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Ein Weltkulturerbe

Asmara - Afrikas heimliche Hauptstadt der Moderne

Omar Akbar und Naigzy Gebremedhin

Asmara, die Hauptstadt Eritreas, beherbergt eine der größten Kollektionen
modernistischer Architektur weltweit. Im Rahmen der Stadterweiterung in den 1930er Jahren entstand ein einmaliges Ensemble an Bauten, das als italienische Interpretation des "International Style" in seiner Bedeutung mit Städten wie Tel Aviv, Miami South Beach oder dem neuseeländischen Napier vergleichbar ist. Mit der Befreiung Eritreas 1991 begann auch die Wiederentdeckung der selbst in Expertenkreisen kaum bekannten räumlichen und baulichen Qualitäten Asmaras als ein eindrucksvolles Beispiel des Städtebaus des 20. Jahrhunderts. Diese Wiederentdeckung der Moderne in Asmara bietet nicht nur die Chance, die urbanen und architektonischen Qualitäten und Potenziale der europäischen Stadt der Moderne im internationalen Raum zu betrachten. Ihre Besonderheit fordert geradezu auf, die Rezeption der europäisch geprägten Moderne und ihre Entfaltung in der Welt genauer zu erforschen.


Die Stadt Asmara in ihrer heutigen Form entstand aus einer Ansammlung von Dörfern. Mit der Besetzung Eritreas durch Italien 1889 entwickelte sie sich zur Hauptstadt des Landes. Die Planungsprinzipien und Baustile waren europäischen Tendenzen um die Jahrhundertwende verpflichtet. Um den noch bescheidenen Stadtkern erfolgte ab 1935 eine gewaltige Erweiterung, ausgelöst durch das imperialistische Engagement Mussolinis in Ostafrika. Asmara sollte zu einem neuen Rom des "Africa Orientale Italiana" werden.
Bis 1941 verwandelte sich Asmara von einer relativ provinziellen Stadt europäischen Stils in eine Metropole und eine der modernsten Städte Afrikas. Das heutige Erscheinungsbild wurde in diesem Zeitraum geprägt. Italienische Architekten entwarfen und bauten für den Bedarf der wachsenden Stadt. Es entstand ein Spektrum an Bauten der Moderne, das im Stadtzentrum auf einer Fläche von rund vier Quadratkilometern die verschiedensten architektonischen Bewegungen und Besonderheiten jener Zeit vereint: die meisten von ihnen in der Architektursprache der Architettura Razionale, der italienischen Moderne der 1920er und 1930er Jahre.
Diesen besonderen Teil des historischen Erbes der Stadt Asmara stellte 2001 die eritreische Regierung auf Initiative des CARP (Cultural Assets Rehabilitation Project) unter Denkmalschutz. Zurzeit laufen Bemühungen um die Aufnahme des Stadtkerns von Asmara in die Liste des Weltkulturerbes der UNESCO.

Internationale Architektur zu Beginn des 20. Jahrhunderts
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts sagten vor allem junge europäische Architekten dem Historismus den Kampf an, um eine neue internationale Architektur zu entwickeln, die dem Wesen des weltweit fortschreitenden Industriezeitalters Ausdruck verleihen sollte. Die Lösungsvorschläge waren sehr heterogen, vom radikal revolutionären Bruch mit der Vergangenheit bis hin zu gemäßigten Reformen.
Ab Mitte der 1920er Jahre begannen sich in den verschiedenen Strömungen des Neuen Bauens zunehmend verbindende Merkmale in der Gestaltung der Gebäude heraus zu kristallisieren, die 1932 von Henry-Russell Hitchcock und Philip Johnson in ihrem legendären Buch "The International Style" zusammengefasst und zum weltweit anerkannten Kanon der klassischen Moderne wurden.
Die italienische Architektur blieb bis Mitte der 1920er Jahre unbeeinflusst von der europäischen avantgardistischen Moderne, die vor allem in Holland (De Stijl), Deutschland (Bauhaus) und Frankreich (Le Corbusier) ihre Zentren hatte. Erst 1926 entwickelten junge Mailänder Architekten, bekannt als Gruppo 7, mit zunächst an Walter Gropius (Internationale Architektur, 1925) und Le Corbusier (Vers une architecture, 1922) geschulten Manifesten und dann 1927 mit Entwürfen auf der Dritten Internationalen Ausstellung der dekorativen Kunst in Monza die italienische Variante der avantgardistischen modernen Architektur, die man in Italien Razionalismo nannte.
Zur Zeit des größten Wachstums Asmaras ab Mitte der 1930er Jahre sahen sich die italienischen Architekten vor einer Fülle von neuen, sehr umfangreichen Bauaufgaben. Durch das Neue Bauen versuchten sie sich ganz bewusst von der Tradition der klassischen italienischen Bauweise, aber auch von der lokalen afrikanischen Architektur zu lösen.

