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Lateinamerikanistik in Deutschland - Quo vadis?

Akademisches Wissen über Südamerika fällt Sparzwängen zum Opfer

Von Peter Birle

Akademisches Wissen über Südamerika fällt Sparzwängen zum Opfer
Mit dem Umbau der deutschen Hochschulen geraten Fachbereiche ins Hintertreffen, deren ökonomische Inwertsetzung zumindest unmittelbar nicht möglich erscheint. Regionalforschungen geraten besonders schnell unters Rad, denn die theoretische Legitimierung ihrer Studien wird in Deutschland - anders als etwa in den USA - gerne angezweifelt. Wie auch die Afrikastudien (wir publizierten zu deren Bedeutungsverlust ein Interview mit Rainer Tetzlaff in Ausgabe 3/2003 und eine Übersicht über Afrika-Zentren in 10/2006) hat die Lateinamerikanistik in den letzten Jahren an Boden verloren. Wichtige Lehrstühle wurden nicht oder mit anderer inhaltlicher Ausrichtung neu besetzt. Wenn Deutschland international mehr Verantwortung übernehmen will, ist die Vernachlässigung der Regionalwissenschaften fahrlässig, argumentiert Peter Birle.  Redaktion

Im Juli 2006 hat der Wissenschaftsrat (WR) seine "Empfehlungen zu den Regionalstudien ("area studies") in den Hochschulen und außeruniversitären Forschungseinrichtungen" vorgelegt. Mit erfreulicher Deutlichkeit wird in dieser Stellungnahme darauf hingewiesen, wie wichtig regionalspezifische Kompetenz gerade in unser heutigen Zeit einer beschleunigten Globalisierung ist: "Mit der zunehmenden Einbindung in globale Handlungszusammenhänge ist der Bedarf an fundiertem Wissen über andere Regionen angewachsen. Regionalstudien sind nachgefragter denn je. Parlamente, Regierungen, Medien, Unternehmen, Verbände und entwicklungspolitische Organisationen, die in ihren Handlungsbereichen regionalspezifisches Wissen benötigen, fordern praxisrelevante Forschung und Beratung, um mit den Veränderungen vor Ort Schritt halten zu können."

Leider scheint diese Botschaft des wichtigsten deutschen Wissenschaftsgremiums an vielen Universitäten bislang allenfalls ansatzweise Gehör zu finden. Viele Vertreter der Fachdisziplinen betrachten die Regionalforschung mit Skepsis. Etablierte Regionalforschungseinrichtungen und viele einzelne Professuren mit Regionalbezug wurden und werden in Zeiten von Sparzwängen und notwendigen Umstrukturierungen in Frage gestellt.

Seit Mitte der 1990er Jahre fand an vielen Hochschulen ein Generationenwechsel statt, der für die Lateinamerikaforschung zum Teil gravierende Konsequenzen hatte. Professoren, die über viele Jahre hinweg die Lateinamerikaforschung in ihrer jeweiligen Disziplin mit geprägt hatten, schieden aus dem Universitätsbetrieb aus, beispielsweise in Augsburg (Prof. Waldmann), Heidelberg (Prof. Nohlen), Mainz (Prof. Mols, Prof. Garzón Valdés), Marburg (Prof. Nuhn) und Münster (Prof. Schrader, Prof. Eschenburg).

Während ein natürlicher Generationenwechsel keinen Anlass zur Sorge bieten müsste, hat das Ausscheiden der Hochschullehrer jetzt dazu geführt, dass an den jeweiligen Standorten die Lateinamerikaforschung entweder ganz verschwunden ist oder massiv beschnitten wurde. Dies war möglich, weil die einzelnen Professuren keinen institutionalisierten Lateinamerikabezug aufwiesen. So gibt es beispielsweise in der Politikwissenschaft in ganz Deutschland nur zwei Professuren, die laut Stellenprofil einen expliziten Lateinamerikabezug aufweisen (Prof. Boeckh in Tübingen, Prof. Braig in Berlin). Die nicht vorhandene Institutionalisierung der Lateinamerikaforschung an anderen Hochschulen konnte dazu führen, dass Professuren in wachsendem Maße in die jeweiligen Mutterdisziplinen "zurückgeholt" wurden und der Lateinamerikabezug verloren ging.

