über Kleinmut und Autorität.

Ich habe gelesen, was Bonhoeffer über „Civilcourage“ schrieb und schöpfte Mut aus seinem Gedanken, dass man im mutigen Wagen des Glaubens verantwortlich handeln kann. Er schrieb, dass Gott jedem vergibt und ihn tröstet, der bei diesem Wagnis zum Sünder wird. Welche Verheißung!

Besonders beeindruckt hat mich, dass er von seinen Auslandsreise nach Deutschland zurückkehrte, obwohl er genau wusste, dass sein Leben gefährdet war. Seine mutige Entscheidung führte schließlich zu seinem vorzeitigen und grausamen Tod. Wie viele von uns Afrikanern zogen es vor, sich nicht entschieden der brutalen Gewalt entgegenzustellen? Wie viele von uns verhalten sich wie die „Deutschen Christen“, die stillschweigend die Brutalitäten jener Zeiten hinnahmen? Und wie viele von uns würden zu Bonhoeffers mutiger „Bekennenden Kirche“ gerechnet werden?

1994 leitete ich ein eritreisches Team, das mit der Ausarbeitung eines nationalen Umweltschutzplans für unser Land beauftragt war. Unsere Gruppe von 13 Eritreern, fast alle ehemalige Freiheitskämpfer, studierte zahlreiche Dokumente unterschiedlichster Art. Ein spezielles Dokument, ein unter diesen Umständen gewiss ungewöhnliches, war Bonhoeffers Werk „Briefe und Aufzeichnungen aus der Haft“. Einmal wöchentlich durfte ich einen ausgewählten Brief aus Bonhoeffers Buch kopieren und verteilen und die Diskussion darüber leiten. Da gab es einen Punkt, der besonders lebhafte Debatten auslöste, nämlich das „Vertrauen auf die eigene Kraft“. Der eritreische Befreiungskampf, insbesondere seine Avantgarde, die Eritreische Befreiungsfront (EPLF – Eritrean People’s Liberation Front), hatte Vertrauen in die eigene Kraft („self-reliance“) als ein sakrosanktes Konzept in ihr Wertesystem aufgenommen: ein Konzept, das alle Aspekte des Lebens während des Unabhängigkeitskrieges bestimmte.

Uns fiel auf, dass Bonhoeffer in seinen Schriften argumentiert, dass ausschließliches Vertrauen in die eigene Kraft ein Mythos ist und dass es – für Individuen wie für Gesellschaften – von fundamentaler Bedeutung ist, zu wissen, wann man sich an andere wenden und wann man sich auf sich allein verlassen soll.

Nach ausgiebigen Diskussionen kamen wir zu dem Schluss, dass Bonhoeffer recht hatte. Auf Seite 2 des Abschlussberichts zu Eritreas Nationalem Umweltmanagementplan, der 1995 angenommen wurde, stellten wir diese einmütige Ansicht des Teams dar: „Wir müssen anerkennen, dass vollständige Autarkie (‘self-sufficiency’) ein Mythos ist und dass wir viele natürliche Ressourcen mit Nachbarländern teilen. Wir Eritreer und unsere Regierung müssen deshalb globale und regionale Bündnisse für eine ökologisch nachhaltige Entwicklung fördern. Bei der Suche nach neuen Wegen der Zusammenarbeit mit unseren Nachbarn, insbesondere mit Äthiopien, sollten wir eine führende Rolle einnehmen.“

Wie wunderbar wäre es gewesen, wenn einer solch noblen Gesinnung tatsächlich gefolgt worden wäre. Aber es hat nicht sein sollen. Hätte Bonhoeffer, dieser mutige Mensch, dies miterleben müssen, so wäre er zutiefst enttäuscht gewesen. Wir bekannten uns schriftlich zu seinen Ideen, schafften es aber nicht, entsprechend zu handeln. Stattdessen kam es zu einem blutigen Krieg, der 70.000 Männern und Frauen das Leben kostete. Diese traurige Geschichte hat mich nicht entmutigt, Bonhoeffer weiterhin zu lesen. Ich werde weiterhin inspiriert von diesem Mann des Glaubens und der Tapferkeit. Er ist mein Held.

(Aus dem Englischen von Eberhard Jennerjahn)

Naigzy Gebremedhin, eritreischer Staatsbürger, hat Architektur studiert. Er war Abteilungsleiter beim UN Umweltprogramm (UNEP) in Nairobi. Im Herbst 2006 ist im Deutschen Architekturzentrum in Berlin eine Ausstellung zur Architektur Asmaras geplant, deren Ehrenvorsitzender Gebremedhin ist.