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Masse und Klasse

Welchen Tourismus brauchen die Entwicklungsländer?

von Klaus Lengefeld

Im Diskurs der nachhaltigen Entwicklung steht besonders der  Massentourismus unter Beschuss. "All-inclusive" werden ihm zusätzlich negative Bildungseffekte vorgeworfen: er schaffe oder bestätige bei den Reisenden Vorurteile gegenüber den Menschen und Kulturen der besuchten Entwicklungsländer. Dem hält Klaus Lengefeld die breitenwirksamen Einkommenseffekte entgegen, aufgrund derer er gerade dem Massentourismus eine besonders starke Armutsminderung zuspricht. Das bleibt bei den Befürwortern des basisorientierten ("community based") Tourismus nicht unwidersprochen.     Redaktion


Stellen wir uns vor, die Entwicklungspolitik entdeckt die Automobilindustrie als wichtigen Akteur für die Armutsminderung und nachhaltige Entwicklung in den Entwicklungsländern. Zur Festlegung der Strategie tagt eine Expertenkommission, die in der kleinen Automanufaktur auf Dorfebene den geeigneten Partner ausmacht. Dieses auf Basisgemeinschaften gestützte Kleinunternehmen soll der traditionellen Kultur entsprechen, sich positiv auf ein ausgewogenes Geschlechterverhältnis auswirken, nur erneuerbare Energie und recyclingfähige Materialien verwenden und dementsprechend über ein allgemein anerkanntes Nachhaltigkeitszertifikat verfügen.
Alle anderen Automobilproduzenten scheitern als Partner an den anspruchsvollen entwicklungspolitischen Nachhaltigkeitskriterien. Am besten sollten in Zukunft Autos nur noch in solchen Kleinbetrieben produziert werden und nicht mehr am Fließband in den großen Fabriken. Dann würde die Dritte Welt sich bald insgesamt nachhaltig entwickeln, und die vielen bösen Folgen der großindustriellen Massenproduktion verschwänden wie von selbst.
Das klingt und wäre absurd - doch zu einer ähnlichen Eingrenzung der entwicklungspolitisch salonfähigen Förderansätze im Tourismus kommt man, wenn die gängige Kritik am Massentourismus in eine Positivstrategie für die Kooperation mit der Wirtschaft übersetzt wird. Die Frage ist: Können die als einzig akzeptable Partner ausgewählten touristischen Kleinunternehmen und Initiativen des Tourismus auf Gemeinschaftsebene (Community Based Tourism/CBT) diese hohen Erwartungen von nachhaltiger Entwicklung erfüllen? Und sind ihre Beiträge zu Armutsminderung, zu Umwelt- und Kulturerhalt besser und größer als die eines gut geführten großen Strandhotels, das sich im Wesentlichen pauschal über Reiseveranstalter vermarktet?

Viel Anspruch - wenig Geld
Ein typisches Angebot des "Community Based Tourism" (CBT) umfasst eine "Begegnung auf Augenhöhe" mit zwei Übernachtungen in einfachen Unterkünften im Dorf, kulturelle Darbietungen, eine kleine Tour durch die Natur sowie dort zubereitetes lokales Essen. Für einen solchen Tag inklusive Übernachtung werden je Gast im Durchschnitt 40 US-Dollar gezahlt. Die Vermarktung erfolgt meist über einen lokalen oder nationalen Reiseveranstalter, der das als so genannter "Incoming Operator" in die Rundreisen alternativer Veranstalter einbaut.
Wenn sich ein solches CBT-Angebot gut verkauft, kommen sechs Mal im Jahr Gruppen von sechs bis zehn Gästen und generieren dabei Bruttoeinnahmen von 2.880 bis 4.800 US-Dollar. Abzüglich Allgemeinkosten dieser CBT-Produkte (ohne Beratung und Vermarktung) verbleiben als Nettoeinnahmen etwa 1.500 - 3.000 US-Dollar. Wenn ein Werbeflyer dafür gedruckt oder gar eine Messe besucht werden muss, übersteigen die Kosten dafür bereits diese bescheidenen Einnahmen, ganz zu schweigen von den Beratungskosten, die einer der internationalen CBT-Experten verursacht, wenn er oft einige Monate die Gemeinde unterstützt

