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Global Governance und die Ökumene

Kein Vorbild des internationalen Systems, aber ein „Ehrlicher Makler“ und Anwalt für Solidarität

von Konrad Raiser

Zwischen dem internationalen Staatensystem und der Ökumene gibt es Analogien. Aber während die mangelnde Kohärenz des internationalen Systems „global governance“ erforderlich macht, liegt in der institutionellen Schwäche der ökumenischen Bewegung auch eine „verborgene Stärke“. Denn „die ökumenischen Organisationen werden verstärkt als ‚Ehrliche Makler’ für Vertrauensbildung und als Anwälte einer Kultur des Dialogs und der Solidarität angefragt und ernst genommen“, betont der ehemalige Generalsekretär der Ökumenischen Rats der Kirchen. Redaktion

Seit mehr als zehn Jahren ist „global governance“ ein zentrales Stichwort der internationalen politischen Diskussion. Was damit gemeint ist, entzieht sich bislang der eindeutigen Definition. Für die einen geht es letztlich um die institutionelle Absicherung der wirtschaftlichen Globalisierung und damit auch um die Bekräftigung des globalen Führungsanspruchs der Industrieländer des Nordens und des Westens. Für die anderen kommt darin die Suche nach einer neuen Form des „Weltregierens“ zum Ausdruck, die der Verschiebung von der „Staatenwelt“ hin zur „Gesellschaftswelt“ Rechnung trägt. In jedem Fall ist deutlich, dass Regierungshandeln es heute mit Problemen und Herausforderungen zu tun hat, denen auf der Ebene und mit den Instrumenten des Nationalstaates nicht mehr angemessen begegnet werden kann. Gleichzeitig fehlen den bestehenden internationalen Institutionen die Instrumente und die Durchsetzungsmacht, um wirksam eingreifen zu können.

Der Begriff „global governance“ wurde 1995 von einer Kommission der Vereinten Nationen geprägt, die den Auftrag hatte, darüber nachzudenken, wie das internationale System angemessen auf die Veränderungen reagieren könne, die durch den Prozess der wirtschaftlichen und finanzpolitischen Globalisierung entstanden waren. Der Begriff bezeichnet also mehr eine Such- oder Zielperspektive, als eine Beschreibung der gegenwärtigen Verhältnisse. Jedenfalls kann man im Blick auf das Funktionieren des internationalen Systems gegenwärtig nicht von „governance“ im Sinne einer zielgerichteten, kohärenten und demokratisch legitimierten Steuerung sprechen.

Das heutige System beruht auf einem segmentierten, nicht kohärenten Rahmen von zwischenstaatlichen Verträgen, Konventionen, Pakten, Chartas, Regimen und anderen Instrumenten des Völkerrechts, denen weitgehend die Instrumente zur Durchsetzung fehlen. Seine wichtigsten Akteure sind interessenbestimmte und nicht rechenschaftspflichtige Einrichtungen wie die G8 oder die internationalen Finanzinstitutionen. Das System spiegelt das alte staatszentrierte Paradigma internationaler Beziehungen. Es ist im Kern weitgehend anarchisch und folgt der machtpolitischen Logik, die von geopolitischen oder wirtschaftlichen Interessen bestimmt ist. Die gegenwärtige Blockade der Doha-Runde der Welthandelsorganisation (WTO) zeigt deutlich das grundlegende Problem. Zugleich sieht sich das System seit bald zwanzig Jahren in seiner Legitimität herausgefordert durch Organisationen der Zivilgesellschaft, die inzwischen ihren Einfluss auch auf der globalen Ebene geltend machen. Die Wirksamkeit zivilgesellschaftlicher Interventionen zeigte sich zum Beispiel im Blick auf die internationale Schuldenkrise oder beim Verbot der Landminen.