Stadtplanung
Zu Beginn der 1930er Jahre war die Stadtplanung zum zentralen Thema der modernen Architektur geworden. Aus Sicht internationaler Vertreter des Neuen Bauens hatten die Städte noch nicht die notwendige Anpassung an die Erfordernisse des Maschinenzeitalters vollzogen. Weltweit konstatierten sie für die Städte Ordnungslosigkeit und sahen die elementaren biologischen, psychologischen und hygienischen Bedürfnisse der Einwohner gefährdet. Vor diesem Hintergrund wurde 1933 bei dem legendären IV. Internationalen Kongress der Modernen Architektur (CIAM) an Bord des Passagierdampfers Patris während einer Kreuzfahrt durch das Mittelmeer die "Charta von Athen" für die "funktionale Stadt" formuliert. Den Kern der Erklärung bildete die Aufteilung der Stadt in Zonen nach den vier Schlüsselfunktionen Wohnen, Arbeiten, Erholung und Verkehr. Das Verkehrsnetz sollte die Verbindung und den reibungslosen Austausch zwischen den Zonen und dem Umland ermöglichen.
Unter italienischer Herrschaft wurde zwischen 1913 und 1938 eine Anzahl von städtischen Erweiterungsplänen vorbereitet. Die wichtigsten Stadtplaner von Asmara waren Odoardo Cavagnari (1916), Vittorio Cafiero (1938) und Guido Ferraza. Die frühen Pläne von Cavagnari zeigten erste Ansätze einer Einteilung nach Rassenkategorien. 1930 war die Stadt schließlich in vier Zonen geteilt: das Wohnviertel der Einheimischen im Norden mit hoher Dichte und unregelmäßiger Struktur, die diagonalen Blocks der Industriezone, das Villenviertel der Europäer und die Mischzone um den Markt. In ihr waren die für beide Bevölkerungsgruppen gleichermaßen bedeutsamen administrativen und gewerblichen Funktionen angesiedelt. Des Weiteren beherbergte diese Zone die zentralen kulturellen Einrichtungen und war mit Wohnungen durchsetzt.
Als das faschistische Italien 1937 begann, eine strikte und doktrinäre Rassenpolitik zu verfolgen, wurde die Stadtplanung modifiziert. Wohnsitz und Arbeitsplatz der eritreischen Bevölkerung wurden auf dafür vorgesehene Gebiete beschränkt. Bereits bestehende Siedlungen der
eritreischen Mittelklasse wurden abgebaut und die Einwohner in ein kleineres Gebiet nordwestlich des heutigen Geschäftsviertels umgesiedelt. Der 1938 von Cafiero vorgelegte Entwicklungsplan verdeutlicht die Philosophie der Rassentrennung. Er sieht ein Viertel für die Einheimischen etwas entfernt vom Quartier der Italiener vor, das durch eine kommerzielle und industrielle Mischzone abgetrennt ist. In dieser war es nur den gebildeten Einheimischen erlaubt, Umgang mit den Italienern zu pflegen. Das Viertel der Einheimischen wurde außerdem durch einen Grüngürtel abgetrennt.
Obwohl bis zur Niederlage der Italiener 1941 nicht genug Zeit blieb, den Cafiero-Plan vollständig umzusetzen, ist er heute noch im Stadtbild Asmaras deutlich zu erkennen. Das übervölkerte "Eingeborenenviertel" existiert noch heute, wenn auch nicht mehr unter dieser Bezeichnung. Es gibt dort seitdem unverändert keine Grünflächen oder öffentlichen Raum.