Masse macht Kasse
Die weltweit ersten Untersuchungen zu den Geldströmen in und aus All-Inclusive Resorts wurden von der Deutschen Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) in vier Anlagen in der Dominikanischen Republik gemacht. Dabei wurden sowohl die wichtigsten Wirtschaftsdaten "im Original" eingesehen und erfasst, als auch offene Interviews mit insgesamt 100 Mitarbeitern verschiedener Abteilungen und Hierarchieebenen geführt. Außerdem wurden ausgewählte Lieferanten in Santo Domingo und der dominikanischen Provinzhauptstadt Higüey nach der Herkunft der Agrarprodukte befragt. Die auf das Jahr 2005 bezogenen Ergebnisse der Studie lassen sich wie folgt zusammenfassen:
In einer typischen 532 Zimmer/4-Sterne-Anlage auf einem Areal von 7,9 Hektar arbeiten 509 Personen fest angestellt. Mit 260.000 Übernachtungen erreichte das Resort eine Belegungsrate von 70 Prozent. Die durchschnittlichen Kosten je Übernachtung lagen bei 27,4 US-Dollar. Von den zugekauften Gütern entfallen zwei Drittel auf Agrarprodukte, von denen wiederum knapp 80 Prozent aus nationaler und lokaler Produktion stammen. Rund ein Drittel der Agrarprodukte stellen Klein- und Mittelbauern her. Hier kann direkte Armutsminderung angenommen werden. Weiter entfallen mindestens 50 Prozent der ausgezahlten Lohnsumme (1,35 Mio. US-Dollar) auf die einfachen Jobs und somit auf Mitarbeiter aus ärmlichen Verhältnissen. Etwa ein Viertel der Ausgaben des All-Inclusive-Resorts wirkt demnach direkt armutsmindernd. Ohne die zusätzlichen Ausgaben der Gäste für Exkursionen, Souvenirs und freiwillige Trinkgelder sind das rund zwei Mio. US-Dollar pro Jahr für ein durchschnittliches AI-Resort in der Dominikanischen Republik. Dort gibt es zur Zeit etwa 100 vergleichbare All-Inclusive Anlagen.

Das Dilemma der Kleinunternehmer
Die Förderung touristischer Klein- und Mittelunternehmer (KMU) ist die zweite Säule derer, die Massentourismus und Großhotels ablehnen. Bei genauer Betrachtung haben jedoch die KMUs noch viel größere Schwierigkeiten, selbst einfachste Ansprüche an Umwelt- und Sozialverträglichkeit zu erfüllen. So verdienen die Kellner und Zimmermädchen in den kleinen Hotels und Restaurants im nicaraguanischen Montelimar mit monatlich 60 US-Dollar gerade mal die Hälfte dessen, was ihre Kolleginnen und Kollegen nebenan im All-Inclusive-Resort erhalten. Weder kostenloser Transport zur Arbeit noch Unterkunft bei Bedarf kommen dort vor. Von fairer Entlohnung und fairen Arbeitsbedingungen sind kleine Hotels und Restaurants noch viel weiter entfernt als ihre größeren Konkurrenten.
Desgleichen gilt für das Umweltmanagement bei den kleinen und mittleren Unternehmen. 500 Zimmer an einem Strand, verteilt auf 25 kleine Hotels, bedeuten 25 Plätze, an denen gerodet und gebaut wird, Zugangswege entstehen, 25 Stellen, die mit Energie und Wasser zu versorgen und deren Abfall sowie Abwasser zu entsorgen sind. Und in der Regel müssen sich solche kleineren Bauprojekte keiner Umweltverträglichkeitsprüfung unterziehen. Dagegen sind die Umwelteingriffe durch den Bau eines 500 Zimmer-Resorts wesentlich geringer und die externen Einflussmöglichkeiten auf die technische Ausgestaltung in allen umweltrelevanten Bereichen deutlich größer.
Im Vergleich zum Community Based Tourism sind die Beiträge touristischer KMU zur lokalen Wirtschaft und Armutsminderung jedoch bereits deutlich höher. So gibt jedes der in Nicaragua untersuchten neun Hotels und Restaurants im Durchschnitt mit 22.600 US-Dollar für Zukäufe von Agrar- und sonstigen Produkten rund 5.200 Dollar für Löhne aus.

