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Nicht nur den Geldwert messen

Mehr all-inclusive-Anlagen ist nicht gleich weniger Armut

Heinz Fuchs

Eine eigentümliche Verteidigungs- und Rechtfertigungshaltung durchzieht die Erfahrungen und Überlegungen von Klaus Lengefeld. Sicher nicht ohne Grund, denn in der Tat: unter Tourismuskritikern und Entwicklungsexperten haben touristische Großanlagen, insbesondere wenn sie in Entwicklungsländern "all-inclusive" betrieben werden, keinen besonders guten Ruf.


Wer all-inclusive-Urlaub macht, besucht kein Land, sondern eine weitgehend geschlossene Anlage. Von Land und Leuten sehen und erleben die Gäste wenig. Begegnungen mit Einheimischen finden mit Menschen in der Rolle von Dienstleistern und Servicepersonal statt. Für Reisende - so die Fortsetzung des Klischees - gehört "all-inclusive" zu den vielen Sehnsüchten und Paradiesversprechungen im Tourismus: alles im Überfluss, zu allen Zeiten verfügbar und alles längst bezahlt - denn "Sie haben es sich verdient", wie eine Veranstalterwerbung es auf den Punkt bringt. Natürlich stecken auch hinter diesen Betrachtungen oft mehr Vorurteile als Sachanalysen. Laut Ergebnissen einer Analyse des Studienkreises für Tourismus und Entwicklung interessierten sich immerhin 28 Prozent der Entwicklungsländer-Reisenden "sehr stark" oder "stark" für "die Probleme dieser Länder", weitere 45 Prozent "mittel". Lediglich 19 Prozent seien nicht ansprechbar und ohne jedes Interesse am Kennenlernen von Land und Leuten1.
Vor diesem Hintergrund Massentourismus und all-inclusive-Resorts in Entwicklungsländern als Instrumente in einem Konzept der Armutsbekämpfung durch Tourismus zu präsentieren, überrascht zunächst und bedarf zur Begründung guter Argumente und sorgfältiger Analyse. Die vorgelegten Daten und Fakten sprechen für sich, sie rufen keinen Widerspruch hervor, sind aber letztlich auch nicht sonderlich spektakulär. Es ist nicht ungewöhnlich, dass in der Industrie oft geregeltere und insgesamt bessere Arbeitsbedingungen als im Kleingewerbe bestehen, Löhne und Gehälter höher sind, und es gibt keinen Grund, warum dies in der globalisierten Tourismusindustrie anders sein sollte.
Eine hektische Sprunghaftigkeit in der Argumentation lässt indes etwas unklar, wem der Autor was genau sagen möchte. Ein Fazit verweigert er, ob es tatsächlich ein Erfolg ist und als konstruktives Nebeneinander von Massen- und gemeindebezogenem Tourismus zu werten ist, wenn die "Emberá, ein traditionelles Urwaldvolk", die täglich von 50 Touristen auf Besucherbooten und Ausflüglern der Kreuzfahrtschiffe besucht werden, mittlerweile ein künstliches Dorf auf einer Insel errichtet haben, um den Besucherandrang zu reduzieren, zu steuern und die sozialen und kulturellen Folgen zu begrenzen.

Kampf gegen Windmühlen
Unübersehbar hat er sich ein Bild von fundamentalistisch unbelehrbaren "Tourismuskritikern", "nachhaltigen Ablehnern von Massentourismus" und eine irgendwie geartete "gängige Kritik am Massentourismus" als Gegenüber ausgewählt, denen er - aus Sicht eines Profis der GTZ - offenbar endlich einmal klarmachen möchte, wie eine "Positivstrategie für die Kooperation mit der Wirtschaft" im Tourismus auszusehen hat. Doch ebenso wenig wie diejenigen, die sich für "fairen Handel" einsetzen, die Produktion von Kaffee- und Bananen als solches in Frage stellen, so wenig fordern diejenigen, die sich für soziale Verantwortung und "Faire Dienstleistungen" im (Massen-)Tourismus einsetzen, seine Abschaffung.
Hier kämpft der Autor gegen Windmühlen und argumentiert gegen eine "NRO-Szene", die so nicht existiert. Gruppen und Organisationen, die sich im Tourismus engagieren, treten sehr viel differenzierter und dialogorientierter für Qualitätsverbesserungen im Tourismus in Entwicklungsländern ein. Hier eine künstliche Polarisierung aufzubauen, ist wenig hilfreich, wenn es darum geht, Strategien für einen Tourismus in Entwicklungsländern zu entwickeln und umzusetzen, der soziale und ökologische Entwicklungen fördert, der den Menschen dient und ein Instrument der Armutsbekämpfung sein soll.
Drei grundlegende Erkenntnisse und Einschätzungen von Klaus Lengefeld sind richtig und wichtig auf der Suche nach Antworten auf die Frage "Welchen Tourismus brauchen die Entwicklungsländer?".