Glücklicherweise gibt es andere Standorte, an denen seit den 90er Jahren jüngere Kollegen, deren Professuren ebenfalls keinen expliziten Lateinamerikabezug aufweisen, zumindest teilweise zu Lateinamerika lehren und forschen, beispielsweise in Bochum (Prof. Schirm), Kassel (Prof. Burchardt) und Rostock (Prof. Werz). Gleichwohl stellt sich die Frage, ob nicht eine stärkere Institutionalisierung des Lateinamerikabezuges eines Mindestmaßes von Professuren in jeder Disziplin sinnvoll und notwendig wäre, wie dies beispielsweise in der Geschichtswissenschaft der Fall ist.

Professuren für Iberische und Lateinamerikanische Geschichte existieren in Berlin (Prof. Rinke), Bielefeld (Prof. Büschges), Eichstätt (Nachfolge Prof. König), Erfurt (Prof. Schmidt), Hamburg (Nachfolge Prof. Pietschmann), Köln (Prof. Potthast, Prof. Zeuske) und Leipzig (Prof. Riekenberg). Nur durch eine derartige Institutionalisierung des disziplinenspezifischen Regionalbezuges kann sichergestellt werden, dass über Jahrzehnte aufgebaute regionalspezifische Bibliotheksbestände, Datenbanken und sonstige Forschungsinfrastrukturen an einzelnen Standorten nicht plötzlich überflüssig werden, während sie andernorts dringend benötigt würden. Und nur so kann eine langfristige Kontinuität der Lehre und Forschung zu Lateinamerika an einzelnen Standorten gewährleistet werden. Diese Kontinuität ist nicht nur für deutsche Studierende wichtig, sie würde auch einer besseren Profilierung der deutschen Lateinamerikaforschung im internationalen Umfeld dienen und mehr Klarheit beispielsweise für Doktoranden aus anderen Ländern bieten.

Mangelnde Verankerung der Lateinamerikanistik
Die Situation der auf Lateinamerika bezogenen Lehre und Forschung an deutschen Hochschulen ist je nach Fach sehr unterschiedlich. Relativ gut institutionalisiert ist die geschichtswissenschaftliche Lateinamerikaforschung, während die politikwissenschaftliche, soziologische, ethnologische und wirtschaftswissenschaftliche Lateinamerikaforschung kaum in entsprechenden Professuren verankert ist.

Selbst etablierte universitäre Lateinamerikainstitute wie die an der Freien Universität Berlin oder an der Katholischen Universität Eichstätt müssen inzwischen bei jeder anstehenden Stellenneubesetzung fürchten, dass die entsprechende Professur entweder ganz gestrichen, von der jeweiligen Mutterdisziplin für sich beansprucht oder zumindest gehaltsmäßig zurückgestuft wird. Gerade in Zeiten von Sparmaßnahmen wird es immer schwieriger, die Regionalinteressen im Konkurrenzkampf der Fakultäten zu behaupten. So wurde das "Centro Latinoamericano" (CELA) der Universität Münster zum 31.3.2006 komplett geschlossen. Damit ging nicht nur ein lateinamerikaorientierter Regionalstudiengang verloren. Auch das Erbe eines prominenten Linguisten wie Wolf Dietrich, dessen Atlanten zu indigenen Sprachen der Amerikas breite internationale Anerkennung gefunden haben, und vor allem die mühsam aufgebauten Netzwerke zwischen zu Lateinamerika arbeitenden Sprach-, Literatur- und Sozialwissenschaftlern werden in Zukunft nicht mehr so institutionell verankert sein, wie sie es eigentlich verdient hätten.

Damit ist auch das bisweilen schwierige Verhältnis zwischen Regionalforschung und Fachdisziplinen insbesondere im Bereich der Sozialwissenschaften angesprochen. Wissenschaftliche Zusammenhänge sind in der deutschen Wissenschaftstradition nur selten von einer gegebenen Region her gesehen worden. Während in den USA bereits nach dem Ersten Weltkrieg und verstärkt nach dem Zweiten Weltkrieg interdisziplinär organisierte Regionalstudien ("area studies") entstanden, war dies in Deutschland erst ab den 60er und 70er Jahren des 20. Jahrhunderts der Fall.

