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Politik und Religion – ein zwiespältiges Verhältnis

Wer den politischen Einfluss von Religionen als Rückfall in die Irrationalität abtut,macht es sich zu leicht

von Bernd Ludermann

In der globalen Politik spielen heute Religionen eine Rolle, die vor zwanzig Jahren kaum jemand vorhergesagt hätte. Unübersehbar ist das im Fall von Terroristen und Selbstmordattentätern, die sich auf einen religiösen Auftrag berufen. Sie sind aber nur das spektakulärste Beispiel. Religiös begründete politische Ansprüche sind auch nicht auf die islamische Welt beschränkt – man denke an den Aufstieg der hindu-fundamentalistischen Bewegung in Indien oder der christlichen Rechten in den USA. Deren Einfluss trägt zur Tendenz in Washington bei, Außenpolitik als apokalyptischen Kampf zwischen Gut und Böse zu begreifen; so kommen Forderungen nach einem Angriff auf den Iran gerade aus der christlichen Rechten.

Man kann aber religiöse Ansprüche an die Politik nicht einfach als Rückfall in Irrationalität deuten. Erstens würde man damit zahlreiche Einsätze religiöser Führer oder Gemeinschaften für Toleranz und Frieden übersehen, die oft wenig spektakulär, aber wirksam sind. Kirchen oder Kirchenräte haben zum Beispiel im Verlauf der 1990er Jahre in friedlichen Übergang zur Demokratie beigetragen und Konflikte geschlichtet. An der Bewegung, die das gewaltlose Ende des Kommunismus in der DDR herbeigeführt hat, hatten Kirchen wesentlichen Anteil. Die katholische Laienbewegung Sant’Egidio hat den Friedensschluss von 1992 zwischen den Bürgerkriegsparteien in Mosambik vermittelt. Und der jüngste Protest gegen das Militärregime in Burma ging von buddhistischen Mönchen aus.

Zweitens muss man, wenn man von der europäischen Säkularisierungs- Erfahrung aus urteilt, zunächst klären,was Säkularisierung bedeutet. Die Trennung von Staat und Religion – der Staat soll gegenüber verschiedenen Glaubensgemeinschaften neutral sein und darf niemandem einen Glauben aufzwingen – ist eine Beispiel gebende Errungenschaft. Dass in modernen Gesellschaften die Bindekraft der Religionen zwangsläufig abnimmt, hat sich jedoch außerhalb Europas nicht bestätigt. Und die Vorstellung, Religion sei eine reine Privatsache, ist Ausdruck einer weitgehenden Individualisierung und zudem problematisch. Denn zum Wesen der Religionen gehört, dass sie ethische Leitlinien für die Gestaltung des Zusammenlebens begründen und insofern einen öffentlichen moralischen Anspruch vertreten.

Die Frage ist, ob er mit Zwangsmitteln des Staates durchgesetzt werden darf. Dies verlangen viele fundamentalistische und streng konservative religiöse Gruppen. Ihr Abscheu richtet sich meist weniger etwa auf Gewaltverbrechen als auf die Emanzipation der Frau, die Duldung von Homosexualität oder andere als ausschweifend geltende Verhaltensweisen. Ein extremes Beispiel sind die Taliban in Afghanistan, die sogar traditionelle afghanische Musik verboten haben. Aber auch eine Minderheit in den USA verlangt, der Staat solle für „christliches“ Verhalten sorgen. In Nicaragua ist vor Kurzem auf Betreiben von Katholiken Abtreibung auch in Fällen verboten worden, in denen das Leben der werdenden Mutter in Gefahr ist.

Solche Phänomene sind eine Reaktion auf Modernisierungsschübe: Die soziale und räumliche Mobilität nimmt zu; die Verstädterung, die Alphabetisierung breiter Bevölkerungsschichten und die Verbreitung von Massenmedien eröffnen Wahlmöglichkeiten zwischen verschiedenen Lebensentwürfen. Das erzeugt Verunsicherung und führt zu dem Ruf, der Staat möge vermeintlich althergebrachten moralischen Postulaten Geltung verschaffen. In pluralen Gesellschaften – in immer mehr Ländern sind mehrere Religionen vertreten – verändert sich zudem die Religiosität selbst: Sie kann sich kaum mehr auf von allen geteilte Traditionen berufen und begründet sich stärker aus persönlichen Überzeugungen oder Bekehrungserlebnissen. Der Fanatismus einer kleinen Minderheit der europäischen Muslime beruht auf einer solchen modernen Glaubensauffassung, nicht auf dem traditionellen Islam.