Architektur
Mit dem Ausbau zur Hauptstadt und zum Verwaltungs- und Repräsentationszentrum der italienischen Kolonie seit 1900 stellte sich den Architekten in Asmara eine Vielzahl an Bauaufgaben. Verwaltung und Banken, Schulen und Kirchen, Post, Theater und Justiz verlangten nach repräsentativen Gebäuden.
Es entstand eine Architektur, die auf bewährte Formelemente vergangener Stilepochen wie die italienische Gotik, die Renaissance, den Barock, die Romanik und den Klassizismus zurückgriff. Die Architektur blieb zunächst weitgehend historisierend und dabei an den Vorbildern des italienischen Mutterlandes orientiert.
In den meisten repräsentativen Gebäuden Asmaras, die vor 1935 gebaut wurden, ist dieser Historismus sichtbar. So entstand beispielsweise die Bank von Eritrea im Stil der Neugotik, der Gouverneurspalast und das Postgebäude im Stil des Neoklassizismus, die Universität von Asmara im Stil des Neobarock und das Theater von Asmara im Stil der Renaissance.
Über Jahrhunderte wurde Eritrea von den Kulturen und Religionen der unterschiedlichen Machthaber wie Ägypter, Osmanen bis hin zu den Europäern beeinflusst. Sie hinterließen im Lauf der Geschichte Spuren, die die Kultur und Architektur des Landes mit geprägt haben. Bis heute wirkt sich dieses Nebeneinander der verschiedenen Kulturen und Religionen auf die Lebendigkeit der Stadt aus.
Die synkretistischen Vermischungen und Nachbarschaften unterschiedlicher Formensprachen und Stile in Verbindung mit lokalen Bauweisen beeinflussten ab 1900 die Architektur der neuen Hauptstadt Asmara, vor allem in den sakralen Bauten. Ein besonderes Beispiel für die Verschmelzung von Stilen und Techniken ist die 1938/39 gebaute orthodoxe Kathedrale Enda Mariam. Elemente lokaler, afrikanischer Bautradition wurden bei der Gestaltung der Turmdächer aufgenommen und kamen beim Tor- und Hauptgebäude zur Anwendung.