Wie arme Gemeinden vom Massentourismus profitieren
Wenn nur ein(e) Jugendliche(r) aus der Gemeinde mit dem Community-Based-Tourism-Angebot im nächstliegenden All-Inclusive-Resort oder Businesshotel in der Stadt einen Job als Kellner oder Zimmermädchen findet, bringt das je nach Land und Hotelkategorie jährliche Nettoeinkünfte von 1.500 US-Dollar (Vier-Sterne-Anlage in Nicaragua) bis 6.000 US-Dollar (einheimische Fünf-Sterne-All-Inclusive-Resorts in Jamaika). Die Einkünfte dieses Personenkreises liegen in Nicaragua beim 2,1-fachen, in der Dominikanischen Republik beim 2,5-fachen und in Jamaika beim 4,7-fachen des jeweiligen Mindestlohns. Wenn nur fünf Fischer ihren Fang oder fünf Bauern Gemüse für 100 US-Dollar/Monat an ein solches Hotel verkaufen, entstehen gleichfalls jährliche Einnahmen von 6.000 US-Dollar. Dafür bedarf es keiner aufwändigen Beratung oder Vermarktung in Übersee, kein Fremder stört das Dorfleben, und der Profit wird mit dem gemacht, was dort alle können: Landwirtschaft oder Fischerei.

Wer macht die Armen satt?

Wie dargestellt, generiert ein durchschnittliches 400 bis 500 Zimmer All-Inclusive-Resort in der Dominikanischen Republik eine direkt armutsrelevante Wertschöpfung von rund 2 Mio. US-Dollar pro Jahr. Ein durchschnittliches dörfliches Tourismusangebot schafft pro Jahr 3.000 US-Dollar für die Gemeinde und die lokale Wirtschaft. Um mit solchen CBT-Projekten rechnerisch dieselbe armutsrelevante Wertschöpfung wie durch ein All-Inclusive-Resort zu erreichen, müsste es 666 solche Produkte geben. Oder die Anzahl der Besucher müsste sich verhundertfachen und würde die soziale und kulturelle Integrität der Gemeinde gefährden.
Bei den touristischen Kleinunternehmen kann angenommen werden, dass der Anteil armutsrelevanter Wertschöpfung durch Zukäufe und Löhne höher ist als bei All-Inclusive-Resorts, bis zu 60 Prozent in Nicaragua und etwa 50 Prozent in der Dominikanischen Republik. Trotzdem braucht es immer noch mindestens 80 solcher touristischer Kleinunternehmen, um in vergleichbarer Höhe zur Armtusminderung beizutragen wie durch ein durchschnittliches All-Inclusive-Resort.

Es geht nicht nur ums Geld
Der oben genannte Vergleich wird von den Kritikern des Massentourismus als "ökonomistische Verkürzung" zurückgewiesen - es gehe beim Tourismus und nachhaltiger Entwicklung um weitaus mehr, als die Armen satt zu machen. Die Stichworte sind: "kultureller Austausch", "Begegnung auf Augenhöhe", Partizipation, Respekt etc.
Alle Erfahrungen zeigen jedoch, dass diese hehren Ansprüche sich erst erfüllen lassen, wenn auch die materielle Grundlage stimmt, d.h. wenn die Besuche im Dorf, die Partizipation und die Begegnung auf Augenhöhe bei den Bereisten genug Geld in der Kasse lassen. Außerdem ist es ein Mythos, dass diese Ansprüche sich nur dadurch realisieren lassen, dass die Fremden ins Dorf eindringen, den Einheimischen auf dem Schoß sitzen und in den Kochtopf schauen. Begegnungsräume und gleichberechtigter kultureller Austausch können auch in einer gut organisierten kulturellen Begegnungsstätte neben dem All-Inclusive-Resort stattfinden oder lassen sich sogar in ein innovatives "Culture All-Inclusive"-Konzept einbinden und bringen damit das Gemeindeleben nicht durcheinander.