Zerrbilder der Regionalforschung
Und trotz des Aufbaus einiger Regionalforschungsinstitute blieb der Mainstream der deutschen Sozialwissenschaften eindeutig auf die Erforschung der Industrieländer konzentriert, d.h. stark OECD-lastig. So suchte man in einer "Einführung in die Vergleichende Politikwissenschaft" lange Zeit vergeblich nach systematischen Informationen über lateinamerikanische oder afrikanische Länder. Sich mit einer Region wie Lateinamerika näher zu befassen und regelmäßig zu Forschungsaufenthalten dorthin zu fahren, betrachtete manch ein einschlägiger Fachvertreter eher als "Hobby" der entsprechenden Kollegen denn als seriöse Wissenschaft.

Mit der Ausbreitung von behavioralistischen und "rational choice"-Ansätzen sowie dem Bedeutungsgewinn quantitativ-statistischer Methoden im Mainstream der sozialwissenschaftlichen Disziplinen seit den 1980er Jahren gerieten viele Regionalforscher zusätzlich in die Kritik. Man warf ihnen fehlende Theoriekenntnisse, mangelndes Methodenbewusstsein und eine Vernachlässigung der zentralen Inhalte ihrer Fächer vor. Ihre Arbeiten seien viel zu deskriptiv, sie beschrieben lediglich, statt zu erklären - und wenn sie zu erklären versuchten, dann machten sie es falsch, weil sie viel zu sehr auf Makro-Konzepte wie "Kultur" setzten statt auf statistische Methoden und "rational choice". "Rational choice"-Ansätze oder zu deutsch "Theorien der Rationalen Wahl" versuchen, komplexe soziale Handlungen mit Hilfe möglichst einfacher Modellannahmen zu erklären.

Solcherlei Kritik war nicht immer unbegründet, aber oft wurden Zerrbilder der Regionalforschung gezeichnet. Dies war allerdings auch deshalb möglich, weil sich viele Regionalforscher ihrerseits lange Zeit zu wenig für den jeweiligen Mainstream ihrer Disziplin interessiert haben. Sie publizierten nicht in den einschlägigen Fachzeitschriften, sondern in regionalbezogenen Zeitschriften, sie beteiligten sich nur selten an den Kongressen der jeweiligen Mutterdisziplin und engagierten sich kaum in den jeweiligen Verbänden. Inzwischen hat sich dies zumindest teilweise geändert, aber nach wie vor bedeutet es für die meisten Regionalforscher einen schwierigen Spagat, gleichzeitig in ihrer jeweiligen area community und in der Mutterdisziplin präsent zu sein. Es gibt durchaus Ansätze einer stärkeren Zusammenarbeit zwischen Regionalforschung und Fachdisziplinen, beispielsweise den an der Freien Universität Berlin angesiedelten Sonderforschungsbereich 700 "Governance in Räumen begrenzter Staatlichkeit". Die indische Ethnologin Shalini Randeria hat allerdings zu Recht darauf hingewiesen, dass es in einem derartigen Forschungskontext nicht darum gehen darf, von Seiten des Mainstreams die Länder des Südens lediglich als neue Studienobjekte zu "entdecken". Notwendig sei eine stärkere Kooperation mit Forscher/innen aus diesen Ländern und eine Berücksichtigung ihrer Theorieproduktion.

Mehr als eine Hilfswissenschaft
Regionalforschung kann und muss mehr sein als eine Art Hilfswissenschaft, die den etablierten Vertretern des jeweiligen Fach-Mainstreams einige zusätzliche Daten liefert. Damit Regionalforschung nicht auf diese Rolle reduziert wird, müssen sich allerdings auch die Regionalforscher mehr in die jeweiligen Mutterdisziplinen einbringen. Sie müssen sich die Frage stellen, welche Impulse aus der auf Lateinamerika bezogenen Regionalforschung für ihre Fachdisziplin gewonnen werden können und solche Impulse aktiv in Tagungen, Zeitschriften und Diskussionen ihrer jeweiligen Fächer einbringen.

In diesem Zusammenhang ist von beiden Seiten Anschlussfähigkeit notwendig: Die Vertreter der Fachdisziplinen müssen offen sein für Impulse aus der Regionalforschung, auch für Implikationen, die sich daraus für Theorie und Methode ergeben; die Regionalforscher müssen ihrerseits methodisch und theoretisch auf der Höhe der Zeit sein und über den Tellerrand ihrer jeweiligen Region blicken.

Werfen wir nochmals einen Blick auf die Erklärung des Wissenschaftsrates. Dort heißt es: "Nur wenn die wissenschaftlichen Einrichtungen in Deutschland - und zwar im Verbund von Universitäten und außeruniversitären Forschungseinrichtungen - auch in Zukunft ein breites Spektrum an Expertise in den Regionalstudien sicherstellen, wird es den hiervon betroffenen Akteuren in Deutschland auf Dauer möglich sein, mit ihren Partnern in anderen Regionen der Welt erfolgreich zu kommunizieren."