Stile
Über die Ausstellung "Exposition Internationale des Arts Décoratifs" 1925 in Paris fand der Art Déco seine Verbreitung. Beim Art Déco handelt es sich um eine gestalterische Verbindung von eleganten, oft geometrischen Formen, neuen Werkstoffen, leuchtenden Farben und sinnlichen Themen. Nach dem überladenen Jugendstil entsprach der Art Déco mit seinen klaren, linearen, funktionalen Linien dem Geist der Moderne.
Eines der elegantesten Gebäude Asmaras im Stil des Art Déco und ein zugleich außergewöhnliches Beispiel für die Kinoarchitektur der 1930er Jahre ist das Cinema Impero. Der Rang im Innenraum ist schwungvoll organisch geformt. Säulenreihen, die von Löwenköpfen gekrönt werden, trennen den Zuschauerraum von der Leinwand. Die Wände zieren Stuckmotive mit afrikanischen Szenen, Tänzern, Palmen und Antilopen, die entfernt an den Art Déco erinnern. Die Außenfassade hingegen nimmt in ihrem Dekor Elemente technischer Ästhetik auf.
In Gestalt des Novecento hatte sich bis 1921 mit Giovanni Muzio als führendem Vertreter ein eigener italienischer, moderner Stil entwickelt. Sein "Ca' Brutta", (hässliches Haus), errichtet 1922 in Mailand, das hierdurch zum Zentrum der Novecento-Architektur wurde, war unbestreitbar das erste Zeichen eines modernen architektonischen Geschmacks. Als Bekenntnis zu einer italienischen Identität berief sich Novecento in einem neuerlichen Bezug auf das Formenvokabular der italienischen Klassik und des Neoklassizismus und benutzte vereinfachte klassische und neoklassizistische Formen sowie Ornamente, modulierte Oberflächendekoration, erhöhte oder versenkte Wandverkleidung, um traditionelle italienische Architektur nachzuahmen.
Asymmetrischer Aufbau und bewusst fragmentarische Komposition unterscheiden das Novecento vom bis dato bekannten Eklektizismus. Fenster, Nischen, Paneele und andere Gliederungen der Fassade erscheinen als exakt und scharf herausgeschnittene Formen. Die Fassaden weisen zwar vertraute klassizistische Dekorationen auf, diese sind jedoch stark abstrahiert.
In der Wachstumsphase Asmaras entstanden Ende der 1930er Jahre einige typische Gebäude mit Stilmerkmalen des Novecento. Beispielsweise wurde die Bauform der mittelalterlichen Burg, die Fassadengliederungen des Klassizismus oder, wie im Fall des Palazzo Gheresadik, die umgebende Bebauung aus den Arkaden und Bogenfenstern des Marktes und der Moschee adaptiert.
Mit dem Ende der 1920er Jahre in Italien entwickelten Razionalismo entstand eine Gegenbewegung zum Novecento und den Traditionalisten der Scuola Romana. Der Razionalismo verband ein vor allem in seinem Raumverständnis neues künstlerisches Konzept mit der Anwendung aktueller wissenschaftlicher Erkenntnisse, unter anderem hinsichtlich Technik und Hygiene. Architektur sollte von der Analyse ihrer Funktionen, ihrem alltäglichen Gebrauch her entwickelt werden. Die Formensprache bezog sich dabei auf geometrische Grundelemente wie Kugel, Quader, Zylinder, Würfel oder Pyramide.
In Asmara findet sich eine ganze Reihe von Gebäuden, die dieser architektonischen Grundhaltung folgen: Der Palazzo Mutton - ursprünglich sechsgeschossig geplant - wirkt mit seiner Formverschränkung von Zylinder und Kubus fast modernistisch skurril. Ebenso erwähnenswert ist das City Sanitation Office als Verwaltungsgebäude der städtischen Ver- und Entsorgung, bei dem sich im Eingangsbereich vertikale und horizontale Bewegungsrichtungen mit dem kreisförmigen Vordach eindrucksvoll verbinden. Mit seiner klaren Gliederung, Plastizität und Farbgebung zählt das Selam Hotel zu den herausragenden Beispielen rationalistischer Architektur in Asmara.
Eine der radikalsten künstlerischen Positionen bezog der Futurismus mit seinen euphorischen Bezügen auf die von moderner Industrie und Technik hervorgebrachten Veränderungen. Die Geschwindigkeit maschinengetriebener Fahrzeuge, Gewalt, Zerstörung und Krieg wurden als Traditionsbruch verherrlicht. In der Architektur entfalteten vor allem die Entwürfe von Antonio Sant'Elia eine über Italien hinausgehende Wirkung. Sie widmeten sich Fabriken und Wohnhochhäusern, deren Formensprache direkt aus der Welt der Maschinen entwickelt ist.
Von den Einflüssen dieser Bewegung zeugt in Asmara am eindrucksvollsten die 1938 gebaute Fiat-Tagliero- Tankstelle von Giuseppe Pettazzi. Mit ihren 30 Meter langen, freiauskragenden Betonschwingen hat sie nicht nur die Gestalt eines Flugzeugs, jener von den Futuristen am meisten bewunderten Maschine, sie symbolisiert auch das innovative Selbstverständnis italienischer Technologien und Unternehmen im internationalen Kontext.
In den 1920er Jahren war die italienische Architekturszene äußerst gespalten. Die bedeutendsten Strömungen des Futurismo, Razionalismo, Novecento und der Scuola Romana prägten divergierende Formensprachen. Aber in unterschiedlichen Gradierungen verfocht jede Gruppe auf ihre Weise unter Bezug auf das antike Rom immer den Anspruch, einen neuen nationalen Stil ins Leben zu rufen. Mit der Machtergreifung Mussolinis 1922 erhielt das Bedürfnis des Staates nach einem signifikanten Abbild für ein glorreiches Italien eine neue Dimension. Erst in der zweiten Hälfte der 1930er Jahre kam es in dieser Frage zu einer Entscheidung. Unter Federführung der traditionalistischen Scuola Romana flossen Aspekte der einzelnen Strömungen in den so genannten Monumentalismo ein.
Das anschaulichste Beispiel dieses Wandels in der italienischen Architektur ist in Asmara das Gebäude der Casa del Fascio. Die Straßenfront wurde 1940 als Ergänzung zu dem dahinter liegenden, eher bescheidenen Hauptquartier der faschistischen Partei aus dem Jahr 1928 errichtet - eine Planung, die eher von politisch demonstrativer Motivation als von praktischer Notwendigkeit zeugt.