Wie der Massentourismus Geld in die Dörfer bringt
Es gibt zunehmend Beispiele (siehe die beiden Kästen), die belegen, dass Massentourismus, touristische Klein- und Mittelunternehmen und Community Based Tourism sich durchaus gut vertragen und gemeinsam noch stärker zur nachhaltigen Entwicklung und Armutsminderung beitragen.
Die Liste solcher Beispiele ließe sich beliebig verlängern - von Sri Lanka über Südafrika bis Jamaika oder Tobago -, überall setzt sich die Erkenntnis durch, dass die Koexistenz verschiedener Angebote von Masse bis Klasse, von All-Inclusive-Strandurlaub und Community Based Tourism das nachhaltigste Modell touristischer Entwicklung ist. Dies gilt insbesondere für die ärmeren Entwicklungsländer, wo es kaum andere Möglichkeiten zur wirtschaftlichen Entwicklung gibt.
Ressourceneffizienz
Doch selbst dort, wo die Landwirtschaft oder der Bergbau, Textil- oder Bauindustrie als Alternativen existieren, stellt sich für jedes Land die Grundsatzfrage: Welche Branche beansprucht für möglichst hohe Beiträge zu wirtschaftlicher Entwicklung, Umverteilung und Armutsminderung möglichst wenig Ressourcen?
Hier ist die Hotellerie einsame Spitze: 1 Mio. Euro Umsatz bei den fünf größten Hotelketten (Marriott, Starwood, Hilton &Co.) generieren zwischen 14-29 Arbeitsplätze. In allen anderen Branchen sind es durchschnittlich nur 2-6 Arbeitsplätze pro Mio. Euro Umsatz. Und für diese Wertschöpfung werden in der Regel wesentlich geringere Ressourcen beansprucht: So generiert ein All-Inclusive-Resort in der Dominikanischen Republik oder Jamaika je Hektar genutzter Fläche zwischen 300.000 - 500.000 US-Dollar allein an ausgezahlter Lohnsumme und damit ein Mehrfaches der meisten anderen Branchen. Die Untersuchungen zur Beantwortung dieser Frage stehen allerdings erst am Anfang.
Wenn es dagegen nach den Kritikern des Massentourismus ginge, würde kein einziges Kreuzfahrtschiff in Panamá anlegen oder kein einziges Hotel auf einer unbewohnten Fidschi-Insel gebaut. Die Einheimischen blieben vom Tourismus verschont, aber auch von diesen hohen Einnahmen abgeschnitten - bis auf das wenige Geld von den sporadischen Gästen, die von den alternativen Veranstaltern geschickt werden.
Win-Win-Situationen zwischen Massentourismus und CBT ergeben sich allerdings nicht automatisch und überall. Es bedarf geeigneter Rahmenbedingungen und einer angemessenen touristischen Entwicklungsstrategie, bei der sowohl die Kritiker ihre Schützengräben der Pauschalablehnung großer touristischer Investitionen verlassen, als auch die Geber und Entwicklungsorganisationen ihre Abstinenz gegenüber der Einbeziehung des Massentourismus aufgeben. Sonst passiert das, was sich derzeit in Nicaragua abspielt: Statt armutsmindernder Strandhotels werden dort am Pazifik derzeit 2.000 Privatwohnsitze für wohlhabende Einheimische und Altersruhesitze für reiche Nordamerikaner gebaut - mit traumhaften Gewinnquoten für die beteiligten Immobilienspekulanten und armutsmindernden Wirkungen, die nach der Bauphase nahe Null liegen: Wo die reichen Nicas mit ihren Jeeps samt Anhänger, Hausangestellter und Essen aus dem Supermarkt in Managua logieren, bleiben für die lokale Bevölkerung als "Ausgleich" für die abgesperrten Strände gerade mal zwei mies bezahlte Jobs: der des Wachmannes und der des Gärtners.

Dieser Artikel gibt die persönliche Meinung des Autors wieder.

Klaus Lengefeld ist Berater für Tourismus und nachhaltige Entwicklung im gleichnamigen Sektorvorhaben der GTZ. Er hat 1997 das bisher grösste  Tourismusprojekt der GTZ in Mittelamerika vorbereitet und war dort von 1999 bis 2002 tätig.