ÖKUMENISCHER RAT

Die moderne ökumenische Bewegung ist gleichzeitig mit der Herausbildung einer internationalen Ordnung entstanden. Die ersten ökumenischen Zusammenschlüsse am Anfang des vergangenen Jahrhunderts haben die Gründung des Völkerbundes nachdrücklich begrüßt und der Ökumenische Rat der Kirchen ist in seiner Struktur und Arbeitsweise weitgehend dem Modell der Vereinten Nationen gefolgt. Er hat in den bald sechzig Jahren seit seiner Gründung 1948 stets mit Nachdruck das System der Vereinten Nationen unterstützt in der Überzeugung, dass es nach wie vor den höchsten Grad an Legitimität und demokratischer Verantwortlichkeit zur Steuerung der internationalen Beziehungen besitze. Allerdings teilt der Ökumenische Rat mit den Vereinten Nationen das Dilemma, das sich aus dem alten Paradigma von souveränen Nationalstaaten ergibt. Seine Mitglieder sind mehrheitlich national verfasste Kirchen oder Denominationen. Sie achten eifersüchtig darauf, ihre Autonomie und unabhängige Entscheidungsmacht zu erhalten und wehren Eingriffe oder Einflussnahmen in ihre „inneren Angelegenheiten“ ab. Der Ökumenische Rat als Institution hat daher nur beratende Funktion und besitzt keine „gesetzgebende Gewalt“ über seine Mitgliedskirchen.

Die Mitgliedskirchen des Ökumenischen Rates sind ihrerseits eingebunden in die Interessenlage und politische Dynamik ihrer jeweiligen Staaten, sei es in Konformität oder in Kritik und Widerspruch bis hin zum offenen Widerstand. Die Interessengegensätze, die das gegenwärtige internationale System prägen und in seiner Funktionsfähigkeit zeitweise lähmen, spiegeln sich daher auch innerhalb der Gemeinschaft der Kirchen im Ökumenischen Rat. Besonders deutlich wurde dies in den 70er und 80er Jahren des vergangenen Jahrhunderts im Streit um das Antirassismusprogramm und neuerdings in den Auseinandersetzungen über die Globalisierung. Aber auch in der organisierten ökumenischen Bewegung gibt es die von sozialen Bewegungen getragene Kritik an der „Ökumene der Institutionen“. Sie hat gegenüber den Beharrungstendenzen der verfassten Kirchen den ursprünglichen Impuls der ökumenischen Bewegung lebendig erhalten und immer wieder starken Einfluss auf die Arbeit des Ökumenischen Rates ausgeübt. Besonders deutlich wurde dies im Rahmen des konziliaren Prozesses für Gerechtigkeit, Frieden und die Bewahrung der Schöpfung.

EIGENINTERESSEN VERSUS HERRSCHAFT DES RECHTS

Zur Zeit seiner Gründung war der Ökumenische Rat ein neuartiger Versuch, die Kirchen über ihre nationalen und konfessionellen Begrenzungen hinauszuführen und ihren konstitutiven Beziehungen eine klare Gestalt zu geben. Er wurde damit zum Modell für alle weiteren ökumenischen Organisationen auf regionaler, nationaler und lokaler Ebene. Angesichts der immer engeren globalen Verflechtungen und der damit verbundenen neuartigen Spannungen und Konflikte zeigen sich heute allerdings die institutionellen Grenzen und Schwächen des Modells. Auf der globalen Ebene herrscht inzwischen der unverhohlene Wettbewerb um Einfluss und Standortvorteil. Behauptung der Eigeninteressen hat Vorrang vor den Bemühungen um multilaterale Kooperation. Das wirkt sich auch auf das Verhalten der Kirchen aus.

Konfessionelle und institutionelle Eigeninteressen treten wieder stärker in den Vordergrund und schwächen die Bereitschaft zu ökumenischer Zusammenarbeit. Die Römisch-Katholische Weltkirche ist in dieser Situation besser aufgestellt als die Gemeinschaft der Kirchen im Ökumenischen Rat und erhebt deutlich einen globalen ökumenischen Führungsanspruch. Sie präsentiert sich als die verbindliche Gestalt kirchlicher Einheit, als die kirchliche Form von „global governance“. Gleichzeitig müssen der Ökumenische Rat und seine ähnlich strukturierten Partnerorganisationen sich auseinandersetzen mit der wachsenden Vielfalt global agierender ökumenischer Initiativen und Netzwerke und der zunehmenden „zivilgesellschaftlichen“ Kritik an der „Ökumene der Institutionen“.