Risiken für die Architektur Asmaras
Das Ende der italienischen Herrschaft brachte das schnelle Wachstum Asmaras zum Stillstand. Mit der Invasion der vereinten britischen und äthiopischen Streitkräfte im April 1941 zogen sich die italienischen Ingenieure und Architekten zurück. Sie hinterließen, wie das britische Informationsministerium meldete, "eine europäische Stadt mit ausgedehnten Boulevards, fantastischen Kinos, herausragenden faschistischen Gebäuden, Cafés, Läden, zweispurigen Straßen und einem erstklassigen Hotel".
Als die britische Militärregierung 1941 die Macht übernahm, war ihre Hauptsorge der Krieg in Europa. Architektur und Stadtplanung in Eritrea waren nicht so dringend wie der Kampf gegen Nazideutschland. Aus der architektonischen Perspektive bedeutete die Phase britischer Verwaltung in erster Linie die Rückkehr zu traditionelleren Stilen und damit eine Abkehr von dem kühnen Rationalismus, der für die späten 30er Jahre charakteristisch war.
Eritrea wurde auf der Grundlage eines UN-Beschlusses im Jahr 1952 mit Äthiopien in einer Föderation vereinigt. 1962 annektierte Äthiopien Eritrea. Sein Status als föderaler Bundesstaat wurde aufgehoben und Eritrea als eine von 14 Provinzen Äthiopiens eingegliedert. Asmara verlor die Rolle der Hauptstadt und erhielt sie erst am 24. Mai 1991 mit der Befreiung Eritreas von der äthiopischen Annexion wieder.
Dazwischen lag ein 30-jähriger Befreiungskrieg. Dieser Krieg hinterließ in Eritrea und Äthiopien schwere Schäden und Zerstörungen. Asmara allerdings überstand diese Zeit beinahe unbeschadet. Trotz bröckelnder Farbe und loser Fensterläden verbreitet die Stadt noch immer das Flair von Modernität.
Seit der Unabhängigkeit ist Asmara rasch gewachsen. Migration, neue Hauptstadtfunktionen und Investitionen haben die Stadt verändert, die sich heute bis weit in das frühere Hinterland ausdehnt. Eine Ausdehnung, die glücklicherweise nicht dem Muster anderer afrikanischer Städte gefolgt ist, wo Elendsviertel und illegale Siedlungen vorherrschen, sondern die relativ kontrolliert verlief. Dennoch bleiben bedeutende Herausforderungen wie die flächendeckende Trinkwasserversorgung und Abwasserbeseitigung bis heute bestehen.
Die Unabhängigkeit nach jahrzehntelanger Fremdherrschaft hat bei allen Eritreern den unbändigen Wunsch nach Entwicklung ausgelöst, was jedoch auch zu städtebaulichen Problemen führte. Mittlerweile herrscht ein wachsendes Interesse daran, dieses Ensemble der Moderne des frühen 20. Jahrhunderts unter allen Umständen zu erhalten.
Ein Ereignis von 1996 veranschaulicht dieses gewachsenen Problembewusstsein der Eritreer: Ein deutsches Architekturbüro, das beauftragt worden war, den neuen Hauptsitz der Nationalbank von Eritrea zu entwerfen, schlug als prestigevollsten Standort für das Gebäude den Platz vor der katholischen Kathedrale vor. Der Entwurf sah ein groteskes vierzehnstöckiges Glasgebäude mit zahlreichen kleineren Anbauten vor, das vier Blocks des historischen Asmara einschließlich des stadtbekannten ehemaligen Gefängnisses "Caserna Mussolini" in Anspruch nahm. Das zentrale Gebäude sollte das höchste der Stadt sein und sogar den Glockenturm der Kathedrale überragen. Als die Pläne für dieses Vorhaben publik wurden, protestierte eine Gruppe von Eritreern vehement und erfolgreich gegen die Zerstörung des Gefängnisgebäudes.
Ein anderes Gebäude wurde allerdings gebaut: das Nakfa House. Erst als es in seiner vollen Größe sichtbar wurde und damit eines der bekanntesten Wahrzeichen modernistischen Architektur Asmaras, die Fiat-Tagliero-Tankstelle, in den Schatten stellte, begannen die Einwohner von Asmara zu verstehen, dass diese Entwicklung in eine falsche Richtung geht. Das Nakfa House entweihte nicht nur die Fiat-Tagliero-Tankstelle, es machte auch seine Umgebung zu einem bedeutungslosen, kleinen Platz. Zwar beeinträchtigen einige weitere Gebäude wie das Nyala Hotel und das "Red Sea Corporation Building" ebenfalls das Erscheinungsbild Asmaras, aber der Bau des Nakfa House wirkte als Weckruf.