Es stellt sich die Frage, wie diese Regionalexpertise im Hinblick auf Lateinamerika in Zukunft gewährleistet werden kann. Zunächst einmal ist festzustellen, dass es dazu umfassenderer Kenntnisse zu den Strukturen der lateinamerikabezogenen Lehre und Forschung an universitären und außeruniversitären Einrichtungen bedarf, als sie gegenwärtig zur Verfügung stehen. Die im Anhang der Empfehlungen des Wissenschaftsrates zu findende Auflistung von Lehr- und Forschungseinrichtungen zu Lateinamerika bietet nur eine grobe Orientierung. Auch eine von der Arbeitsgemeinschaft Deutsche Lateinamerikaforschung ADLAF im Jahr 2006 durchgeführte Studie zu den lateinamerikabezogenen Regionalstudiengängen in Deutschland (www.adlaf.de) war nur ein erster Schritt, um die neuen Strukturen aufzuzeigen, die im Zuge der Einführung gestufter Studiengänge an den deutschen Universitäten bereits entstanden sind oder geplant sind. Das Ibero-Amerikanische Institut in Berlin führt gegenwärtig eine Untersuchung zu Stand und Perspektiven der sozial- und geisteswissenschaftlichen Lateinamerikaforschung in Deutschland durch, deren Ergebnisse in einigen Monaten vorliegen sollen.

Deutschland braucht ein Mindestmaß an Lateinamerikakompetenz

Derartige Informationen sind gerade in einem föderalen Land wie Deutschland dringend notwendig, denn es ist eindeutig festzustellen, dass der Abbau von lateinamerikabezogenen Lehr- und Forschungskapazitäten in den vergangenen Jahren nicht etwa einem wie auch immer gearteten "Masterplan" folgte, sondern eine Konsequenz aus einer Fülle von Einzelentscheidungen an verschiedenen Universitäten in einzelnen Bundesländern war. Notwendig ist daher in Zukunft eine bessere Information, Koordination und Abstimmung zwischen Universitäten, Ländern und Bund, denn nur so kann eine leistungsfähige Regionalforschung zu Lateinamerika erhalten werden.

Niemand wird erwarten, dass Lateinamerika an allen deutschen Hochschulen auf den Lehrplänen steht und Thema der Forschung ist. Aber gerade ein Land wie Deutschland, das hochgradig in die Weltwirtschaft und in globale Zusammenhänge eingebunden ist, braucht als Grundlage seines internationalen Handelns auf globaler Ebene ein Mindestmaß an wissenschaftlich fundierter Lateinamerikakompetenz.

Es ist längst bekannt, dass die beschleunigte Globalisierung nicht zu einer weltweiten Homogenisierung führt, sondern zu einer (Wieder-)Entdeckung regionaler Diversität im Sinne historischer, kultureller, ökonomischer, politischer und religiöser Identitäten. Diese Diversität zu kennen und das entsprechende Wissen durch Forschung und Lehre an nachfolgende Generationen weiterzugeben, sollte eigentlich eine Selbstverständlichkeit sein und darf nicht von Konjunkturen und Moden abhängen.

Denn zweifellos hatte Lateinamerika in den 1990er Jahren in Deutschland keine große Konjunktur. Nach dem Ende der revolutionären Träume der 1970er Jahre, als Lateinamerika auch für Teile der deutschen Linken zur Projektionsfläche für eigene Zukunftsprojekte wurde, und dem Ende der Diktaturen in vielen Ländern Lateinamerikas stellte sich in den meisten Ländern der Region "demokratische Normalität" ein - so zumindest sah es aus der Ferne aus. Für die deutsche Öffentlichkeit und die hiesigen Medien war das offenbar nicht sonderlich interessant. Erst mit dem vermeintlichen Linksrutsch der vergangenen Jahre in Lateinamerika ist erneut ein verstärktes Interesse der deutschen Politik und der Öffentlichkeit an der Region spürbar. Die lateinamerikabezogene Forschung und Lehre darf jedoch nicht von derartigen Konjunkturen abhängig sein, sie braucht verlässliche und dauerhafte Strukturen.


eins Entwicklungspolitik 4-2007