Der weitgehend anarchische Zustand der internationalen Beziehungen mobilisiert machtpolitische Vorstellungen von der Durchsetzbarkeit imperialer Ansprüche, wie sie von konservativen Kreisen in den USA formuliert worden sind. Realpolitiker vertrauen eher auf das alte Modell des 19. Jahrhunderts, das auf dem Gleichgewicht der großen Mächte aufbaute. Gegenüber der Dynamik der marktradikalen Globalisierung erweisen sich beide Ansätze zur Lösung des Problems globaler Steuerung als untauglich. Die Forderung, wirksame Formen von „global governance“ zu entwickeln, richtet sich daher vor allem auf den Ausbau eines verbindlichen und kohärenten Rechtsrahmens, um Interessenkonflikte auf friedlichem Wege beilegen zu können und den elementaren Menschenrechten Geltung zu verschaffen. Dem stehen noch immer die Interessen der Verteidigung nationaler Souveränität und nationaler Interessen entgegen. Dennoch befindet sich die internationale Gemeinschaft eindeutig auf dem Weg zu einer Rechtsgemeinschaft, die die Steuerung des globalen öffentlichen Raumes nicht der Macht der Stärkeren überlässt, sondern sie der Herrschaft des Rechts unterstellt.

Dieser Herausforderung sieht sich auch die ökumenische Bewegung gegenüber.Der Prozess der Globalisierung auf wirtschaftlicher Ebene hat umgekehrt eine Neubelebung und Pluralisierung religiöser Identitäten zu Folge gehabt. Das Profil der Weltchristenheit ist im Begriff sich radikal zu verändern gegenüber der Situation um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert, als die ökumenische Bewegung sich zu formieren begann. Die Beziehungen zwischen den Kirchen und christlichen Traditionsfamilien müssen neu ausgehandelt werden. Weder das Modell der zentral gesteuerten Weltkirche, noch das von den national organisierten, historischen Großkirchen geprägte Modell des Ökumenischen Rates bieten eine schlüssige Antwort auf diese Herausforderung. Die Römisch-Katholische Kirche stellt zwar eine weltweite Rechtsgemeinschaft dar, aber der Anspruch göttlicher Legitimation für die eigene Rechtstradition zieht der verlässlichen Gestaltung ökumenischer Beziehungen enge Grenzen.

AUS SCHWÄCHE WIRD STÄRKE

Die Schwäche der ökumenischen Bewegung und der von ihr entwickelten Aktionsformen liegt demgegenüber darin, dass bislang alle Versuche fehlgeschlagen sind, auch nur so etwas wie einen „Verhaltenskodex“ für die Beziehungen zwischen ökumenischen Partnern zu formulieren. Vor bald 40 Jahren gab es eine intensive Diskussion über „Konziliarität“ als die Disziplin der Gemeinschaft. Zwei Jahrzehnte später wurde der Versuch unternommen, eine Disziplin für das ökumenische Miteinanderteilen zu formulieren. Beide Ansätze blieben freilich ohne Folgen. Gegenwärtig konzentrieren sich die Versuche auf die Formulierung von Regeln im Blick auf das Verständnis und die Praxis von Bekehrung in interreligiösen Beziehungen.

Aber vielleicht zeigen sich hier letztlich die Grenzen der Analogie zwischen der ökumenischen Bewegung und der internationalen Staatengemeinschaft bei der Suche nach effektiven Formen von global governance. Denn die entscheidende Grundlage der ökumenischen Bewegung ist allein die durch das Christusbekenntnis geschaffene Gemeinschaft untereinander, die eine wechselseitige Verantwortung und die Bereitschaft zur gegenseitigen Rechenschaft impliziert. Die offensichtliche institutionelle Schwäche des Ökumenischen Rates und anderer ökumenischer Organisationen, auch gegenüber Interessen- und Machtkonflikten, könnte sich vielleicht gerade als verborgene Stärke erweisen. Jedenfalls werden die ökumenischen Organisationen inzwischen verstärkt angefragt und ernst genommen als „ehrliche Makler“ für Vertrauensbildung und als Anwälte einer Kultur des Dialogs und der Solidarität, die nicht der politischen Logik der Macht und der wirtschaftlichen Logik der Kapitalrendite folgte, sondern auf Kommunikation und Kooperation setzt. Der Aufbau einer globalen Rechtsgemeinschaft bedarf der gleichzeitigen Arbeit an einer solchen Kultur öffentlicher Verantwortung. Hier liegen die Chancen und der Auftrag der ökumenischen Bewegung.


Prof. Dr. Konrad Raiser war von 1993 bis 2003 Generalsekretär des Ökumenischen Rats der Kirchen, Genf.