Bestrebungen zur Erhaltung
Die Regierung und die Menschen von Eritrea haben den speziellen Charakter von Asmara erkannt und sind entschlossen, dieses außerordentliche Erbe zum Nutzen der eigenen Bevölkerung und von Besuchern zu bewahren. Gleichzeitig ist man sich über die Notwendigkeit im Klaren, dass eine Weiterentwicklung stattfinden muss. 1997 lud deshalb der Staat Eritrea die Weltbank ein, gemeinsam eine Strategie zum Erhalt von Asmaras Architektur-Erbe zu formulieren. In diesem Zusammenhang wurde das "Cultural Assets Rehabilitation Project" (CARP) geschaffen, das den Erhalt und die Sanierung kultureller Güter, insbesondere der Architektur koordiniert. CARP initiierte eine umfangreiche Bestandsaufnahme der Architektur Asmaras. Darüber hinaus wurde das Verfahren zur Aufnahme Asmaras in die Weltkulturerbe-Liste der UNESCO in Gang gesetzt.
2001 wurde der historische Stadtkern, ein Gebiet von ungefähr vier Quadratkilometern, etwa 4 Prozent des gesamten Stadtgebietes, unter Schutz gestellt. Die Regierung erließ ein Moratorium für Neubauten oder Modifikationen an Altbauten in diesem Gebiet bis zu dem Zeitpunkt, an dem neue Richtlinien und Regelungen erlassen werden. Diese Richtlinien und Regelungen werden bindende Kriterien festlegen, die darauf abzielen, die Vollständigkeit, Harmonie und den Umfang von Asmaras einzigartigem Stadtgebiet zu erhalten.

Dr. Omar Akbar, geboren in Kabul, Direktor und Vorstand der Stiftung Bauhaus, Dessau, Professor für Architekturtheorie und Städtebau an der Hochschule Anhalt in Dessau.

Naigzy Gebremedhin, geboren in Addis Abeba, Gründungsdirektor (1998-2004) der Organisation zum Erhalt des Kulturerbes von Eritrea (CARP), 1994-1998 erster Direktor des Umweltamtes von Eritrea, 1976-1994 Direktor der Abteilung für die gebaute Umwelt, United Nations Environment Program (UNEP), Nairobi-Kenia, 1957-1965 Professor für Architektur und Bauwissenschaften, Dekan der Fakultät für Bauwesen, Haile Selassie I Universität, Addis Abeba, Äthiopien.