  • • Die Vielfalt touristischer Konzepte, ihr Nebeneinander und Miteinander kann als nachhaltigstes Grundmodell für touristische Entwicklungen gesehen werden.
  • • Positive Wirkungen des Tourismus ergeben sich nicht automatisch und überall. Tourismus braucht Rahmenbedingungen und muss Teil umfassender Entwicklungsstrategien sein.

Dennoch darf es bei Fragen der menschlichen Entwicklung und bei Strategien der Armutsbekämpfung nicht nur um Einkommensfragen gehen. Die Rolle des Tourismus in Konzepten der Entwicklungszusammenarbeit muss deutlich über die Instrumente technischer Zusammenarbeit hinausgehen und auf einer klaren entwicklungspolitischen Ausrichtung im Sinne ökologischer und sozialer Nachhaltigkeit basieren.

Menschliche Entwicklung ist der Maßstab

Die vorgetragenen Konzepte einer Armutsbekämpfung durch Massentourismus stehen in der Gefahr, Tourismusresorts und all-inclusive-Anlagen zu einer Art Versorgungssystem für arme und benachteiligte Menschen zu machen. Der Wert gemeindebezogener Tourismusprojekte ist in der Tat weniger in Geldwert zu messen. Menschen werden dabei aber als handelnde Subjekte ihrer Lebensverhältnisse und Zukunftsperspektiven ernst genommen. Menschen- und Eigentumsrechte, Bildung, Selbstbestimmung, Empowerment und Gendergerechtigkeit sind Schlüsselbegriffe armutsorientierter Ansätze in der Entwicklungszusammenarbeit. Sie sollten auch als Grundlage des Engagements von Entwicklungsorganisationen im Tourismus gelten - Schutzmechanismen und Selbstbestimmung der Menschen fördern und sie in der Wahrnehmung ihrer Rechte unterstützen, lautet die Aufgabe.
Massentourismus ist zu großen Teilen das Geschäft transnationaler Konzerne, ihr Wirtschaften und Agieren braucht Rahmenbedingungen. Neben Dialogprogrammen, Runden Tischen, Multistakeholder-Dialogen und unterschiedlichsten Formen freiwilliger Selbstverpflichtungen gehören dazu die Instrumente der Realpolitik - sie sind noch längst nicht ausgeschöpft. ILO-Kernarbeitsnormen und die weitere Umsetzung der OECD-Richtlinien einschließlich der Verbesserung des darin enthaltenen Beschwerdemechanismus sind ebenso eine entwicklungspolitische Hausaufgabe, wie die Entwicklung eines transparenten Berichtswesens im Sinne der Global Reporting Initiative (GRI) über das nachhaltige und sozial verantwortliche Wirtschaften international agierender Tourismusunternehmen. Touristische Großanlagen in regionale Wirtschaftskreisläufe zu integrieren, ist ein nachvollziehbarer und in vielen Fällen auch geeigneter Ansatz - allerdings nur als Teil eines weitergehenden entwicklungspolitischen Tourismuskonzepts. Niemand wird hoffentlich daraus die Formel ableiten "mehr all-inclusive-Anlagen = weniger Armut".

Heinz Fuchs, Dipl. Religionspädagoge, leitet die Arbeitsstelle TOURISM WATCH des Evangelischen Entwicklungsdienstes (EED). Der Verband Deutscher Reisejournalisten zeichnete ihn mit dem DDRJ-Preis 2004 für "besondere Verdienste um den Tourismus" aus. www.tourismwatch.de