Drittens werden religiöse Appelle häufig für politische Zwecke benutzt. Religiöse Bilder und Symbole sind mehrdeutig und wurden schon immer für die Legitimation von Herrschaft oder auch von Widerstand eingesetzt. Mit Demokratisierungsprozessen und der Ausweitung der politischen Teilhabe wird nun aber in modernen Gesellschaften die Religion zu einem Mittel der politischen Massenmobilisierung. Der Aufstieg der konservativ-islamischen Regierungspartei in der Türkei ist dafür ein Beispiel.

Wenn religiöse Appelle sich mit nationalen oder ethnischen verbinden, schafft das besonderen Sprengstoff. Auch Nationalbewegungen sind, wie der britische Historiker Eric Hobsbawm betont hat, mit der Ausweitung der Teilhabe auf von der Politik ausgeschlossene Bevölkerungsgruppen verbunden. Nicht zufällig entleihen sie oft Formen ihrer Massenansprache von der Religion. Religiöse Riten und Kulte begründen ja nicht nur eine Beziehung zu Gott oder dem Übermenschlichen, sie stiften auch Gemeinschaft. Diese wird zwar in den Weltreligionen theoretisch universal gedacht, sie umfasst nicht nur einzelne Völker oder Gruppen. Aber gelebt wird Religion im sozialen Alltag. Hier kann sie leicht als Element der Abgrenzung, als Attribut einzelner sozialer Gruppen, Völker oder Nationen in Anspruch genommen werden.

Beispiele für eine solche Verbindung von nationaler und religiöser Identität sind die tibetische Minderheit in China oder muslimische Minderheiten auf den Philippinen.Welche Umstände diese Verbindung fördern, zeigt der Fall Russlands: Dort gehören viele Minderheitenvölker, darunter die Tschetschenen, als Muslime auch zu einer religiösen Minderheit. Zugleich ist die orthodoxe Kirche traditionell eine Staatskirche. Ihre Führung stellt den orthodoxen Glauben, obwohl ihn viele Russen nur noch wenig praktizieren, als wesentlichen Zug des Russentums dar. Politische und religiöse Eliten befördern so die Verquickung von religiösen und nationalen Konflikten. Solche Konflikte sind – wie in Tschetschenien – oft ein Nährboden des Terrorismus.

Was kann man aus all dem schließen? Zunächst muss man genau hinsehen, was sich im Einzelfall hinter religiösen Ansprüchen an die Politik verbirgt. Das kann eine Revolte von diskriminierten Minderheiten sein, der Missbrauch der Religion in Machtkämpfen, diffuse Ressentiments gegen einen angeblichen Verfall der Sitten, aber auch Empörung über Korruption und Misswirtschaft, das Engagement für Frieden und Versöhnung oder eine Kombination solcher Faktoren.

Man muss diese Ansprüche ernst nehmen. Das Frieden stiftende Potenzial der Religionen sollte man politisch stärker beachten und nutzen. Aber die Trennung von Staat und Religion muss verteidigt werden. Dazu, so der Politikwissenschaftler Claus Leggewie, gehört selbstbewusste Säkularität in der Außenpolitik. Es wäre etwa kontraproduktiv, verfolgte christliche Minderheiten mit mehr Einsatz zu verteidigen als verfolgte Gruppen aus anderen Religionen. Wichtig ist auch die ökumenische Auseinandersetzung mit orthodoxen Kirchen oder christlich- fundamentalistischen Gruppen über ihre Haltung zum Staat. Wenn man für die Trennung von Politik und Religion wirbt, sollte man sie jedoch zudem nicht mit der Abdrängung der Religion ins Private gleichsetzen. Und man sollte die Muslime Europas bei dem Versuch unterstützen, einen neuen, unserer religiös gemischten Gesellschaft gemäßen Islam zu schaffen, ohne ihnen aber das Ergebnis vorzuschreiben. Dies würde die Debatte unter ihnen nur behindern.

Bernd Ludermann
ist seit 1. Januar 2008 Chefredakteur von „welt-sichten“